ROCD- Zwangsgedanken über die Liebe und über die eigene Beziehung

© WavebreakMediaMicro - fotolia

 Zweifel an der Partnerschaft und fehlende Gefühle

ROCD (Relationship obsessive compulsive disorder) ist im englischen Sprachraum eine weit bekannte und in der Wissenschaft vielfach untersuchte Form der Zwangsstörung.

Im deutschen Sprachraum ist das Störungsbild eher wenig bekannt und viele Betroffene erkennen nicht, dass es sich hier nicht um tatsächliche Probleme in der Partnerschaft handelt, sondern um rational nicht begründete Ängste und Vorstellungen, die sie daran hindern, Liebe und Zuneigung zum eigenen Partner zu empfinden bzw. auszudrücken.

Oft führen solche Gedanken zum Abbruch einer Beziehung- und das, obwohl beide Partner eigentlich sehr gut zueinander passen und alle äußeren Umstände für eine schöne und gemeinsame Zukunft sprechen.

Deswegen empfiehlt sich für Betroffene unbedingt eine sexualtherapeutische/ psychotherapeutische Beratung oder Therapie.


 Symptome für ROCD- Zwangsgedanken über die Beziehung

Von ROCD betroffene Personen geraten häufig in ein Grübelkarussell über Fragen, wie bspw.:

  • Liebe ich meine/n Partner/in wirklich oder bilde ich mir das nur ein?
  • Ist mein/e Partner/in wirklich der/die Richtige für mich? Und auch wenn das aktuell so erscheint, wie kann ich sicher sein, dass das auch in Zukunft immer so bleibt?
  • Passen wir als Paar tatsächlich in allen unseren Eigenschaften und Gewohnheiten zusammen?
  • Liebe ich mein/e Partner/in wirklich so sehr, wie das in einer idealen Beziehung sein sollte?
  • Bin ich moralisch minderwertig oder ein „Gefühls-Betrüger“, wenn ich mir über meine Liebe nicht immer 100% sicher bin?
  • Ist es ein Alarmzeichen für unsere Beziehung, wenn ich entdecke, dass mein/e Partner/in nicht in allen Punkten zu mir passt?
  • Muss ich Angst davor haben, dass ich mich plötzlich in jemand anderen verlieben könnte, der noch besser zu mir passt als mein/e Partner/in?
  • Muss ich Angst davor haben, dass ich mein/e Partner/in betrüge, obwohl ich das eigentlich gar nicht will?
  • Muss ich Angst davor haben, dass meine Zweifel über unsere Beziehung niemals mehr aufhören?
  • Auch wenn ich den Grund noch nicht kenne: Irgendwo muss es doch an unserer Beziehung liegen, dass gerade mir diese Gedanken gekommen sind?

 Die zwei wesentlichen Voraussetzungen für ROCD- Zwangsgedanken

Typisch für Zwangsgedanken ist, dass sie sich oft auf Fragen der Zukunft beziehen, die im Hier und Jetzt niemals endgültig entschieden werden können. Nach dem Motto: Die Gegenwart ist eigentlich ganz ok - es könnte aber sein, dass das in Zukunft ganz anders kommt?

Wenn sich die Zwangsgedanken auf solche Zukunftsprobleme konzentrieren, gibt es keine Möglichkeit zu einer eindeutigen Widerlegung: es kann ja in der Zukunft immer anders kommen, als es jetzt der Fall ist. Mir gefällt mein/e Partner/in hier und heute: aber wer garantiert mir, dass ich ihn oder sie morgen noch lieben werde?

Das heißt, es lässt sich über derartige Fragen letztlich unbegrenzt nachdenken, ohne dass ich eine abschließende Lösung finden kann. Wenn ich mich auf solche im Hier und Jetzt unlösbaren Fragen konzentriere, habe ich schon einmal die erste wesentliche Zutat für Zwangsgedanken.

Dazu muss aber noch eine zweite Voraussetzung kommen, nämlich die Überzeugung, dass sich das Grübeln lohnt. Denn auch psychisch gesunde Menschen werden immer wieder mit solchen Fragen konfrontiert, können sich dann aber davon abgrenzen.

Wenn ich an einer Zwangsstörung leide, dann bin ich tief davon überzeugt, dass mir mein Grübeln nützt. Ich glaube dann: Wenn ich nur lange genug über meine Probleme nachdenke, dann muss es doch irgendwo auf diese Fragen eine eindeutige Antwort geben. Und weil es diese eindeutige Antwort im Hier und Jetzt nicht geben kann, lande ich in der Endlos-Grübelschleife.

Inhaltlich bleibe ich bei Zwangsgedanken genau da hängen, wo mir meine Gedanken am meisten Angst machen. Das ist der Grund, warum viele Menschen mit einer Zwangsstörung phasenweise immer neue „Fässer“ mit negativen Gedanken aufmachen, so z.B., ich könnte plötzlich homosexuell geworden sein und deswegen meinen Partner oder meine Partnerin nicht mehr lieben.

Entsprechend gibt es auch homosexuell bzw. lesbisch veranlagte Menschen, die plötzlich vom Zwangsgedanken erfasst werden, sie könnten eigentlich heterosexuell sein und müssten deswegen ihre PartnerInnen verlassen.

Noch schlimmer ist für Betroffene der Zwangsgedanke, man könnte pädophil geworden sein und pädophile Straftaten begehen. Hier spricht man diagnostisch von einem sog. Versündigungswahn.

 Vom ROCD- Zwangsgedanken zur ROCD-Zwangshandlung

Zwangsgedanken in Bezug auf die Beziehung können auch zu einem zwanghaften Verhalten führen, das sich entweder im Drang äußert, bestimmte Dinge zu tun - oder auch in einem Vermeidungsverhalten, das mich aus Angst dazu bringt, bestimmte Dinge nicht mehr zu tun.


Zu den aktiven ROCD-Zwangshandlungen gehören beispielsweise:

  •  Ständiges Checken und Beobachten der eigenen Gefühle und Körperreaktionen
  • Rückfragen bei Eltern oder Freunden, ob der/die Partner/in wirklich zu mir passt, bzw. häufige Gespräche darüber, wie eine ideale Beziehung „wirklich“ aussieht
  • Häufiges Googlen im Internet nach Tests oder Informationen, die klar beweisen, ob ich und mein/e Partner/in uns wirklich lieben und tatsächlich zueinander passen
  • Besuch und Chats in Beziehungsforen zum Thema „richtige Liebe und wie ich sie erkenne“


Typisches Vermeidungsverhalten bei ROCD ist unter anderem:

  • Vermeiden von Sex und Nähe (weil das ja den Beweis bringen könnte, dass es definitiv zwischen uns nicht mehr stimmt)
  • Vermeiden, alte Freunde zu treffen, die vermeintlich in „perfekten Beziehungen“ leben
  • Vermeiden von Serien und Filmen mit Liebesgeschichten, da die aufzeigen könnten, wie falsch sich das eigene Leben anfühlt
  • Vermeiden von Treffen mit Personen des anderen Geschlechts aus Angst, sich plötzlich stärker zu verlieben als in die/den eigene/n Partner/in

 ROCD- Diagnosekriterien nach ICD-11

Für Zwangsstörungen in Bezug auf die Beziehung gelten die gleichen Diagnosekriterien wie für alle anderen Zwangsstörungen auch:

  •  Der betroffene Mensch muss sich immer wieder stereotyp mit den gleichen Vorstellungen beschäftigen
  • Er findet diese Vorstellungen selbst unangenehm, unangemessen und oft auch angsterregend.
  • Er versucht geradezu verzweifelt, von diesen Obsessionen loszukommen, schafft es allerdings nicht.
  • Die Unterdrückung der Zwangsimpulse löst oft noch mehr Angst aus (Beispiel: „Wenn ich mir diese Fragen nicht länger stelle, heißt das dann: Unsere Partnerschaft ist mir völlig gleichgültig geworden?“)
  • Die Symptomatik liegt über mindestens 14 Tage an den meisten Tagen vor.

 ROCD- mögliche Ursachen für Zwangsgedanken in der Beziehung

Biologisch gesehen gibt es bei manchen Menschen eine stärkere Anfälligkeit für Zwangsstörungen als bei anderen. Hier spielt sicherlich eine genetische Komponente eine wichtige Rolle. Diese genetische Anfälligkeit muss aber keineswegs bedeuten, dass ich in meinem Leben tatsächlich an einer Zwangsstörung erkranke.

Eine wichtige Rolle spielt hier der Neurotransmitter Serotonin. Eine Unterversorgung führt offensichtlich zu verminderter Neuroflexibilität, also zu einer verminderten Fähigkeit, negative kognitive Netzwerke im eigenen Denken wieder zu verlassen.

Ursache kann eine (möglicherweise noch nicht entdeckte) depressive Episode sein oder auch eine Schädigung infolge des Gebrauchs psychotroper Substanzen (Alkohol, Drogen, Aufputschmittel etc.). In vielen Fällen ist bei Zwangsgedanken zunächst eine ärztliche Untersuchung notwendig, um die diversen körperlichen Ursachen auszuschließen.

Auch ein charakterlicher bzw. in der Kindheit erlernter Hang zum Perfektionismus begünstigt Zwangsgedanken, z.B., wenn ich unbedingt sicher sein will, in meiner Partnerschaft das 100prozentige - Lebensglück gefunden zu haben und jede kleinste Trübung im gemeinsamen Verhältnis als Katastrophe empfinde.

Diese Sehnsucht nach der 100 Prozent-Harmonie kann ihre Wurzeln darin haben, dass ein Mensch in seiner Kindheit nie das Gefühl wirklichen Angenommenseins und wirklicher Wärme erlebt hat. In solchen Fällen können traumatherapeutische Ansätze hilfreich sein.

Aus paartherapeutischer Sicht zeichnet sich übrigens eine gute Partnerschaft nicht durch 100 prozentige Harmonie aus, sondern dadurch, dass beide Partner immer wieder ihre Gemeinsamkeiten finden und erneuern- und das trotz und in aller Unterschiedlichkeit. In einer guten Paarbeziehung können die Partner auch gut und produktiv miteinander streiten!

Achtsamkeitstraining kann helfen, den Zwangsgedanken nicht so viel Raum zu lassen. (© frankie's - fotolia)

 ROCD- Therapeutisches Vorgehen bei Zwangsgedanken in der Beziehung

Zunächst einmal ist es wichtig, die Zwangsstörung als solche zu erkennen. Dazu gehört eine gründliche Diagnostik, wie sie zu Beginn einer Psychotherapie (Sexualtherapie) steht. Wenn körperliche Ursachen vorliegen (und dazu gehört auch eine Störung des Neurotransmitterhaushalts), kann ggf. die Medikation mit einem SSRI (Antidepressivum) sehr hilfreich sein. Ebenso können so einfache Mittel wie Alkoholverzicht oder mehr Bewegung den Drang zu Zwangsgedanken deutlich vermindern.

In einer Psychotherapie sollte es darum gehen, die Entstehungsmechanismen der Zwangsgedanken aufzudecken und Techniken zu lernen, diesen Gedanken zu widerstehen.
Dazu gehört die Arbeit an dysfunktionalen Glaubenssätzen wie z.B.;

  • In einer guten Beziehung gibt es niemals Streit oder schwierige Momente.
  • Die Liebe zu meinem Partner/meiner Partnerin muss sich immer so anfühlen wie in der allerersten Verliebtheitsphase.
  • Wenn die Beziehung richtig gut ist, kann ich für andere Menschen überhaupt keine erotischen Gefühle mehr haben.

Eine klassische Technik, den (unnützen) Gedanken nicht mehr so viel Raum zu geben, ist z.B. Achtsamkeitstraining: Statt ständig zu beobachten: Was denke ich? lerne ich, mich stärker mit meinen Sinnesorganen zu beschäftigen, also z.B. darauf zu achten, was genau ich gerade sehe, höre oder über meine Haut spüre.

Auch traumatherapeutische Techniken können dazu beitragen, die Entstehung der eigenen Zwangsgedanken als eine dysfunktionale Bewältigungsstrategie für innere Spannungszustände zu begreifen: Zwangsgedanken und Kontrollimpulse können sich kurzfristig durchaus gut und sinnvoll anfühlen, langfristig aber jede Form von Lebensqualität unmöglich machen.

Da erfahrungsgemäß Zwangsgedanken ebenso wie Depressionen die Tendenz haben, ohne psychotherapeutische Behandlung mit der Zeit immer schwerwiegender zu werden, ist es unbedingt sinnvoll, den eigenen Leidensdruck nicht einfach stoisch auszuhalten, sondern sich möglichst bald ärztliche bzw. psychotherapeutische Hilfe zu holen.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

Wie hilfreich fanden Sie diesen Artikel? 45

Kommentare (8)

Diana, 09.11.2022 - 20:05 Uhr

Danke für diesen Beitrag. Können Sie jemanden in Bonn empfehlen, der auf ROCD spezialisiert ist? Sollte man denn generell bei ROCD erst einmal normale Zwangsstörungen behandeln oder direkt eine Therapie gegen die ROCD machen? Ich bin etwas verunsichert und weiß nicht, was hier meine Priorität sein sollte. MfG, Diana

Antwort von Dr. rer. biol. hum. Michael Petery, verfasst am 10.11.2022

Danke für Ihren Kommentar. Gern können Sie sich per Mail an mich wenden, um Ihre Frage weiter zu besprechen: michael@petery.eu

Anna, 04.07.2022 - 18:14 Uhr

Danke für diesen sehr hilfreichen Beitrag! Ich vermute schon länger unter ROCD zu leiden, habe bisher jedoch noch keine therapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Ich habe große Angst auf eine/n Therapeuten/in zu treffen, der/die mit dem Begriff ROCD nicht vertraut ist und es nicht als solches erkennt/diagnostiziert. Ich habe große Angst dadurch wieder in die nächste große Phase der Zweifel zu geraten. Haben Sie Tipps wie man am besten eine/n entsprechenden Psychotherapeuten/in findet, der mit diesem speziellen Thema vertraut ist?

Antwort von Dr. rer. biol. hum. Michael Petery, verfasst am 07.07.2022

Danke für Ihren Kommentar. Leider kann ich Ihnen da so pauschal keinen Tipp geben. Vielleicht ist es am einfachsten, Sie senden mir eine Mail mit Angabe Ihres Wohnorts- möglicherweise kenne ich eine Kollegin oder einen Kollegen in Ihrer Nähe. Alternativ können wir per Email auch einen Online-Beratungstermin ausmachen.

Johanna, 07.06.2022 - 17:50 Uhr

Was passiert, wenn ROCD nicht erkannt wird? Es ist ja kein sehr bekannter Begriff in Deutschland. Kann es sein, dass es irgendwann zu spät ist? Dass die zwanghaften und zerstörerischen Gedanken die negativen Gefühle so verstärkt haben, dass es nicht mehr zu reparieren ist?

Antwort von Dr. rer. biol. hum. Michael Petery, verfasst am 08.06.2022

Die negativste Folge von ROCD ist, dass ein Mensch eine Beziehung verlässt, die eigentlich tragfähig, liebevoll und positiv ist. Der Schaden wäre dann sowohl für den Partner mit ROCD wie auch für den Partner ohne ROCD sehr groß. Es ist also sinnvoll, sich rechtzeitig therapeutische Hilfe zu holen, ggf. auch als Paartherapie.

Anna-Maria, 27.01.2022 - 14:55 Uhr

Sehr gut erklärt. Wie stellt man diese Zwangsgedanken ab, wenn jemand mich hinterhältig getäuscht hat. Habe dieser Person in allen Lebensbereichen geholfen. Meine Nichtabgrenzung zu deren Problem wurde sehr ausgenutzt.

Antwort von Dr. rer. biol. hum. Michael Petery, verfasst am 28.01.2022

Danke für den Kommentar! Leider kann ich Ihre Frage so allgemein nicht beantworten- da müßten wir uns ggf. etwas länger miteinander unterhalten. Im Rahmen einer Therapie (eventuell auch Kurzzeittherapie) könnten Sie natürlich Techniken lernen, wie Sie sich besser von Problemen abgrenzen, die nicht Ihre eigenen sind...

Interessante Artikel zum Thema

Sie suchen einen passenden Arzt für Ihre Symptome?