Artikel 14/10/2008

Unverschuldete Armut durch Krankheit

Team jameda
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Mitten im April ging nichts mehr. Gesundheitlich war der Punkt, an dem man noch von akzeptabel sprechen konnte, längst überschritten. Lena gab trotzdem alles, um ihren Arbeitsplatz zu halten. Jeder Tag war eine Qual, und sie merkte, dass es weiter bergab ging. Aufgeben? Ab und zu ging ihr dieser Gedanke durch den Sinn, doch was dann?

An einem Donnerstag gegen Mittag war der Punkt erreicht. Lena hatte sich aus ihrem Büro begeben, um Erledigungen in einer anderen Abteilung zu tätigen. Auf dem Weg dorthin wurde ihr schwindlig, aber das war sie schon fast gewohnt. Sie hielt sich am Geländer fest und schnappte nach Luft. Ihre Atmung war seit Wochen merkwürdig, sie konnte nur noch stoßweise atmen und keuchte zwischendrin. Ihr Arzt zuckte jedes Mal mit den Schultern, wenn sie kam, und ihr schien es, als sei er nicht nur ratlos, sondern auch froh, wenn sie sein Sprechzimmer wieder verließ.
Lena wankte zur Tür, um zur Abteilung zu gelangen, in der sie etwas erledigen sollte. Sie hielt sich mit beiden Händen am kalten Edelstahlgriff fest. Fast eine Minute stand sie da, dann kam eine Kollegin und klopfte an die Glastür. Lena schrak zusammen und schwankte zurück. Die Kollegin sah sie an und sprach, doch alles klang wie durch eine dicke Wand. „Mädchen was ist los? Komm, ich rufe jemanden, Du bist ganz grau im Gesicht. Setz Dich bitte auf den Boden, ich bin sofort wieder da.“ Lena hauchte: „Es geht gleich wieder, es ist alles in Ordnung.“ Die Kollegin ließ sich nicht beirren und lief zum nächsten Telefon und verständigte Hilfe.

Man brachte Lena erst ins Krankenzimmer, doch dort ging es ihr noch schlechter. Die Luft ist hier abgestanden, meinte die Kollegin zur Mitarbeiterin, die das Krankenzimmer betreute. Es gab kein Fenster zum Öffnen, und man brachte Lena in ihr Büro. Die beiden fragten Lena nach ihrem Hausarzt und wählten die Nummer, während sie Lena den Apparat ans Ohr hielten. „Kann ich bitte gleich kommen, ich habe das Gefühl ich sterbe, “ hauchte Lena ins Telefon. Der Arzt entgegnete, es ginge heute nicht, erst nächste Woche. Lena sackte weiter in sich zusammen und nahm ihre letzte Kraft zusammen: „Ich komme jetzt.“ Die Kolleginnen schüttelten den Kopf über das Verhalten des Arztes und rieten einen Krankenwagen zu rufen. „Nein, lasst mich, es geht schon wieder, lasst mich nur ein wenig ruhen.“

Mit den Atembeschwerden gingen seit Wochen phasenweise Herzprobleme und irrsinnige Kopfschmerzen einher. Ungeheuere körperliche Schwäche hatte sich manifestiert- und dann war da noch die Eiseskälte- die nicht mehr aus dem Körper von Lena wich. Sogar ins Solarium hatte sie sich geschleppt- um „aufzutauen“, aus lauter Verzweifelung und Schmerzen vor innerer Kälte. Sie fuhr morgens eine halbe Stunde eher zur Arbeit, weil sie nicht mehr die Kraft hatte- sofort aus ihrem Auto auszusteigen- und für den Weg in ihr Büro brauchte sie Minuten länger als gewohnt. Sie suchte die Schuld bei sich, überlegte- ob sie ihren Körper nicht besser trainieren müsse. Lena rief sogar im Fitness-Studio an und fragte nach einer Probewoche. Den Weg bis dorthin schaffte sie jedoch nicht, es waren nur 300 Meter.

Die Treppe beim Arzt schien nachzugeben, alles schwankte. Irgendwie hatte Lena es geschafft- mit ihrem eigenen Auto dorthin zu fahren, nachdem die Kolleginnen wieder an ihren Arbeitsplatz zurückgegangen waren. Die Arzthelferin an der Anmeldung sah Lena mit großen Augen an, murmelte etwas- was sie nicht verstand und öffnete sogleich die Tür zum Arzt. Dieser starrte Lena an, ging auf sie zu und sagte: „Was ist denn mit Ihnen los? Ihre Puppillen sind wie Stecknadelköpfe, sie sind völlig grau im Gesicht.“ Lena brachte nur noch hervor: „Sie haben wieder Pestizide an meinem Arbeitsplatz versprüht. Ich glaube, ich sterbe.“

Das war der letzte Arbeitstag von Lena, damals war sie 29 Jahre alt. Was folgte von da an, waren blanker Kampf ums Überleben, 1 ½ Jahre Dauerkrankschreibung und dann Erwerbsunfähigkeitsrente.

Der Kampf um ihr Überleben kostete Lena und ihre Familie mehr, als sie je in ihrem Arbeitsleben verdient hatte. Aus der ehemals erfolgreichen jungen Frau war ein schwer behinderter Mensch geworden, der ohne Hilfe und Unterstützung nicht leben kann.

Die Verursacher zogen sich aus der Affäre, so wie man es von Tausenden anderer Fällen kennt, bei denen Menschen durch Chemikalien an ihrem Arbeitsplatz erkrankten. Sie werden zu Sozialfällen ohne eigenes Verschulden, in einer Gesellschaft, der es an fast nichts mangelt. Ist keine Familie im Hintergrund, die das Potential hat, einen jungen Menschen wie Lena aufzufangen, ist die Verarmung zwangsläufig vorprogrammiert.

Dieser Artikel wurde für den Weltblogtag 2008 zum Thema Armut erstellt.

Autor:
Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 15. Oktober 2008

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