Chronischer Schmerz und Entzündung - wie das Lymphsystem beteiligt ist (Teil 2)

© Klaus Eppele - Fotolia.com

Durch den gestörten Schlackenabtransport im Gewebe kommt es in den Zellen zu einem eingeschränkten Zellstoffwechsel, was bis zur Ausbremsung der Mitochondrien und ihrem Zitrat-Zyklus führen kann. Die Folge ist Muskelsteifheit, Muskelschmerz (Triggerpunkte), Verkürzungsgefühl und das Gefühl von bleibendem Muskelkater.

Fehlt jetzt aber die Beweglichkeit, die die Flüssigkeitszirkulation im Körper unterstützt, dann kann es zu einem zusätzlichen Eindicken der Lymphe im Extrazellular-Raum kommen. Ein passendes Beispiel ist die frisch gekochte Hühnersuppe, die über Nacht stehengelassen, eine Gelee-artige Konsistenz aufweisen kann. Erst das Erhitzen, und somit Bewegen, sorgt für eine Verflüssigung. Aus diesem Grunde sind Massagen oft nicht nachhaltig, da sie nur lokal eine Bewegung im passiven Zustand erzeugen.

Hinzukommt, dass die nervale Versorgung des Lymphsystems über das autonome Nervensystem alleinig durch die Aktivität des Sympaticus (anregend, tonisierend, anspannend) erfolgt. Der Parasympaticus als Gegenspieler hat keine direkte Wirkung auf die Muskelzellen der Lymphbahnen. Er wird vorher auf die Nervenfasern des Sympaticus verschaltet. Langfristig gesehen ist dies vom Nachteil, weil persistierender Schmerz Stress auslöst und somit den Sympaticus befeuert, der bei zu viel Aktivität und fehlender Hemmnis seines Gegenspielers eine Starrheit der Muskelzellen im Lymphsystem erzeugt. Dies ist der fließende Übergang zum bio-psychosozialen Erklärungsmodell für chronifizierten Schmerz.

Es kommt somit zu einem Teufelskreislauf aus lokalem, chemischen Problem mit fehlender Ausheilung und lokaler Stoffwechselkrise sowie systemisch (den ganzen Körper) betreffendem Lymphstau, was wiederum lokal die Regulationsmechanismen hemmt.

Dieses Wissen wird meines Erachtens viel zu wenig genutzt. Selbst in den operativen Fächern wie Chirurgie, Gynäkologie, Kieferchirurgie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, die ja wissentlich die Lymphbahnen durchtrennen, wird postoperativ viel zu wenig der Lymphfluss korrigiert oder wieder ermöglicht. Da die Lymphkapillaren nicht einsehbar sind, werden sie als unwichtig erachtet. In der orthopädischen Medizin wird darauf schon deutlich mehr Rücksicht genommen, alleine, weil dadurch die Operationsergebnisse besser sind.

Was ist daher empfehlenswert?
Chronische Schmerzen und Entzündungen, bei denen eine auslösende und persistierende Schädigung ausgeschlossen wurde, sollten unbedingt auf lokale Stauung und im Weiteren, den ganzen Körper betreffende Lymphabflussstörungen untersucht werden. Die Untersuchung erfolgt optisch (Schwellung, Rötung, verstrichene Konturen, Einschnürungen der Strümpfe,...) und wird unterstützt durch die Palaptionsfähigkeit des Untersuchers. Hier tasten sich zum Beispiel kleine Knötchen, teigiges Unterhautgewebe, lokale Wärmedifferenzen, ein lokaler Schmerz lässt sich bei wenig Druck auslösen.

Manuelle Medizin und osteopathische Medizin beschäftigen sich immer mit den Regulationskreisläufen im Körper und wollen durch gezielte manuelle Techniken die Rückstellkräfte aktivieren. Das Lymphsystem als Transportsystem, Boten- und Nährstoffüberbringer sowie als wichtiger Schmerzinduzierer muss immer in die Behandlung mit einfließen. Eine manualmedizinsche Behandlung von Fasziendistorsionen oder Gelenkblockierung wird immer die Lymphbahnen mitbehandeln. Ein Rückstau von Lymphe im Bauchraum ist für in viszeraler Osteopathie ausgebildete Ärzte und Therapeuten gut zugängig und eine dankbare Behandlungsmethode. Dazu kommen gezielte Techniken auf die großen Lymphbahnen im Brustkorb, die den Unterdruck im System wieder herstellen und die Zirkulation anregen. Die Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten, die in manueller Lymphdrainage ausgebildet sind, ist Gold wert.

Als Arzt ist kritisch zu hinterfragen, ob der Einsatz von Schmerzmitteln, die auf die Entzündungskaskade wirken, weiterhin sinnvoll ist. Es besteht die Möglichkeit auch anders auf die lokalen Stoffwechselreaktionen Einfluss zu nehmen. Nitrosativer Zellstress wird gut durch hohe Vitamin B12-Gaben gegenreguliert. Oxidativer Zellstress und das massive Vorhandensein von freien Radikalen erfordern Antioxidantien. Es gibt diverse Homöopathika die unterstützend wirken können. Simple Maßnahmen wie Zink-Leimverbände oder Quarkumschläge können unterstützend eingesetzt werden.

Chronischer Schmerz und Entzündung sollten zusätzlich zu allen flankierenden Maßnahmen auch unter dem Gesichtspunkt des Beteiligten Lymphsystems betrachtet werden. Manuelle Medizin und osteopathische Medizin können sehr sinnvolle Ergänzungen sein. Die durch die Behandlungen oft erlebte Entspannung als Zeichen einer positiven Rückkopplung aus dem Gewebe, wirkt zusätzlich auf die oben beschriebenen Vorgänge im autonomen Nervensystem. Die mittlerweile schon etablierten Entspannungsverfahren wie Ausdauersport, Yoga, autogenes Training, progressive Muskelrelaxation und ähnliche, die in der psychosomatischen Medizin fester Bestandteil sind, lassen sich in diesem Kontext gut einbringen und ihre Wirkung gut erklären.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

Wie hilfreich fanden Sie diesen Artikel? 38

Kommentar abgeben oder Rückfrage stellen:

Kommentare (6)

Uta, 29.09.2015 - 19:57 Uhr

Die Infos über Lymphdrainage finde ich sehr gut, ich bekomme auch diese Drainage, da ich nach diversen OPs und ehemalige Furunkulose dicke verbeulte Beine und Bauch habe, letzterer wird bei mir aber nicht beachtet, auch der Thorax nicht, obwohl ich Lungenprobleme habe. Da werde ich meine Therapeuten jetzt ansprechen und auch mal meinen Hausarzt rankriegen. Sie machten mir auch Mut die verfluchten Schmerzmittel reduzieren zu können, vielleicht kann man mir mit der Lymphdrainage noch mehr helfen. Wie oft soll die angewandt werden, bei mir ist es jetzt einmal wöchentlich, reicht das? Der Vergleich mit Hühnersuppe war auch sehr gut, das macht die Sache klar für alle, denn wer kennt die nicht?

Frank, 16.03.2015 - 11:35 Uhr

Hallo Nora, für solche Dinge ist ein Angiologe zuständig. Optimalerweise ein Angiologe der auch noch Lymphologe ist.

Nora, 03.02.2015 - 22:42 Uhr

Welcher Arzt könnte das denn untersuchen? Mit freundlichem Gruß N.

Freiß, 08.07.2014 - 18:05 Uhr

was ist wirksam bei einem Lymphstau in beiden Beinen? Nach einer Krebsop mußten beide am Unterleib entfernt werden

hanna, 12.03.2014 - 13:29 Uhr

hallo, ich bin 26 jahre und habe seit knapp 2Jahren in beiden Handgelenken eine Sehnenscheidenentzüng. durch 14 monatiges Ruhigstellen,wurde das ganze eher immer schlimmer.die Hände wurden steifer und ich nahm 8 Kilo ab. mittlerweile bekomme ich Physiotherapie und baue die Muskulatur wieder auf. die Schmerzen werden seitdem weniger und ich bin nicht mehr all zu eingeschränkt in meinem Alltag. seit 2 Wochen habe ich jedoch durch Skateboard fahren das ganze nun auch in den Füßen, beidseitig. zuerst hatte ich Panik und ruhte mich wieder,nahm dazu ibu600. 3 tage.danach habe ich auf wobenzym umgestellt aber die schmerzen wurden schlimmer.durch Bewegeung und wärme verschaffe ich mir Linderung. ich habe seit längerem auch gerötete, brennende stellen auf der Zunge und einen angeschwollenen Lymphknoten unterm arm,ich weiß nicht ob dies auch in Verbindung zu dem Sehnenproblem zu sehen ist, aber meine Vermutung ist, dass es eine Erkrankung des Lymphsystems sein könnte?

monika, 14.01.2014 - 18:18 Uhr

habe beide artikel gründlich gelesen und suche nun dringend einen verantwortungsvollen mediziner der mal die immer wiederkehrende wundröte am linken unterschenkel abklärt, verbunden mit starken schwellungen von ca. 27 cm höhe v. boden gemessen an beiden unterschenkeln. bin schon ganz kirre vor schmerzen. danke bez.oranienburg oder autobahnnähe- berlin

Interessante Artikel zum Thema

Sie suchen einen passenden Arzt für Ihre Symptome?