Gelenkbeschwerden bei Stoffwechselerkrankungen - es muss nicht immer Gicht sein

Dr. Pfeiffer - Privatpraxis

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© lightpoet - FotoliaBeschwerden in den Gelenken bedeuten nicht immer Gicht (© lightpoet - Fotolia)Die bekannteste Erkrankung unter den angeborenen Stoffwechselerkrankungen dieser Gruppe ist wohl die Gichterkrankung. Dabei kommt es zu vermehrter Bildung von Harnsäurekristallen im Gelenk, Schleimbeutel und umliegendem Gewebe, welche dann die berüchtigten, sehr schmerzhaften  Gichtanfälle auslösen.

Es gibt aber auch weitere sogenannte Kristallarthritiden, die nicht durch Harnsäurekristalle, sondern andere Stoffwechselprodukte gebildet werden und schmerzhafte Gelenk-, gelenknahe oder Wirbelsäulenbeschwerden auslösen, weil sich die Kristalle im Gewebe ablagern  und schmerzhafte  Einlagerungs- und Auflösungsprozesse einleiten. Im höheren Alter nehmen sowohl die Gichterkrankung der Frau (Geschlechterverteilung allgemein  80 zu 20), als auch generell Stoffwechselerkrankungen mit Kalkablagerungen und damit verbundene kristallinduzierte Entzündungen des Bindegewebes dramatisch zu.

Gicht – häufig eine Schnelldiagnose

Da die Gicht mit circa 80% die häufigste dieser Kristallentzündungen darstellt, wird sie oft als einzige Ursache einer plötzlich einsetzenden schmerzhaften Ursache angenommen, auch wenn der Patient durchschnittliche Harnsäurewerte besitzt, weil auch bei „normalen“ Harnsäurewerten im Blut ein Gichtanfall nicht ausgeschlossen werden kann. So verordnet der Arzt in der Regel entzündungshemmende Medikamente, welche auch abschwellend und schmerzlindernd wirken und mit ein wenig Glück auch die oft einmalige Erkrankung zur scheinbaren Abheilung führen. Häufig rät der Arzt dem Patienten zu purinarmer Nahrung, Meidung von Alkohol und Kontrolle des Harnsäurespiegels, der dann  auch oft bei einer, meist einmaligen Kontrolluntersuchung im Normbereich liegt. Die Sache wäre dann zu vergessen, wenn ein nicht unerheblicher Teil der Patienten erneute Gelenk- oder Wirbelsäulenbeschwerden in weiteren zeitlichen Abständen aufwiese.

Anamnese und Diagnose alternativer Erkrankungen

Für den Arzt gilt es dann abzuklären, welche der möglichen Kristallbildungen hinter der Gelenkentzündung oder dem  Schmerz an der  Wirbelsäule steckt, um daraufhin die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten. Die klinische Symptomatik stellt sich meist einheitlich dar in Rubor, Calor, Dolor, (Rötung, Überwärmung, Schmerz und Schwellung). Darum ist die Diagnose rein vom Erscheinungsbild nicht zu stellen. Mehr Informationen liefert dann das Röntgenbild oder das Kernspintomogramm, die Knochen und Weichteilverhältnisse graphisch darstellen und mögliche pathologische Veränderungen zeigen. So sind vor allem degenerative Veränderungen und Bandscheibenvorfälle oder Einengungen des Nervenkanals abgrenzbar, aber auch schattengebende Verkalkungen wie Kalziumpyrophosphatsteine oder größere Hydroxylapatitablagerungen (auch an der Wirbelsäule) nachweisbar.

Des Weiteren hilft ein Blutbild um ggf. entzündliche Parameter und entsprechende Blutbildveränderungen nachzuweisen und so in der Diagnosestellung weiter zu kommen. Hier ist  auch der begleitende Hausarzt oder Internist gefordert. So weist der Arzt beispielsweise Gicht, Rheuma, Polyarthritis, eine  degenerative Gelenk- oder Bandscheibenerkrankung nach oder stellt die typischen Hydroxylapatitablagerungen fest. Dann gilt die Diagnose als gesichert und die Suche nach weiteren Möglichkeiten einer kristallinduzierten Erkrankung ist nicht mehr nötig.

Die Diagnose ist oft nicht leicht zu stellen

Schwierig wird es, wenn auch jetzt nach Röntgen, Kernspintomografie und erstem Labor keine brauchbare Erklärung für die Gelenkentzündung oder den Wirbelsäulenschmerz vorliegt. Hier folgt dann eine erweiterte Labordiagnostik, um eine Schilddrüsenunterfunktion, Magnesiummangel, eine Eisenspeicherkrankheit, einen Hyperparathyreodismus oder ein metabolisches Syndrom auszuschließen,  bei welchen die Ablagerungen von Kalziumpyrophosphatsteinen gehäuft auftreten.

Auch im Rahmen einer primären oder sekundären Oxalose (Nierenerkrankung) kann es zu Ablagerungen von Kalziumoxalatsteinen und damit verbundenen kristallinen Entzündungen kommen. Kalziumkarbonatkristalle kennen wir auch beim otogenen Schwindel als sogenannte Ohrsteine oder Otolithen, wo sie heftigen Schwindel auslösen. Weitere Differentialanalysen ergeben sich dann aus direkt gewonnenem Punktat und Gewebeanalysen sowie entsprechender Untersuchung im Speziallabor mit kristallographischer Analyse.

An der Wirbelsäule lassen sich solche Gewebeentnahmen wegen des damit verbundenen Aufwandes  nicht durchführen, hier ist die Diagnose einer kristallinen Entzündung des Gewebes in oder um den Wirbelgelenken zu vermuten. Eine kristallinduzierte Entzündung ist also wahrscheinlich, wenn bei fehlenden bildhaften Befunden und der Vermutung einer kristallinen Entzündung unter der Gabe einer ausreichenden Menge von nichtsteroidalen Antirheumatika schnell  Beschwerdefreiheit einsetzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass insbesondere bei älteren Patienten neben der Gichterkrankung auch an weitere Ursachen gedacht werden sollte. Nur so ist ein auf den Patienten zugeschnittenes Behandlungskonzept mit Laborkontrollen, entsprechenden  Medikamenten, antiphlogistischen lokalen Maßnahmen sowie  ggf. physiotherapeutische Anwendungen einzuleiten.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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