Wie Venenschwäche entsteht und behandelt werden kann

Wie entstehen Venenschwächen und wie können sie behandelt werden? (©fotolia-urope)

Venenschwäche ist eine Volkskrankheit. Die Hälfte der Bevölkerung zeigt Zeichen einer Venenerkrankung, sagt man. Nachhaltig halten sich Gerüchte, es sei eine Bindegewebsschwäche, gegen die man nicht viel tun kann – außer Kompressionsstrümpfe zu tragen und eine Operation durchführen zu lassen, wenn die Krampfadern Beschwerden machen. Nichts davon ist wahr.

Wie können Venenschwächen diagnostiziert werden?

Das größte Hilfsmittel der Venenspezialisten, der Ultraschall, ist in den letzten Jahren enorm verbessert worden. Endlich sind Venenklappen und ihre Funktion sichtbar. Das war kürzlich noch unmöglich. Ihr erfahrener Arzt kann ganz kleine Defekte finden, die dafür sorgen, dass sich die Beine am Ende des Tages schwer anfühlen – so wie ein tropfender Wasserhahn gegen Abend doch einen ganzen Eimer gefüllt hat.

2017 begann ich, Kinder und Jugendliche kostenlos zu untersuchen. Zu meiner Überraschung war bei fast der Hälfte eine krankhafte Veränderung zu finden: fehlerhafte Venenklappen, also kleine Venenabschnitte mit dem typischen krankhaften Rückfluss. Der Anfang einer Venenschwäche!

Während des körperlichen Wachstums werden auch die Defekte größer und bedeutender. Irgendwann sieht man bei 66 % der Kinder an einer ersten Stelle kleine Vorwölbungen von Adern oder eine leicht dunklere Farbe. Bei 34 % liegen die Defekte tiefer, so dass man sie bis zum 18. Lebensjahr nicht erkennen kann.

Unsere Folgerung: Angeborene kleine Klappenfehler sind nicht selten, sondern sehr häufig. Das Ende der Pubertät wäre der ideale Zeitpunkt für eine Untersuchung oder gar eine Behandlung. Sie besteht bei Patienten aufgrund der Geringfügigkeit der Befunde meist nur in einem oder zwei kleinen „Pieksern“, die weniger unangenehm als eine Blutentnahme sind und das Problem lösen.

Besonders bei langem Sitzen im Alltag wird die Durchblutung der Venen gestört (©fotolia-Antonioguillem)
Wie entstehen Venenschäden?

Nun gibt es noch eine zweite, dritte und vierte Art, eine Venenschwäche zu erwerben: Schäden durch Bewegungsmangel, Volumenüberlastung und Thrombosen.

Wenn Menschen sitzen oder stehen, steht auch die Durchblutung in den Venen still. Das Blut lagert sich dann in den Klappenbereichen der Venen ab. Hier tauscht es Entzündungsstoffe mit den Venenklappen aus, die dort nach und nach Umbauvorgänge auslösen. Ergebnis sind Verdickungen und Verkürzungen der Klappen. Wenn die Menschen Jahre später zum Arzt gehen, sind meist schon viele Venenklappen völlig zerstört.

Bereits nach 20 Minuten fehlender Bewegung im Alltag beginnt der „Angriff“ auf die Venenklappen, aber schon ein paar Schritte könnten ihn wieder abwehren! Unser tägliches Leben - von den PC-Spielen der Kinder bis zu den vielen Berufen am Schreibtisch, am Tresen oder im Auto - ist extrem venenschädlich.

Gelegentlich kann es vorkommen, dass durch besondere Belastungen wie Schwangerschaft, Leistungssport, schwere körperliche Arbeit, aber auch durch Herausforderungen des normalen Alltags einzelne Venenklappen überdehnt werden. Auch hier füllen sich die oberflächlichen und sichtbaren Venen vermehrt, sodass sie ästhetisch sehr stören können. Diese Art der Venenschwäche ist aber „gutartiger“, weil sie in einem ansonsten gesunden oder sogar sportlichen Organismus stattfindet. Die Krampfaderbehandlung ist bei Sportlern völlig anders als bei Büromenschen. Hier können viel mehr Venen gerettet werden.

Können Venenschäden behandelt werden?

Vierstündiges Sitzen kann auch durch eine Stunde Sport ebenso wenig ausgeglichen werden wie eine Schachtel Zigaretten durch eine Stunde frische Luft. Hier ist viel Aufklärungsarbeit und Ideenreichtum erforderlich, um etwas zu ändern – aber es ist möglich.

Experten können mit diesem neuen Wissen den Nutzen von Kompressionsstrümpfen oder Venenmedikamenten für den einzelnen Patienten eindeutig erkennen. Sie können die Patienten also individuell coachen, die Vorsorge wirksamer gestalten und sinnlose Maßnahmen vermeiden.

Jede noch so kleine Auffälligkeit, die ein Experte mit modernem Ultraschall erkennt, kann ein Hinweis auf eine beginnende Venenerkrankung sein. (©fotolia-zlikovec)
Welche Rolle spielen Thrombosen?

Thrombosen kommen nur scheinbar aus heiterem Himmel: Mit einem Wissen um die Risiken könnte wohl die Hälfte der Thrombosefolgen vermieden werden.

Was sind diese Risiken? Bewegungsmangel steht an erster Stelle, danach die unentdeckte Venenschwäche und Risiken wie Unfälle, Operationen, „die Pille“ und Karzinome. Oft fehlt die Aufmerksamkeit für Frühsymptome wie leichte Schwellungen und geringe Missgefühle.

Werden Thrombosen zu spät behandelt, führen sie zu unabänderlichen Venenklappenschäden und das leider oft im tiefen Venensystem. Hier sind keine einfachen Reparaturen möglich. Die Folge ist auch heute noch in 50 % der Fälle das „postthrombotische Syndrom“ mit ständiger Strumpftragepflicht. Die künftige bessere Lösung wird eine implantierbare künstliche Venenklappe sein, die über einen Katheter gelegt wird. An der Entwicklung wird derzeit gearbeitet.

Wie kann ich Veneninsuffizienz vorbeugen?

Es ist wichtig, dass Patienten ihre Venen verstehen und auf Störungen aufmerksam werden, bevor über Jahre größerer Schaden entsteht. Experten empfehlen jedem einen „Venencheck“, der an seinem Bein hervortretende Adern entdeckt und oder Schwellungen oder Schweregefühl beobachtet. Dabei wird eine qualifizierte ärztliche Ultraschalldiagnostik durchgeführt, bei der der Gefäßstatus überprüft und eine Vorsorgeberatung durchgeführt wird.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare (5)

Leila, 19.06.2021 - 23:07 Uhr

Hallo, ich habe eine Frage. Ich bin 16 Jahre alt und habe heute, als ich längere Zeit stand, rote Flecken an meinen Beinen (Unterschenkeln) bemerkt. Als ich genauer darüber nachgedacht und auch gegoogelt habe, fiel mir ein, dass ich diese Flecken oft nach längerem Stehen habe, z.B. beim Duschen. Nun denke ich, dass ich eine Venenschwäche habe. Meine Mutter hat eine Venenschwäche bzw. Krampfadern und wurde deshalb schon mehrmals operiert, sie bemerkte diese Schwäche aber erst mit Anfang 30 nach zwei Geburten. Ich wäre ja jetzt mit 16 sehr früh dran. Was kann ich dagegen tun? Leider bin ich überhaupt kein Sportfan, gibt es auch andere Möglichkeiten, um die Ausbreitung/ eine Verschlimmerung zu vermeiden? Muss ich für den Rest meines Lebens Kompressionsstrümpfe tragen? Ich gehe täglich 8 Stunden zur Schule, das lange Sitzen ist da natürlich nicht förderlich:( Für eine Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar! Viele Grüße Leila

Britta, 30.05.2021 - 04:00 Uhr

Ich beobachte bei meiner Tochter, 8 Jahre, verstärkte Veränderungen der Venen, die am Bein teilweise horizontal wellig verlaufen. Ich habe es auch schon öfters dem Kinderarzt gezeigt, der es beobachten möchte. Jedoch verstärken sich die Venen mit einzelnen, tieferen blauen Abschnitten, auch auf der Brust. Ich habe das Gefühl, dass bei Kindern die Thematik nicht ernst genommen wird und dass es ein Problem älterer Leute wäre. Ich mache mir aber ernsthafte Sorgen. Wohin soll ich mich damit wenden?

Antwort von Dr. med. Johann Christof Ragg, verfasst am 01.06.2021

Krampfadern bei Kindern?   Eine sehr interessante Frage, auf die ich gerne eingehe! Nach neuesten Daten finden sich bei mehr als 40% der Kinder einzelne Venenklappenschäden, die sich im Laufe des Lebens ausweiten. Bei weniger als 10% sind äusserlich schon im Kindesalter Venenveränderungen zu sehen - zum Beispiel örtliche Erweiterungen, dunklere Farbe, geschlängelter Verlauf. Es steckt IMMER ein Venenproblem dahinter. Die gute Nachricht: Es sind bei Kindern fast immer kleine, leicht lösbare Probleme. Wenn es mein Kind wäre, würde ich wissen wollen, was dahintersteckt! Nahezu immer kann man mit einer Behandlung auch etwas warten - bis das Kind alt genug ist, um ein paar kleine Piekser zu vertragen, oder gar, bis es volljährig ist. In den angioclinic Venenzentren gibt es - auf Grund der ersten HD-Ultraschallstudie an Kindern und den wissenschaftlichen Arbeiten an Methoden zur Venenklappenkorrektur - auch die Option, kranke Klappen zu stabilisieren oder gar zu heilen, mit einer einzigen kleinen schmerzfreien Injektion. Dieses Wissen ist relativ neu (3 Jahre) und daher bei Kinderärzten und auch bei Venenexperten noch weitgehend unbekannt. Nähere Informationen über info@angioclinic.de.   Dr. Ragg

Liane, 21.12.2017 - 12:40 Uhr

Hallo, ich habe eine Frage: Ich hatte vor sieben Wochen eine Operation und in Folge eine Thrombose vor vier Wochen. Nach Ultraschall heute hat sich die Thrombose weitgehend aufgelöst. Ich hab jetzt wahnsinninge Angst, dass ich lebenslang auf den momentan tragenden Kompressionsstrumpf angewiesen bin. Mit dem vorgeschriebenen halben Jahr kann ich mich ja anfreunden, aber lebenslang? Der Arzt machte so eine komische Bemerkung wegen den Venenklappen, dass man quasi zur Vorbeugung schon länger einen Strumpf tragen sollte. Ich bin 33, ich kann doch nicht lebenslang einen Strumpf brauchen müssen? Ich weiß gar nicht mehr weiter. Über Ihre Meinung per E-Mail würde ich mich sehr freuen. Liebe Grüße Liane T.

Antwort von Dr. med. Johann Christof Ragg, verfasst am 21.04.2020

Es gibt eine einfache Lösung. Finden Sie einen Experten, der aus dem Ultraschall Ihre Venenklappen und den Venenfluss beurteilen kann. Man kann heute sehr genau unterscheiden, ob es damals ein einmaliges unglückliches Ereignis war, ob bleibende Schäden entstanden sind oder ob bereits ein unerkanntes chronisches venenproblem vorlag. Wenn es Ihre Venenklappen schadlos überstanden haben und Sie normalen Venenfluss haben, dann brauchen Sie den Kompressionsstrumpf nicht! Nur 30% der Venenprobleme kann man mit einem Kompressionsstrumpf vorbeugen. Allerdings ist der Kompressionsstrumpf nützlich für alle Menschen, die sich zu wenig bewegen. Hoffe es hilft Ihnen weiter, alles Gute! Dr. Ragg

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