Viele Männer und Väter tragen viel im Beruf, in der Familie, in Beziehungen und sprechen dennoch selten darüber, wie es ihnen wirklich geht. Carlson El Murtadi begleitet Männer und Väter dabei, Stress besser zu verstehen, innere Stabilität aufzubauen und wieder handlungsfähig zu werden. Im jameda-Interview spricht er darüber, was Männer häufig belastet, warum Hilfeholen so schwerfällt und welche kleinen Schritte im Alltag viel verändern können.
Mich hat früh beschäftigt, dass Männer oft sehr lange „durchhalten“ bis es nicht mehr geht. In meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich mich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich Depression und Überlastung bei Männern zeigen häufig anders, als man es klassisch erwartet. In der Praxis bestätigt sich das immer wieder:
Viele Männer kommen nicht mit dem Satz „Ich bin psychisch belastet“, sondern mit Schlafproblemen, Gereiztheit, Erschöpfung oder dem Gefühl, innerlich nur noch zu funktionieren. Ich wollte verstehen, was dahintersteht und wie man Männer so begleiten kann, dass sie sich ernst genommen fühlen und frühzeitiger Unterstützung annehmen.
Sehr häufig geht es um chronischen Stress, Leistungsdruck und das Gefühl, ständig „unter Strom“ zu stehen. Manche berichten von zunehmenden Konflikten in der Partnerschaft, weil sie schneller gereizt sind oder sich zurückziehen. Andere merken, dass Erholung nicht mehr richtig greift selbst am Wochenende. Auch Themen wie Selbstwert, Vaterrolle, Trennung, berufliche Veränderungen oder das Gefühl, „nicht mehr richtig bei sich“ zu sein, spielen eine große Rolle.
Viele Männer sind so sozialisiert, dass sie Probleme eher “lösen” als darüber sprechen. Das ist grundsätzlich eine Stärke. Schwieriger wird es, wenn Gefühle und Warnsignale dauerhaft übergangen werden. Dann zeigt sich Stress oft indirekt über Reizbarkeit, Rückzug, Überarbeitung oder körperliche Beschwerden. Das bedeutet nicht, dass Männer weniger empfinden, sondern häufig, dass sie anders mit Belastung umgehen.
Man kann sich das wie einen Bereich vorstellen, in dem unser Nervensystem gut reguliert ist. Innerhalb dieses „Fensters“ können wir klar denken, fühlen uns stabil und bleiben handlungsfähig. Wird die Belastung zu hoch, kippt das System entweder in Übererregung – mit innerer Unruhe und Gereiztheit – oder in Untererregung, also Erschöpfung und Rückzug. Viele Männer erleben genau dieses Pendeln:
Unter der Woche funktionieren sie auf Hochspannung, und sobald es ruhiger wird, fällt alles in sich zusammen.
Hilfe in Anspruch zu nehmen ist für viele innerlich mit dem Anspruch verbunden, es eigentlich allein schaffen zu müssen. Verantwortung zu tragen und stark zu sein gehört für viele Männer zum Selbstbild. Zudem werden Belastungssymptome zunächst oft körperlich oder funktional wahrgenommen etwa über Schlafstörungen oder Leistungsabfall und nicht direkt als psychische Überforderung eingeordnet. Häufig ist es erst der Leidensdruck im Alltag oder in Beziehungen, der den Impuls gibt, etwas zu verändern.
Mir ist wichtig, dass die Arbeit klar, respektvoll und alltagsnah ist. Zunächst schauen wir gemeinsam, welche Belastungsmuster sich wiederholen und wie das Nervensystem darauf reagiert. Darauf aufbauend entwickeln wir praktikable Strategien etwa zur Stressregulation, zum Umgang mit innerem Leistungsdruck oder zur bewussteren Gestaltung von Pausen und Grenzen. Es geht nicht darum, Stress vollständig zu vermeiden, sondern die eigene Stabilität so zu stärken, dass man handlungsfähig bleibt.
Viele sind erleichtert, wenn sie verstehen, dass ihre Reaktionen keine Charakterschwäche sind, sondern nachvollziehbare Stressreaktionen des Körpers. Diese Einordnung nimmt Scham und Selbstvorwürfe. Aus „Ich bin nicht belastbar genug“ wird dann eher „Mein System ist überlastet und ich kann lernen, anders damit umzugehen.“
Der wichtigste Schritt ist, die Signale ernst zu nehmen. Anhaltende Schlafprobleme, ständige Gereiztheit oder innere Erschöpfung sind Warnzeichen. Kleine, regelmäßige Schritte sind oft wirksamer als radikale Veränderungen: bewusste Erholungszeiten, Bewegung als Ausgleich, kurze Atempausen im Alltag oder ein klärendes Gespräch.
Und vor allem: nicht allein bleiben mit dem Thema.
Stabilität bedeutet nicht, immer stark zu sein. Stabilität bedeutet, sich selbst gut genug zu kennen, um rechtzeitig zu regulieren, Grenzen zu setzen und Unterstützung anzunehmen. Wer versteht, was bei Stress im eigenen Körper passiert, gewinnt Handlungsspielraum zurück beruflich wie privat.
Über Carlson El Murtadi; M.Sc.
Carlson El Murtadi ist Männertherapeut und zertifizierter Berater (Univ.) mit einem Master of Science in Klinischer Psychologie der London Metropolitan University. Als Heilpraktiker beschränkt auf Psychotherapie begleitet er Männer und Väter bei Stressbelastung, Erschöpfung, depressiven Symptomen, Beziehungsfragen und Übergängen in herausfordernden Lebensphasen. Sein Schwerpunkt liegt auf einer evidenzbasierten, nervensystemorientierten Begleitung mit dem Ziel nachhaltiger Stabilisierung und Selbstregulation.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt oder eine fachärztliche bzw. psychotherapeutische Praxis. Eine frühzeitige Abklärung kann helfen, körperliche Ursachen auszuschließen und geeignete Unterstützung einzuleiten.
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