Deutschlands größtes Arzt-Patienten-Portal

Vorhautverengung: Operation beim Kind kaum noch nötig!

Dr. Thiel

von
verfasst am

© chalabala - fotoliaBei den meisten Vorhautverengungen ist eine OP nicht nötig. Dennoch können sie Schmerzen bei Kindern verursachen. (© chalabala - fotolia)Wenn ein kleiner Junge auf die Welt kommt, ist die Vorhaut mit der Eichel verklebt und löst sich erst im Laufe der ersten Lebensjahre. Früher war man der Ansicht, das müsste bis zur Einschulung erledigt sein.

Heute wissen wir, dass dieser Prozess gelegentlich auch länger dauern kann, sich aber in den allermeisten Fällen doch noch spontan löst. Nur selten ist die Vorhaut tatsächlich eng und kann nicht zurückgeschoben werden. 

Die meisten Vorhautverengungen können ohne OP behandelt werden

In vielen Fällen ist die Vorhaut nur leicht verengt, sodass sie sehr gut mit Cortisonsalbe behandelt werden kann. Die Erfolgsraten dieser konservativen Therapie sind sehr hoch, wenn sie richtig und lange genug konsequent durchgeführt wird. In der Regel reichen dazu sechs bis acht Wochen aus.

Nicht mehr empfehlen sollte man, die Vorhaut schrittweise in der Badewanne zurückzuziehen, so wie es früher angeraten wurde. Dabei können Risse entstehen, die narbig abheilen. Am Ende hat man dann möglicherweise eine echte narbige Vorhautenge, die dann tatsächlich operiert werden muss.

OP nur selten notwendig

Die echte behandlungsbedürftige Vorhautverengung ist mit einer Häufigkeit von etwa 1 % relativ selten. Meistens handelt es sich um normale Entwicklungsstadien, die bei Bedarf vom Fachmann untersucht und beurteilt werden sollten. Dabei muss auch geprüft werden, ob eine angeborene Erkrankung wie eine Harnröhrenfehlmündung vorliegt.

Einen Notfall stellt immer noch die sogenannte Paraphimose – auch spanischer Kragen genannt – dar. Hier ist die enge Vorhaut zurückgezogen und verklemmt sich hinter der Eichel. Sie schwillt dann akut und schmerzhaft an, so dass die Patienten in der Regel in der Notaufnahme landen.

Eine Beschneidung ist nicht immer förderlich

Seit 2017 gibt es eine neue Leitlinie zur Therapie der Vorhautverengung, die von KinderchirurgenKinderärzten und Urologen, aber auch von Psychologen gemeinsam erarbeitet wurde. Demnach ist die Beschneidung bei Kleinkindern nur noch sehr selten medizinisch erforderlich. Vor allem sollte man in der kritischen Entwicklungsphase zwischen drei und sechs Jahren zurückhaltend sein.

Die Fachleute haben erkannt, dass die Vorhaut ein wesentlicher, keinesfalls ein überflüssiger Körperteil ist. Sie schützt die Eichel und hat selbst extrem viele sensible Nervenfasern, die für das Sexualempfinden wichtig sind. Nach der Geburt und im ersten Lebensjahr sollte die Beschneidung gar nicht mehr durchgeführt werden. In diesem Alter sollte der Eingriff nur auf ganz bestimmte Kinder mit Fehlbildungen und häufigen Harnwegsinfekten beschränkt sein.

Eine unnötige Beschneidung ohne Indikation und ohne vorherige medikamentöse Therapie sollte heute daher auch in Hinblick auf Risiken der Operation und der Narkose unterlassen werden. Komplikationen können in bis zu 10 % der Fälle auftreten und reichen von Wundheilungsstörungen über kosmetisch nicht zufriedenstellende Ergebnisse bis hin zur Fistelbildung mit weiteren Operationsnotwendigkeiten. Auch von Spätschäden und negativen Auswirkungen auf die Sexualentwicklung wird in der Fachliteratur zunehmend berichtet.

Bei Ärzten, Eltern und in der Gesellschaft hat daher ein Umdenkungsprozess zum Wohle der Kinder begonnen: Man waretet heute eher ab, statt zu opererieren.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

Wie hilfreich fanden Sie diesen Artikel?
8
Interessante Artikel zum Thema „Kindergesundheit”

Kommentar abgeben oder Rückfrage stellen:

Ihr Name(wird veröffentlicht)
Ihre E-Mail(wird nicht veröffentlicht)
Ihr Kommentar(wird veröffentlicht)
 
Ich akzeptiere die Nutzungsrichtlinien und AGB der jameda GmbH und habe die Datenschutzerklärung gelesen.
  

Kommentare zum Artikel (1)


27.08.2018 - 18:22 Uhr

Bei einer Zirkumzision werden die für das sexuelle...

von Edward v. R.

... Erleben zentralen Körperteile des Penis amputiert, das Gefurchte Band (ridged band), die innere Vorhaut und das Frenulare Delta (frenular delta). Schon gar kein Junge im Kindergartenalter, aber auch kein männlicher Grundschüler oder Fünft- und Sechstklässer braucht eine retrahierbare (zurückziehbare) Vorhaut. Deshalb: Finger weg vom Kindergenital! Einzige Ausnahme ist der Junge selbst, der nach Belieben an seinem Penis herumhantieren darf, der weiß nämlich als einziger, was schmerzlos ist und damit ungefährlich (und zusätzlich lustvoll). Zum Lebensalter für eine vollständige Retrahierbarkeit des Präputium, Thema Zurückziehenkönnen der Vorhaut: Von menschlicher Natur aus und bei bester Gesundheit erst mit 10,4 (zehn Komma vier!) Jahren und auch dann kann das erst jeder zweite Junge (Jakob Øster (1968); Hiroyuki Kayaba et al. (1996), Thorvaldsen and Meyhoff (2005)). Die Vorhaut, nicht die Eichel, ist der für leichte Berührung empfindlichste Teil des intakten männlichen Geschlechtsorgans (Sorrells, Snyder, Reiss, Ede, Milos, Wilcox, Van Howe: Fine-touch pressure thresholds in the adult penis). Die Vorhaut ist sensibler als die menschlichen Lippen oder Fingerspitzen. Aufgrund ihrer sexuellen Empfindsamkeit spielt das Präputium eine bedeutende Rolle im Sexualleben unbeschnittener Männer und eine jede Vorhautamputation belastet Sexualität, Sexualpartner und Partnerschaft (Frisch, Lindholm, Grønbæk: Male circumcision and sexual function in men and women: a survey-based, cross-sectional study in Denmark). Zu den durchweg nachteiligen Auswirkungen jeder medizinisch nicht indizierten männlichen Beschneidung gehört eine lebenslange starke Schädigung der sexuellen Sensitivität, denn die über 73 Meter Nervenfasern und 10.000 bis 20.000 überwiegend spezialisierten Nervenendigungen bzw. Tastkörperchen (Meissner-Körperchen, Vater-Pacini-Körperchen, Ruffini-Körperchen und Merkel-Zellen) werden bei der Zirkumzision, die wir endlich männliche Genitalverstümmelung (MGM) nennen sollten, amputiert. Diese spezialisierten Nervenendigungen dienen dazu, auch leichteste Berührungen sowie Feinheiten von Temperatur, Geschwindigkeit bzw. Vibration oder Textur wahrzunehmen und weiterzuleiten. Im Vergleich dazu befinden sich auf der Glans penis (Eichel) nur rund 4.000 überwiegend unspezialisierte freie Nervenenden, sogenannte Nozizeptoren, die Schmerzreize aufnehmen und weiterleiten können. Die schmale Zone der Eichel zwischen Corona glandis (Eichelrand) und Sulcus coronarius (Penisfurche), die von Natur aus doch (wenige) Lustrezeptoren enthält, keratinisiert (verhornt) im Laufe der Jahre, was beschnittene Männer als großen Verlust an (restlicher) sexueller Lebensqualität beschreiben und mit Schutzmaßnahmen (vor mechanischer Reibung im Alltag) bzw. mit Restoring (Versuch der Wiederherstellung der Vorhaut) nur begrenzt ausgleichen können. Durch die Zirkumzision würden dem Jungen oder dem Mann ein Großteil der Nervenendigungen des Penis insgesamt und fast alle der besonders empfindlichen niedrigschwelligen spezialisierten Nervenendigungen irreversibel entfernt (amputiert). Die empfindlichsten Regionen des unbeschnittenen Penis werden bei einer Beschneidung entfernt. Der Junge braucht anatomisch faktenbasierte Beratung und bis zum Alter von 18 Jahren ein unversehrtes Geschlechtsorgan (genital intactness). Edward v. R., Diplom-Sozialpädagoge (FH)


Inhaltssuche

Durchsuchen Sie sämtliche Artikel auf jameda. Wenn Sie auf der Suche nach Ärzten oder Heilberuflern sind, geht es hier zur Arztsuche

Passende Behandlungsgebiete