Sexualtherapie bei pädophilen und hebephilen Straftätern: 5 wichtige Module

Was sind pädophile und hebephile Präferenzen? (© benwhitephotography - unsplash)

Pädophilie und Hebephilie sind Muster der sexuellen Präferenz eines Menschen, die in der Regel bis Ende des 16. Lebensjahres ausgeprägt sind- ähnlich wie andere sexuelle Präferenzmuster auch (z.B. Heterosexualität, Homosexualität, Fetischismus etc.). Diese Muster der Präferenz bleiben lebenslänglich erhalten und gelten nach aktuellem Stand der Forschung als nicht veränderlich, auch nicht durch Psychotherapie.

Für sich genommen stellt eine solche sexuelle Präferenz keinen Makel, keine Schuld und auch kein Verbrechen dar: es handelt sich erst einmal nur darum, dass für Betroffene das vorpubertäre Körperschema (bei der Pädophilie) bzw. das frühpubertäre Körperschema (bei der Hebephilie) besondere sexuelle Anziehungskraft hat.

Wie häufig treten pädophile oder hebephile Präferenzen auf?

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 1-2% aller Männer und Frauen in Deutschland eine pädophile oder hebephile sexuelle Präferenz haben, das wären also ca. 800.000 Menschen. Der Großteil dieser Menschen lebt diese Präferenz allerdings nicht aus. Die meisten von ihnen haben auch nicht „nur“ das pädophile oder hebephile Präferenzschema, sondern leben ihre Sexualität ohne Probleme im Rahmen einer Partnerschaft zwischen zwei erwachsenen Menschen.

Wann sind Pädophilie und Hebephilie strafbar?

Problematisch sind diese beiden Formen der sexuellen Präferenz immer dann, wenn Betroffene diese Form der Sexualität in der Realität mit Kindern oder Jugendlichen ausleben. Denn jede Konfrontation mit der Sexualität eines älteren kann für die psychische Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen erheblichen Schaden ausrichten (z.B. Traumatisierungen, Unfähigkeit zu eigenen sexuellen Erfahrungen, Scham- und Schuldgefühle etc.).

Kinder und Jugendliche haben ein unbedingtes Recht darauf, in ihrer sexuellen Entwicklung nicht durch die sexuellen Bedürfnisse von pädophilen oder hebephilen Menschen beeinträchtigt zu werden. Das gilt auch für Annäherungsversuche, die auf den ersten Blick „liebevoll“ oder „einvernehmlich“ erscheinen: denn ein Kind oder ein Jugendlicher kann noch gar nicht beurteilen, welche psychischen Folgen ein solcher Übergriff für das eigene Leben haben wird.

Was vielen Menschen mit pädophiler oder hebephiler Sexualpräferenz nicht klar ist: auch das Anschauen von kinderpornografischen Fotos oder Videos im Internet ist eine tatsächliche und höchst reale Schädigung real existierender Kinder. Wer sich solche Bilder über das Internet besorgt, wirkt direkt dabei mit, dass Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht werden und ist daher nicht nur ein „harmloser Voyeur“, sondern schlicht und ergreifend ein Sexualstraftäter, der nach den Regelungen des Strafgesetzbuches verfolgt und verurteilt werden kann und soll.


Wann ist eine Therapie bei Pädophilie und Hebephilie sinnvoll?

Grundsätzlich ist eine Psychotherapie für Menschen mit pädophiler oder hebephiler Neigung immer sinnvoll. Schließlich haben solche Menschen eine moralische Verantwortung dafür, dass sie diese ihnen sozusagen von Natur aus mitgegebene Neigung ihr Leben lang nicht ausleben dürfen. Das ist eine schwere und in gewisser Hinsicht auch ungerechte Bürde- die sich im Denken von betroffenen vielleicht dadurch relativieren lässt, dass es im menschlichen Leben auch andere und mit Sicherheit noch deutlich gravierendere „ungerechte Bürden“ gibt, z.B. körperliche und geistige Behinderungen, schwere Krankheiten etc.

Eine pädophile oder hebephile Präferenz allein ist kein Grund dafür, dass ein betroffener Mensch ein unglückliches Leben führt oder sich zwangsläufig früher oder später an Kindern oder Jugendlichen vergreifen muss. Die pädophile oder hebephile Präferenz ist allerdings ein Thema, mit dem sich Betroffene bewusst auseinandersetzen müssen, um nicht von ihrer eigenen Sexualität in einem unbedachten Moment überwältigt zu werden und sich dann zu Handlungen hinreißen zu lassen, die sie selbst in ihrer eigenen Biografie schädigen- und erst recht die betroffenen Kinder und Jugendlichen.

Eine professionelle Psychotherapie ist ein wichtiger Bestandteil, um pädophilen oder hebephilen Menschen zu helfen. (© Ambrophoto - fotolia)
Am besten ist daher eine präventive Therapie, wie sie in Deutschland etwa über das Projekt „Kein Täter werden!“ kostenlos angeboten wird. Aus psychologischer Sicht wichtig: Dieses Netzwerk wendet sich an Menschen mit pädophiler oder hebephiler Präferenz, nicht aber an Menschen, welche den Zwangsgedanken haben, sie könnten pädophil werden. Das wäre dann eine andere Störung, im Englischen als POCD bekannt (pedophile-themed obsessive-compulsive disorder), auf deutsch: pädophile Zwangsgedanken. Zu diesem Thema habe ich hier im Experten-Ratgeber einen eigenen Artikel mit weitergehenden Informationen verfasst.

Erst recht notwendig ist eine Therapie bei Menschen, die bereits durch sexuell motivierte Straftaten mit Kindern und Jugendlichen schuldig geworden sind (z.B. sexuelle Übergriffe im eigenen Bekanntenkreis oder bei Schutzbefohlenen, Internet-Chats, Internet-Pornografie). Eine solche Therapie wird bei Ersttätern oft als Auflage des Gerichtes angeordnet. Leider gibt es in Deutschland nur sehr wenige Institutionen und Therapeuten, die eine entsprechende Therapie anbieten.


Wie kann eine Therapie bei pädophilen oder hebephilen Straftätern funktionieren? 

Seit 2013 hat ein Forschungskreis unter der Leitung von Prof. Klaus Michael Beier an der Berliner Charité ein verhaltenstherapeutisches Manual für die Behandlung pädophiler und hebephiler Menschen entwickelt, das aus dem Berliner Präventionsprojekt Dunkelfeld hervorgegangen ist und 2018 als Berliner Dissexualitätstherapie (BEDIT) veröffentlicht wurde.


5 wichtige Module für die Therapie bei Pädophile/Hebephilie sind:

  1. Psychoedukation: Die Betroffenen sollen selbst zu Experten auf dem Gebiet Pädophile/Hebephilie werden und die Zusammenhänge zwischen Sexualität, Sexualpräferenz und dissexuellem Verhalten (Missbrauchsverhalten) verstehen. Durch das eigene Verständnis können Ängste und Unsicherheiten geringer werden und die Handlungsmotivation steigen, die eigene Veranlagung nicht als schicksalsgegeben und unkontrollierbar anzusehen- sondern als eine Lebensaufgabe, die durch entsprechendes Wissen und entsprechende Techniken gelöst werden kann.
  2. Akzeptanz: Wer seine sexuelle Präferenz nicht akzeptiert, sondern verleugnet, hat ein deutlich erhöhtes Risiko, erneut zum Täter zu werden. Um sich also selber vor Rückschlägen zu schützen (und natürlich auch weitere potentielle Opfer) ist es also wichtig, die eigene Veranlagung als solche zu akzeptieren und aufgrund dieser Akzeptanz dann die entsprechend notwendigen Konsequenzen zu ziehen.
  3. Grundverständnis für die Wirkungsweise von Gefühlen und Umgangstechniken mit Gefühlen: Gefühle bringen uns dazu, die Welt sozusagen nur mehr durch den Filter des Gefühls zu sehen. So gehe ich z.B. im Rahmen des Gefühls der eigenen Lust fast schon selbstverständlich davon aus, dass auch mein Gegenüber Lust empfindet. Und je stärker mein Gefühl wird, desto stärker wird auch die „Gefühls-Blindheit“. Wir Menschen werden aber nicht nur durch unsere Gefühle gesteuert- im Gegenteil, wir haben sogar eine Verantwortung dafür, mit unserem Verstand unsere Gefühle zu kontrollieren. Bei manchen Gefühlen, so etwa sexuellen Gefühlen gegenüber Kindern, benötigen wir aktive Verfahren, um diese Gefühle einzugrenzen und abzuschwächen.
  4. Fähigkeit zu Empathie und Perspektivenwechsel: Durch entsprechende psychotherapeutische Verfahren lernt der Täter bzw. die Täterin, das eigene Tun auch aus der Perspektive der Opfer zu erleben. Häufig wird den Betroffenen hier zum ersten Mal klar, welchen Schaden ihr Tun angerichtet hat.
  5. Rückfallprophylaxe: Die Betroffenen lernen, Frühwarnsignale für erneutes dissoziales Verhalten zu erkennen, z.B. soziale Vereinsamung als ersten Schritt (1) hin zum Besuch von Chat-Foren (2), in denen dann in einem nächsten Schritt die tatsächliche Anbahnung zu Kontakten mit Kindern (3) geschieht etc. Sie lernen, wie wichtig die Pflege und Versorgung der eigenen sozialen Bedürfnisse (durch eine Partnerschaft, durch einen Freundkreis, durch Sozialkontakte) ist, um sich vor erneuten R�ckfällen abzusichern.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

Wie hilfreich fanden Sie diesen Artikel? 0

Kommentar abgeben oder Rückfrage stellen:

Kommentare (0)

Interessante Artikel zum Thema "Psyche & Nerven"

Alle Artikel anzeigen

Sie suchen einen passenden Arzt für Ihre Symptome?