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Zeckenstich - Wie weiter?

Dr. Riedel

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© Falco © www.fotolia.de© Falco © www.fotolia.deDie Infektion mit Borreliose-Erregern nach einem Zeckenstich ist keine harmlose Angelegenheit. In Deutschland treten geschätzt rund 800 000 Neuinfektionen pro Jahr auf. Wahrscheinlich mehr als eine Millionen Menschen leiden hierzulande an einer chronischen persistierenden Infektion. Die meisten davon unentdeckt und unbehandelt.

Viele Menschen sind nach einem Zeckenstich sehr beunruhigt und machen sich Sorgen hinsichtlich einer möglichen Borrelien-Infektion. Diese Sorge ist zwar berechtigt, jedoch sollte das Infektionsrisiko realistisch eingeschätzt und das weitere therapeutische Vorgehen danach ausgerichtet werden.

Wie hoch ist das Infektionsrisiko nach einem Zeckenstich und wie sollte gehandelt werden, wenn noch keinerlei Infektionssymptome vorliegen? Die folgenden Ausführungen beziehen sich ausschließlich auf das Vorgehen, wenn der Patient nach einem Zeckenstich (noch) keinerlei Symptome einer Frühborreliose aufweist (z. B. Wanderröte oder grippeähnliche Symptome ohne Schnupfen). 

Das durchschnittliche Risiko, nach einem Zeckenstich eine Infektion mit Borrelien zu erleiden, ist relativ gering und liegt zwischen 3 - 6 %. Eine generelle Einnahme von Antibiotika nach einem Zeckenstich ohne weitere Symptome ist daher nicht notwendig.

Allerdings steigt dieses Risiko sowohl mit dem Durchseuchungsgrad der Zecken, als auch mit der Saugzeit. Der Anteil der Zecken, die Borreliose-Erreger enthalten, ist regional verschieden und liegt zwischen 10 - 40 % mit den höchsten Raten in Süddeutschland. Das Infektionsrisiko nach einem Stich mit einer infizierten Zecke erhöht sich drastisch auf 20 - 35%.

Entscheidend für das weitere Vorgehen ist die Einschätzung der Saugzeit der Zecke, da die Borrelien-Erreger zumeist erst nach einer Saugzeit von mehr als 8 Stunden in den menschlichen Körper gelangen. Daher ist das Infektionsrisiko selbst bei einem Stich mit einer infizierten Zecke gering, wenn die Zecke rasch entdeckt und sachgerecht entfernt wurde. Es ist sehr wichtig, sich selbst, aber vor allem Kinder, nach dem Aufenthalt im Freien jeden Abend nach Zecken abzusuchen. Wird die Zecke erst am nächsten Morgen entdeckt oder ist sie bereits sehr vollgesogen, dann ist davon auszugehen, dass die Zecke bereits länger als 8 Stunden saugte.

Wenn noch keinerlei Krankheitssymptome vorliegen, ist auch in solchen Fällen keine Antibiotika-Einnahme erforderlich. Allerdings ist es jetzt ratsam, die Zecke im Labor auf Borrelien untersuchen zu lassen (sog. „Zecken-PCR“). Enthält die Zecke keine Erreger, dann ist auch keine Therapie notwendig. Wurden in der Zecke dagegen Borrelien gefunden, dann besteht ein sehr hohes Infektionsrisiko. Eine antibiotische Frühtherapie über mindestens 10 Tage mit den bevorzugten Wirkstoffen Minocyclin oder Clarithromycin ist ratsam.

Besteht die Möglichkeit nicht, die Zecke untersuchen zu lassen, ist der Nachweis der Infektion durch bestimmte Labortests bereits 7 - 10 Tage nach dem Stich möglich (Elispot oder Lymphozytentransformationstest). Diese Tests werden meist nur von Speziallaboratorien angeboten und sind nicht zu verwechseln mit den allgemein bekannten Antikörpertests, welche erst nach rund 4 - 6 Wochen die Infektion nachweisen können.

Zeigen diese Tests keine Infektion an, bedarf es keiner weiteren Therapie, jedoch sollte der Patient angehalten werden, in den nächsten Wochen auf die Symptome einer Frühborreliose zu achten. Im Zweifelsfall kann eine klassische Antikörperbestimmung nach 4 - 6 Wochen erfolgen. Dieses Vorgehen empfiehlt sich auch für Patienten, bei denen die Durchführung von Elispot oder Lymphozytentransformationstest nicht möglich ist.

Ist allerdings eine erfolgte Infektion durch das Laborergebnis bewiesen, so ist das therapeutische Vorgehen genauso, als wenn der Patient bereits Symptome einer akuten Borrelieninfektion aufweist. Eine mindestens 30-tägige Antibiotikatherapie mit den Wirkstoffen Minocyclin (Zieldosis von 2 x 100 mg) oder Clarithromycin (Zieldosis 2 x 500 mg) ist dann notwendig. Bei beiden Medikamenten ist die Therapie einschleichend zu gestalten. Für Kinder ist das Mittel der Wahl Clarithromycin (in einer gewichtsangepassten Dosierung).

Der sehr häufig noch eingesetzte Wirkstoff Doxycyclin scheint nach den Studien von Sapi E et al aus dem Jahre 2011 die Entwicklung einer persistierenden Infektion eher zu begünstigen. Daher sollte Doxycyclin nicht mehr eingesetzt werden, auch wenn diese Erkenntnis in noch kaum eine Leitlinie Eingang gefunden hat.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (4)


07.12.2018 - 18:38 Uhr

Mein Lebenspartner leidet seit 5 Wochen unter...

von Sybille P.

... starkem ischiasschmerz. Er hatte im Sommer eine Zecke am Hoden. Nun ist unsere Frage ob das auch eine boliorose sein kann. Die Schmerzen fingen in der Wade an und strahlten dann aus. Die Ärzte haben schmerzmittel verordnet, die er aber nicht nehmen kann, da seine Nieren vorgeschädigt sind. Wir wissen uns nicht mehr zu helfen. Physiotherapie hilft auch nicht.

27.11.2018 - 20:19 Uhr

Etwa vor 2 Jahren hatte ich einen Zeckenstich. Die...

von A.

... erste Blutprobe hat ergeben: ja und nein. Nach 3 Wochen 2. Probe: nein. Vor 4 Wochen habe ich am rechten Oberarm ohne erkennbaren zeckenbiss einen großen roten Fleck entdeckt. Wieder Bluttest und Ergebnis: Borellien. Habe Antibiotika bekommen, jetzt habe ich Angst, dass,das eine chronische Borreliolose sein könnte. Was kann ich tun, um das zu überprüfen.? Mit freundlichen grüßen

Dr. Riedel

Antwort vom Autor am 29.11.2018
Dr. med. Frank Riedel

Zur Abklärung einer chronischen Borreliose sind mehrere Tests notwendig, da es keinen einzigen Test gibt, der für sich alleine diese Erkrankung sicher ausschließt oder beweist. Erst die Kombination mehrere Ergebnisse lässt dazu eine Aussage zu. Zu solchen Test gehören beispielsweise: - Antikörper einschließlich Blot - Lymphozytentransformationstest oder Elispot - CD57-Zellen - zellulärer Immunstatus - Schwermetall- und Vitalstoffdiagnostik - Co-Infektionen (weitere Krankheitserreger) In der Regel werden Sie sich dafür an einen Spezialisten wenden müssen. Mit freundlichen Grüßen Dr. Riedel

29.06.2018 - 12:10 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Riedel, vielen Dank für...

von Beate

... Ihre super schnelle Rückmeldung! Es ist wirklich sehr hilfreich, dass man hier die Möglichkeit hat, als Betroffener den Rat eines Experten einzuholen, denn beim Thema Borreliose gibt es offenbar zahllose individuelle Unterschiede, demzufolge auch bei Online-Recherchen viele sehr unterschiedliche, teilweise auch widersprüchliche Empfehlungen. Nochmals herzlichen Dank! Mit freundlichen Grüßen Beate W.

28.06.2018 - 11:44 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Riedel, ich habe mir am...

von Beate

... 17.06.18 bei der Gartenarbeit eine Zecke geholt, die ich am nächsten Morgen wegen eines leichten Schmerzes dort an der rechten Hüfte entdeckt (und über Nacht plattgelegen) habe und sofort entfernt habe (ohne Probleme, aber sie hatte sich eindeutig festgebissen). Sofort danach fing Rötung, Schwellung und eine Mischung zwischen Schmerz und Juckreiz an, bis 19.06. wurde das schlimmer, woraufhin ich sofort mit Doxycylin (200 mg tgl.) begonnen habe. Die Schwellung und Rötung wurden im Verlaufe der nächsten Tage noch etwas größer, sind aber jetzt inzwischen rückläufig. Meine Frage nun- wie lange sollte ich mit dem Doxy fortfahren und kann ich jetzt gleichzeitig mit Saunagängen etwas Positives bewirken? Ich weiß natürlich noch nicht, ob es wirklich zu einer Borrelioseinfektion kam, allerdings spricht die spontane Entzündungsreaktion natürlich für etwas Abnormales dort, vielleicht auch durch das Quetschen der Zecke über Nacht, was wohl dazu führen kann, dass alle Erreger aus der Zecke noch leichter ins Gewebe übertragen werden. Die immer leicht schmerzhafte Einstichstelle ist immer noch gerötet (noch mind. 5 cm groß). Gibt es noch andere Antibiotika, mit denen man sicherheitshalber noch eine Weile nach Abschluss der Doxy-Therapie fortfahren sollte? VielenDank! Mit feundlichen Grüßen Beate W.

Dr. Riedel

Antwort vom Autor am 28.06.2018
Dr. med. Frank Riedel

Mit dem Doxycyclin haben Sie nicht grundsätzlich etwas falsch gemacht, gegen die spirochätale Form der Erreger ist es immer noch das beste Mittel. Erst wenn die Erreger die Persisterform angenommen haben (in der Regel im chronischen Stadium), dann wären andere Mittel zu bevorzugen. Bei der kurzen Zeitspanne zwischen Zeckenstich und Therapiebeginn liegen aber noch keine Persisterformen vor. Möglicherweise liegt jedoch auch gar keine Infektion vor, auch hier ist die Zeitspanne zwischen Stich und Erythem eigentlich zu kurz, das Erythem könnte daher auch als allergisch/toxische Reaktion gewertet werden. Trotzdem sind Sie mit der Therapie auf der sicheren Seite. Wenn einmal begonnen, dann sollte diese aber auch 4 Wochen durchgeführt werden.


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