Akustische Tinnitustherapie

Dr. Walter

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© Dr. med. Uso Walter© Dr. med. Uso WalterChronische Ohrgeräusche sind weit verbreitet und können zu einer starken Beeinträchtigung der Lebensqualität führen. Sie führen zu Stressreaktionen im Körper und diese verstärken wiederum den Tinnitus. Ziel jeder Behandlung ist es daher, den Teufelskreis aus nervendem Tinnitus und vegetativer Anspannung zu durchbrechen. Dabei spielen neben Entspannungsmaßnahmen vor allem auch akustische Therapieformen eine entscheidende Rolle. Ihr Effekt beruht auf einer gezielten Beeinflussung der zentralen Hörverarbeitung mit dem Ziel, den störenden Tinnitus auf neuronaler Ebene zu unterdrücken (akustische Neuromodulation). Vor allem drei Verfahren sind wissenschaftlich gut dokumentiert:

1. Noiser
Der Einsatz von Noisern geht auf die Forschungsarbeiten von Prof. Jastreboff in den 90er Jahren zurück. Ein neutrales weißes oder braunes Rauschen vermischt sich mit dem Tinnitus, so dass ein neutrales Gesamtgeräusch entsteht, das von der Hörverarbeitung im Gegensatz zum Tinnitus unterdrückt wird. Kurzfristig wird der Tinnitus durch den Ablenkungseffekt leiser. Langfristig lernt die Hörverarbeitung, den Tinnitus auch mit immer weniger Noiser-Rauschen zu unterdrücken, so dass sich der Noiser im Laufe der Zeit im Idealfall selbst überflüssig macht (Habituation).

Noiser werden in Form von Hörgeräten angeboten und sind verordnungsfähig. Die Kosten werden zum größten Teil von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen übernommen. Da ihr Effekt nicht frequenzspezifisch ist, können sie bei allen Arten von Tinnitus eingesetzt werden. Bei gleichzeitiger Schwerhörigkeit sind auch Kombinationsgeräte (Noiser mit Hörgerät) erhältlich. Noiser sind vor allem dann indiziert, wenn es tagsüber zu häufig wechselnden akustischen Situationen kommt und bieten eine Art ?akustisches Sicherheitsnetz?.

2. Notched-noise-Therapie
In Studien von Pantev und Lugli konnte in den letzten Jahren gezeigt werden, dass sich ein tonaler Tinnitus (also ein Tinnitus, der auf einen umschriebenen Frequenzbereich beschränkt ist) durch das Ausschneiden der Tinnitusfrequenz aus einem Rauschen oder aus Musikstücken langfristig bessern lässt. Das beruht einerseits auf einer Schonung der Nervenfasern, die den Tinnitus ständig übertragen, und andererseits auf einer Hemmung dieser Nervenzellen durch die Nachbarzellen (laterale Hemmung).

3. Coordinates reset stimulation
Durch die zusätzliche Verstärkung von Frequenzen, die dem Tinnitus direkt benachbart sind, wird dieser Effekt noch verstärkt und die neuronale Übertragung noch stärker gehemmt. Der Tinnitus wird dadurch im Laufe der Zeit immer leiser.

Seit Anfang 2014 ist die eine Therapie auf dem Markt, die alle drei akustischen Therapieprinzipien in einer individuell auf die Tinnitusfrequenz abgestimmten MP3-Datei vereinigt und als CD für 45,- Euro erhältlich ist. Die Tinnitusfrequenz kann selbst auf einer Website oder beim spezialisierten HNO-Arzt bestimmt werden.

Da es sich bei allen Verfahren um Lernprozesse handelt, sollte die Therapie im Idealfall mehrere Stunden täglich und über einen längeren Zeitraum erfolgen. Der Effekt kann vor allem bei älteren Patienten durch eine hochdosierte Ginkogabe (240 mg am Tag) noch verstärkt werden, da Ginko die neuronalen Umbauprozesse und damit den Lernvorgang unterstützt.

Grundsätzlich sollten akustische Tinnitustherapien im Rahmen eines strukturierten Gesamtkonzeptes (z.B. “Tinnitus - na und?!“ vom HNOnet NRW und der Deutschen Tinnitusliga) mit anderen Therapiebausteinen kombiniert werden. Im weiteren Sinne zu den akustischen Therapieverfahren gehören das Hörtraining bei einer Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis) und hörverbessernde Maßnahmen bei einer Hörminderung. Diese sollten den oben genannten Maßnahmen grundsätzlich vorausgehen:


Ausgewählte Literatur
Tass PA, Adamichic I, Freund HJ, von Stackelberg T, Hauptmann C: Counteracting tinnitus by acoustic coordinates reset neuromodulation. Restor Neurol Neurosci 2012; 2: 137-9

Okamoto H, Stracke H, Stoll W, Pantev C: Listening to tailormade notched music reduces tinnitus loudness and tinnitus related auditory cortex activity. Port Natl Acad Sci USA 2010; 107: 1207-10

Lugli M, Romani R, Ponzi S, Bacciu S, Parmigiane S: The window sound therapy: a new empirical approach for an effective personalized treatment of tinnitus. Int Tinnitus J 2009;15 (1): 51-61

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (8)


01.04.2015 - 17:22 Uhr

Wo ist den die im Abschnitt "coordinates reset...

von Christa

... stimulation" genannte CD für 45 € erhältlich? Freundliche Grüße Christa

Dr. Walter

Antwort vom Autor am 02.04.2015
Dr. med. Uso Walter

bei www.mynoise.de. Hier kann auch die tinnitusfrequenz getestet werden und Sie finden das kostenlose e-book "Chronischer Tinnitus - eine Gebrauchsanweisung" in deutsch, türkisch und englisch sowie als kindle-Version.

15.03.2015 - 12:58 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Walter, was bedeutet der...

von Katrin

... medizische Begriff "Endolymphydrops" beim chronischen Tinnitus ? Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort

Dr. Walter

Antwort vom Autor am 16.03.2015
Dr. med. Uso Walter

Unter Endolymphhydrops versteht man eine akute Ausdehung der Innenohrflüssigkeit (Endolymphe) beim Morbus Meniere. Hier durch werden die Sinneszellen gereizt und es kann zu Tinnitus, einer Hörminderung und Schwindel kommen.

11.08.2014 - 10:48 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Walter, möchte mich ganz...

von Klaus-Peter

... kurz halten, seit ca16 Jhr. habe ich Tinnitus, fast schon alles an Therapien durchgeführt - irgendwann habe ich festgestellt , dass mir die Modulation am besten hilft - möchte die nun gängige akustischen Therapie wieder auf nehmen - bitte geben Sie mir einen Vorschlag, welchen Arzt hier in der Nähe (12km östl. von Darmstadt), die für mich vorteilhafteste akustische Therapie durchführen kann. Vielen Dank für Ihre Bemühungen im Voraus

Dr. Walter

Antwort vom Autor am 17.08.2014
Dr. med. Uso Walter

Die akustische Tinnitustherapie kann unabhängig von einem HNO-Arzt durchgeführt werden, z.B. über www.mynoise.de. Eine HNO-ärztliche Abklärung ist ja wahrscheinlich bereits bei Ihnen vorgenommen worden.

07.07.2014 - 16:35 Uhr

Guten Tag Herr Dr. Walter, ich habe schon seit 4...

von Sara

... Jahren beidseitig Tinnitus welcher damals mit Infusion ohne Erfolg behandelt wurde. Da es mich aber nicht gestört hat, habe ich auch keine weitere Therapieversuche unternommen. Nun habe ich in einem Zeitraum wo ich gesundheitlich angeschlagen war (zahn, erkältung,extreme Verspannung durch zu viel Sport...) und auch Stress dazu kam, zusätzlich einen neuen Ton bzw Klingelton dazu bekommen. Dieser hat mich aber im gegensatz zu den beidseitigen Ton, extrem belastet. Während der Einnahme von Kortison Tabletten verschwand das Geräusch, nach absetzen der Tabletten kam er aber wieder. (Durch Fixierung evlt?) Ist das ein gutes Zeichen das es gewirkt hat, und warum hat es nur für einen kurzen Zeitraum gewirkt? Vor allem bin ich erschüttert das ein Tinnitus im Sinne von zusätzlichen Tönen verschlechtern kann?! Vielen Dank im voraus.

Dr. Walter

Antwort vom Autor am 07.07.2014
Dr. med. Uso Walter

Stress belastet sowohl das Ohr direkt und kann dadurch Tinnitus auslösen, er verändert aber auch die Hörverarbeitung und kann einen bestehenden Tinnitus verschlechtern. wenn jetzt eine Besserung nur unter Cortison auftritt sollte neben einer HNO-fachärztlichen abklärung auch noch mal das Kiefergelenk untersucht und ggf. behandelt werden, da hier ein häufiger Zusammenhang besteht. Ansonsten gilt: Akustische Ablenkung von Anfang an, damit das Geräusch sich nicht fixiert!!

27.06.2014 - 15:21 Uhr

Sehr geehrter Herr dr.Walter , was raten Sie mir...

von ulla

... :Habe vor einem Jahr eine Teleskopprothese bekommen (im unteren Backenzahnbereich ) und zwei Wochen später trat auf dieser Seite über Nacht ein sehr quälender Tinnitus auf .Infusionen beim HNO, Osteopathie ,Bissschiene ..alles ohne Erfolg. Nehme auf Rat eines Neurologen Gabapentin. Danke für Ihren Rat.

Dr. Walter

Antwort vom Autor am 29.06.2014
Dr. med. Uso Walter

Da eine ursächliche Therapie nach einem Jahr sicher nur noch schwer möglich ist, wäre auch bei Ihnen eine Kombination von vegetativ/muskulärer Entspannung und akustischer Tinnitustherapie, z.B. mit einer mynoise-CD (www.mynoise.de) die erfolgversprechendste Behandlung. Hierdurch kann der Tinnitus auf neuronaler Ebene unterdrückt werden.

28.05.2014 - 12:20 Uhr

Sehr geehrter Dr.med.Uso Walter Da ich beim HNO...

von Günte

... Arzt wegen Ohrengeräusche lautes Pfeifen bekam ich folgende Therapie. Infusion-,Sauerstoff-und Magnetfeldtherapie von Ringer-Lactat-Lösung von jeweils 12Anwendung.es ist keine Erleichterung spürbar. Somit möchte ich sie bitten für Information. Im voraus vielen Dank Achtungsvoll Günter

Dr. Walter

Antwort vom Autor am 29.05.2014
Dr. med. Uso Walter

Es kommt jetzt auf eine Kombination von Entspannungsverfahren und akustischen Verfahren an. Eine ausführliche Erläuterung zur Therapie des chronischen Tinnitus gebe ich in meinem Patientenvortrag, der als DVD erhältlich ist: http://www.tinnitus-na-und.de/dvd-bestellen

16.03.2014 - 12:44 Uhr

Können Sie mir bitte nähere Informationen geben...

von U

... über die von Ihnen erwähnte Therapie mit der CD ? Danke

Dr. Walter

Antwort vom Autor am 17.03.2014
Dr. med. Uso Walter

Sie finden alle weiteren Infos und auch eine Bestellmöglichkeit unter www.mynoise.de

15.03.2014 - 13:24 Uhr

Hallo meine Frau wurde vor ca 3 Monate am rechten...

von werner

... Ohr operiert: Vereiterrung am Knochen. Seit der Zeit leidet sie an Geräuschen im Ohr und nässel im Ohr. Antibiotika half nicht, nun bekommt sie schon seit langer Zeit eine Farblösung ins Ohr. Das nässel im Ohr bleibt immer noch. Der Professor der sie operierte lehnt eine weitere OP ab. was könnte man tun? MFG

Dr. Walter

Antwort vom Autor am 16.03.2014
Dr. med. Uso Walter

Bei so genannten Radikalhöhlen kommt es häufig aufgrund der schlechten Belüftung und der fehlenden Selbstreinigungsmöglichkeit zu nässenden Stellen und wiederholten Infekten. Diese müssen tatsächlich übewiegend lokal und leider oft über längere Zeiträume behandelt werden. Der Tinnitus sollte unabhängig davon therapiert werden. Neben einer Hörverbesserung ist die Ablenkung mit neutralen Geräuschen wie im Artikel beschrieben hilfreich (Noiserprinzip). Bei einem tonalen Tinnitus mit konstanter Frequenz hilft auch eine notched-noise-Therapie z.B. von mynoise.


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