Die Entscheidung für eine Vasektomie ist für viele Männer und Paare ein Befreiungsschlag in Sachen Verhütung. Sie gilt als die sicherste Methode weltweit. Dennoch schleicht sich bei vielen Männern nach dem Eingriff eine subtile Sorge ein: Was ist, wenn es doch versagt? Die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft trotz OP ist psychologisch völlig verständlich, lässt sich jedoch durch medizinisches Wissen und die richtige Nachsorge stark entkräften.

Das Phänomen des Vasektomieversagens ist extrem selten, aber medizinisch möglich. Man unterscheidet dabei im Wesentlichen drei Arten des Versagens:
- Das technische oder operative Versagen
Diese Form tritt auf, wenn während des Eingriffs Fehler passieren. Ein klassisches Beispiel ist, wenn die fasziale Interposition (Verschluss der im Rahmen der Samenleiterfreilegung seiner eröffneten Bindegewebigen Hüllen um den oberen, harnröhrenwärts gerichteten Samenleiterstumpf) nicht vollständig ist oder in seltenen Fällen anatomische Varianten vorliegen (wie ein doppelter Samenleiter auf einer Seite), die unentdeckt bleiben. Auch die Verwechslung des Samenleiters mit einem Blutgefäß gehört hierzu. Durch die Durchführung des Eingriffes in einem High volume-Center unter Anwendung moderner minimalinvasiver Techniken, wie z.B. einer Open ended no scalpel-Vasektomie ist dieses Risiko heute jedoch verschwindend gering.
- Die frühe Rekanalisierung
In den ersten Wochen nach der Operation befindet sich das Gewebe im Heilungsprozess. Bei dem Eingriff arbeitet der Operateur nur der Natur zu, damit in und um die harnröhrenwärts gerichteten Samenleiterstümpfen feste Narben entstehen, die erst dafür sorgen, dass die Samenleiterstümpfe für die Spermien nicht mehr durchgängig sind. Der Prozess der Narbenbildung und ihrer Verfestigung dauert mindestens 3 Monate. Ein frühes Vasektomieversagen tritt meistens in diesem Zeitraum auf. Bei einer frühen Rekanalisierung bilden sich durch das frisch gebildete Granulationsgewebe (Vorgänger der Narbe) mikroskopisch kleine Kanäle zwischen den beiden durchtrennten Enden des Samenleiters. Die Spermien finden so einen Weg, die Lücke zu überbrücken, und gelangen wieder in das Ejakulat.
Eine frühe Rekanalisierung tritt je nach medizinischer Datenlage und verwendeter Operationstechnik mit einer Häufigkeit von ca. 0,2 % bis 5 % auf. Einen immensen Einfluss auf die Häufigkeit eines frühen Vasektomieversagens hat die Operationsmethode:
- Höchstes Risiko: Wenn die Samenleiter lediglich abgebunden und ein Stück herausgeschnitten wird und eine fasziale Interposition (Gewebeverschiebung zwischen den Samenleiterstümpfen) findet nicht statt. In solchen Fällen kann es in den ersten Wochen bei bis zu 13 % bis 25 % der Männer zu einer mikroskopischen, teils vorübergehenden frühen Rekanalisierung kommen.
- Geringstes Risiko: Bei modernen minimal invasiven Verfahren, die eine thermische Verödung (Fulguration/Kauterisation) mit einer Gewebeverschiebung (fasziale Interposition) kombinieren, sinkt das Risiko einer frühen Rekanalisierung gegen nahezu 0 %. Als optimale OP-Technik hat sich die Open ended no scalpel-Vasektomie erwiesen. Dadurch dass es beim No scalpel-Verfahren nicht geschnitten, sondern lediglich gestochen und gespreizt wird, kommt es zur minimalen Gewebetraumatisierung. Das beschleunigt den Heilungsprozess und die Bildung für die Sicherheit erforderlichen Narben. Hier kommt das Prinzip „Weniger ist mehr“ im wahrsten Sinne des Wortes zur Geltung. Es ist gut vorstellbar, dass Nebenhodensekret mit Spermien, wie jede Flüssigkeit, die unter Druck nach dem Verschluss des hodennahen Samenleiterstumpfes steht, nach den Wegen mit dem geringsten Widerstand sucht. Diese sind im weichen Granulationsgewebe vor dem Abschluss der Narbenbildung relativ schnell und leicht zu finden. Der Verzicht auf den Verschluss des hodennahen Samenleiterstumpfes bei einer Open ended-Vasektomie führt zu einer Druckentlastung des Nebenhodens und im Stumpfes selbst. Das Nebenhodensekret mitsamt Spermien (ca. 0,2 – 0,4 ml pro Tag) tritt anfangs in die Weichteile des Hodensacks aus. Der Körper bildet in en nächsten Wochen ein Granulom am offenen hodennahen Samenleiterstumpf – eine meistens pfefferkorngroße Struktur, in der Spermien aufgefangen und abgebaut werden. Ab diesem Zeitpunkt dient das Granulom, ähnlich wie ein Druckausgleichsbehälter, der Druckentlastung des Nebenhodens und reduziert auf diese Weise das Risiko einer frühen Rekanalisierung.
- Die späte Rekanalisierung
Dies ist der Albtraum vieler Paare, aber statistisch ein absolutes Ausnahmeereignis (oft mit einer Wahrscheinlichkeit von unter 1 zu 2.000 beziffert). Hierbei wachsen die Samenleiter Monate oder sogar Jahre nach einem bereits unauffälligen Spermiogramm spontan wieder zusammen. Warum das passiert, ist medizinisch nicht vollständig geklärt, hängt aber oft mit einer starken körpereigenen Regeneration zusammen.
Warum die Ejakulatprobe der Schlüssel zur Sicherheit ist
Um ein frühes Vasektomieversagen rechtzeitig zu erkennen und absolute Gewissheit zu haben, ist die postoperative Erfolgskontrolle (das Kontrollspermiogramm) unerlässlich. Die Vasektomie wirkt nämlich nicht sofort. Nach dem Kappen der Leiter befinden sich in den oberen Abschnitten immer noch unzählige befruchtungsfähige Spermien.
Gemäß den aktuellen medizinischen Leitlinien gelten für die Ejakulatprobe folgende Kernregeln:
- Der richtige Zeitpunkt: Die Probe sollte frühestens 3 Monate nach dem Eingriff abgegeben werden. Gut Ding will Weile haben: Je mehr Zeit vergeht, desto sicherer ist der Nachweis der vollständigen Spermienfreiheit. Da ein frühes Vasektomieversagen in diesem Zeitraum eintritt, ist es mit dieser Probe erfasst. Erweist sich diese Ejakulatprobe als steril, erübrigen sich weitere Tests, da ein spätes Vasektomieversagen extrem selten ist (unter 1 zu 2.000) und der Zeitpunkt seines Auftretens nicht vorausgesagt werden kann.
- Die Anzahl der Ejakulationen: Der Körper muss die verbliebenen Spermien aktiv "ausspülen". Daher wird die Probe erst nach mindestens 20 bis 25 Samenergüssen empfohlen.
- Wichtigste Verhaltensregel: Bis der behandelnde Urologe Ihnen bestätigt, dass keine Spermien (Azoospermie) oder nur noch vereinzelte, nicht-bewegliche Spermien im Ejakulat nachweisbar sind, muss unbedingt weiterhin konsequent anderweitig verhütet werden!
Fazit
Die Angst vor einem Versagen lässt sich am besten durch Konsequenz besiegen. Wer geduldig die Heilungsphase abwartet, fleißig "ausspült" und den Kontrolltermin beim Arzt wahrnimmt, kann sich danach auf die zuverlässigste Verhütungsmethoden verlassen, die die moderne Medizin zu bieten hat.


