Ich habe in letzter Zeit intensiv nach einer Psychotherapie gesucht, bis ich heute Morgen mein erste

4 Antworten
Ich habe in letzter Zeit intensiv nach einer Psychotherapie gesucht, bis ich heute Morgen mein erstes Gespräch mit einem Therapeuten vereinbart habe. Allerdings war es kein Psychiater, sondern ein Psychotherapeut.

Er hat mir jedoch direkt gesagt, dass ich eine schwere Depression habe. Das hat mich sehr schockiert, denn so wurde es mir bisher noch nie gesagt. Er meinte, dass die Dinge, die ich geschildert habe, typische Symptome einer Depression seien.

Ich persönlich denke jedoch, dass meine depressive Stimmung eher durch meine komplexe PTBS und mein ADHS verursacht wird. Zudem habe ich in letzter Zeit schwerwiegenden Rassismus erlebt. Ich sehe meine Depression eher als eine Reaktion auf äußere Umstände und nicht als etwas, das in mir selbst angelegt ist.

Depression ist eigentlich nicht der Hauptfokus meiner Therapie. Doch als Psychotherapeut hat er mir dringend geraten, einen Psychiater aufzusuchen und Medikamente zu nehmen.

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe bereits regelmäßig – etwa alle drei Wochen – Sitzungen bei der psychologischen Beratung meiner Hochschule. Die dortige Beraterin hat mir jedoch nie Medikamente nahegelegt oder mir gesagt, dass ich eine typische Depression habe.

Auch in meinen bisherigen, wenn auch kurzen, Zusammenarbeiten mit anderen Berater*innen wurde mir nie eine Depression diagnostiziert oder Medikamente empfohlen. Deshalb bin ich jetzt sehr unsicher, wie ich mit dieser neuen Einschätzung umgehen soll.
Dipl.-Psych. Ralica Hypko
Psychologischer Psychotherapeut, Private Krankenkasse
Frankfurt
Ich kann von der Ferne natürlich keine Diagnose stellen. Das eine muss nicht das andere ausschließen. Auch wenn Psychotherapeuten keine Psychopharmaka verschreiben, können sie medizinische Indikation stellen. Insbesondere bei mittelschweren und schweren Depressionen sind Patienten erst durch Medikamente in der Lage von der Psychotherapie zu profitieren.
M.Sc. Julia Ronge
Psychologischer Psychotherapeut, Psychologe
Bochum
Vielen Dank, dass Sie Ihre Gedanken und Ihre Unsicherheit so offen teilen. Ihre Reaktion ist absolut nachvollziehbar – ein solch direkter Hinweis auf eine „schwere Depression“ kann sehr verunsichern, vor allem wenn man sich selbst in einem anderen Erleben sieht und bislang andere Rückmeldungen erhalten hat.

Aus fachlicher Sicht – und ich schreibe hier als Verhaltenstherapeutin – möchte ich Ihnen Folgendes mitgeben:

1. Psychotherapie vs. Psychiatrie: unterschiedliche Perspektiven
Eine Psychotherapeutin arbeitet schwerpunktmäßig mit Gesprächen und Methoden zur Selbstreflexion und Verhaltensveränderung. Eine Psychiaterin hingegen ist eine medizinisch ausgebildete Fachperson, die auch Medikamente verordnen darf. Wenn eine Therapeutin empfiehlt, eine psychiatrische Einschätzung einzuholen, heißt das nicht zwingend, dass Sie Medikamente nehmen müssen – sondern oft nur, dass eine weitere fachliche Perspektive sinnvoll sein könnte, gerade bei starker Erschöpfung oder innerem Leidensdruck.

2. Depression: Diagnose ≠ Stigmatisierung
Eine Diagnose ist in der Psychotherapie kein Stempel, sondern eine Arbeitsgrundlage. Viele Menschen mit komplexer PTBS, ADHS oder Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus erleben Symptome wie Antriebslosigkeit, Schlafprobleme, Gefühle von Hoffnungslosigkeit oder Schuld. Diese können Kriterien einer Depression erfüllen – das heißt aber nicht, dass Ihre eigenen Erklärungen (wie z. B. Trauma, strukturelle Belastung, ADHS) dadurch entwertet werden. Beides kann gleichzeitig stimmen.

3. Ihre Perspektive ist wichtig – und richtig
Es ist absolut legitim, dass Sie Ihre Symptome als Reaktion auf äußere Belastungen sehen. Gerade bei komplexer PTBS ist es zentral, sich nicht als „krank“ im klassischen Sinne zu erleben, sondern in Beziehung zu dem, was man erlebt hat. Auch Rassismuserfahrungen können massiven psychischen Stress verursachen – das wird leider oft zu wenig benannt. Es ist wichtig, dass Ihre Geschichte, Ihre Erfahrungen und Ihre Erklärungsmodelle ernst genommen werden.

4. Medikamente: Entscheidung mit Augenmaß
Die Empfehlung, Medikamente einzunehmen, sollte immer im Kontext stehen: Wie sehr beeinträchtigen Sie Ihre Symptome aktuell im Alltag? Gibt es Momente von innerer Leere, Suizidgedanken, ausgeprägter Antriebslosigkeit? Wenn Sie unsicher sind, können Sie eine psychiatrische Einschätzung einholen – das heißt aber nicht, dass Sie sich sofort für Medikamente entscheiden müssen. Es darf eine informierte Entscheidung sein.

5. Vertrauen in den therapeutischen Prozess
Wenn Sie sich mit dem Therapeuten nicht verstanden fühlen – gerade auch in Ihrer Perspektive auf ADHS, Trauma und Rassismuserfahrungen – ist es vollkommen in Ordnung, sich weiter umzusehen oder dies offen anzusprechen. Eine vertrauensvolle Beziehung ist ein zentraler Wirkfaktor der Psychotherapie.

Was Sie jetzt tun können:

Halten Sie Kontakt zur psychologischen Beratung an Ihrer Hochschule – das ist bereits eine wichtige Ressource.
Falls möglich, holen Sie eine zweite Meinung ein, z. B. bei einer traumasensiblen oder ADHS-erfahrenen Therapeut*in oder auch in einer psychiatrischen Sprechstunde.
Überlegen Sie: Was hilft Ihnen aktuell konkret weiter – Entlastung, Klarheit, Stabilität, Verarbeitung? Therapie sollte genau das unterstützen.
Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie eine Begleitung finden, die Ihre Erfahrungen würdigt, Ihre Symptome ernst nimmt – und trotzdem Ihren Blick auf sich selbst stärkt.

Herzliche Grüße
Julia Ronge
Dipl.-Psych. Tabea Plötz
Psychologischer Psychotherapeut
Leipzig
Zunächst einmal möchte ich Ihnen nahelegen, sich wegen der verschiedenen Aussagen nicht allzusehr zu stressen. Man kann ja mehrere Diagnosen parallel haben, wie Sie ja selbst über ihre komplexe PTBS und Ihr ADHS sagen. Im Rahmen beider Störungen könne depressive Symptome auftreten. Sind diese depressiven Symptome sehr ausgeprägt, kann man parallel noch die Diagnose einer depressiven Störung vergeben. Und es ist auch nie ein "Entweder-oder" in Bezug auf die Frage, ob eine Depression eine Reaktion auf äußere Umstände oder "in der Person selbst angelegt" ist. Es ist immer multifaktoriell, das heißt, dass bestimmte persönliche biologische (ererbte) und erworbene (gesammelte Erfahrungen) Voraussetzungen (die sogenannte Vulnerabilität, also "Verletzlichkeit/Empfänglichkeit") auf die aktuellen Lebenserfahrungen treffen und diese im Zusammenspiel dann zu einem Symptomausbruch führen. (Je schwerwiegender die Belastungen in der Kindheit oder ungünstigen biologischen Voraussetzungen, also je größer die Vulnerabilität, umso kleiner braucht ein aktueller Auslöser sein, um einen Symptomausbruch hervorzurufen).
In meiner Erfahrung ist es jedoch nicht so relevant für die Behandlung, ob wir nun "depressive Symptome im Rahmen einer PTBS" oder "eine PTBS nebst einer Depression" vorliegen haben. Wirklich relevant ist die Passung zwischen Patient und Therapeut und der therapeutischen Strategie. Stellen Sie sich also die Frage: Fühle ich mich wohl, fühle ich mich verstanden und gut aufgehoben, sind die Erklärungsmodelle, die mir angeboten werden, für mich nachvollziehbar und verständlich? Und in Bezug auf die medikamentöse Behandlung sind Sie auch frei und selbstbestimmt. Haben Sie das Gefühl, zusätzliche Unterstützung in Form von Medikamenten zu brauchen? Kommen Sie im Alltag nicht mehr zurecht und machen keine Fortschritte in der therapeutischen Bearbeitung Ihrer Themen? Die Vergabe von Medikamenten wird mancherorts sehr leichtfertig propagiert, aber wir müssen uns immer vor Augen führen, dass ein Medikament sehr vielfältig in seiner Wirkung sein kann (beim einen helfen sie super, der andere kommt gar nicht damit zurecht), das heißt, dass die tatsächliche Wirksamkeit sehr individuell erlebt wird. Oft muss man solche Medikamente auch erstmal über einen längeren Zeitraum nehmen, um überhaupt eine Einschätzung der Wirksamkeit vornehmen zu können. Dann geht die Medikamenteneinnahme aber auch meist mit Nebenwirkungen einher und man muss länger nach einem passenden Präparat suchen, bei dem die erwünschte Wirkung deutlich über den unerwünschten (Neben-)Wirkungen liegt. Hinzu kommt noch, dass viele der antidepressiven Medikamente deutliche Absetzbeschwerden verursachen, also nicht so ohne Weiteres "mal ausprobiert" und dann wieder weggelassen werden können. Es ist also nicht sehr einfach, eine Entscheidung in Bezug auf Medikamente zu treffen. Ja, Medikamente können für manche wirklich eine große Unterstützung darstellen, aber sie haben auch ihre Schwierigkeiten und das muss man eben wohl abwägen. Eine solche Entscheidung ist nicht leichtfertig zu treffen und braucht gute Beratung (und die darf auch etwas länger als einige Minuten sein) und Sie sollten sich damit wohl fühlen. Es ist Ihr Leben, Ihr Körper, Ihre Gesundheit und Ihre freie Entscheidung. Lassen Sie sich nicht stressen.
Dipl.-Psych. Manuel Musselmann
Psychologischer Psychotherapeut
München
Vielen Dank für Ihre ausführliche Schilderung. Ihre Verunsicherung ist sehr gut nachvollziehbar.

Grundsätzlich ist wichtig zu wissen: Depressive Symptome können unterschiedliche Ursachen haben. Sie können Ausdruck einer eigenständigen depressiven Störung sein, aber auch reaktiv auftreten- etwa im Zusammenhang mit chronischem Stress, traumatischen Erfahrungen, ADHS oder belastenden äußeren Umständen. Diese Differenzierung ist diagnostisch relevant, lässt sich jedoch nicht in einem einzelnen Erstgespräch abschließend klären.

Vor Beginn einer Psychotherapie sind die psychotherapeutischen Sprechstunden ausdrücklich dafür vorgesehen, eine erste diagnostische Einordnung vorzunehmen, den Behandlungsbedarf zu klären und auch zu prüfen, ob man sich bei der jeweiligen Therapeutin oder dem Therapeuten gut aufgehoben fühlt. Es ist absolut legitim und fachlich sinnvoll, dabei auf das eigene Bauchgefühl zu achten und sich bei Unsicherheit eine Zweitmeinung einzuholen.

In der therapeutischen Behandlungsplanung wird bei mehreren gleichzeitig vorliegenden Belastungen häufig zunächst die aktuell schwerwiegendste und leidensbestimmende Symptomatik in den Fokus genommen. Eine depressive Symptomatik hat dabei oft Vorrang, da sie andere Beschwerden überlagern und die weitere Diagnostik beeinflussen kann. Vor diesem Hintergrund ist es gut nachvollziehbar, dass der Therapeut im Erstgespräch zunächst den Schwerpunkt auf eine mögliche Depression gelegt hat.

PsychotherapeutInnen stellen Diagnosen auf Grundlage klinischer Kriterien und des geschilderten Erlebens, verordnen jedoch keine Medikamente. Psychiater:innen sind für die medikamentöse Behandlung zuständig. Der Hinweis, eine psychiatrische Abklärung in Betracht zu ziehen, bedeutet daher nicht automatisch, dass Medikamente zwingend notwendig sind, sondern dient zunächst der diagnostischen Ergänzung.

Nach den geltenden Behandlungsleitlinien gilt: Bei einer schweren depressiven Störung ist die Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Behandlung am wirksamsten. Voraussetzung dafür ist jedoch eine sorgfältige und gesicherte Diagnosestellung, die erst nach ausreichender Diagnostik erfolgen sollte, insbesondere bei komplexen Konstellationen wie ADHS, Traumafolgestörungen oder starken psychosozialen Belastungen.

Mein Rat wäre daher: Nehmen Sie sich Zeit für eine gründliche Abklärung, nutzen Sie die Sprechstunden auch zur Orientierung und scheuen Sie sich nicht, eine weitere fachliche Einschätzung einzuholen. Therapieentscheidungen sollten nicht unter Druck, sondern gut informiert und gemeinsam getroffen werden

Konnten Sie die gesuchte Antwort nicht finden? Stellen Sie eine andere Frage!

  • Ihre Frage wird anonym veröffentlicht.
  • Fassen Sie sich kurz und stellen Sie eine klare medizinische Frage.
  • Die Frage geht an alle Ärzt:innen und Heilberufler:innen, die diese Website nutzen. Die Frage richtet sich nicht an eine bestimmte Person.
  • Dieser Dienst erfüllt lediglich informative Zwecke und ersetzt nicht die ärztliche Sprechstunde. Wenn Sie ein Problem oder ein dringendes medizinisches Anliegen haben, gehen Sie zu Ihrer Ärzt:in oder in die Notaufnahme.
  • Fragen zu einem spezifischen Fall oder das Einholen einer Zweitmeinung sind nicht erlaubt.
  • Aus Sicherheitsgründen werden keine Mengen oder Dosierungen von Medikamenten veröffentlicht.

Dieser Wert ist zu knapp. Er sollte __LIMIT__ Zeichen oder mehr haben.


Wählen Sie das medizinische Fachgebiet der Ärzt:innen, an die Sie Ihre Frage senden möchten
Wir werden sie verwenden, um Sie über die Antwort zu informieren. Sie wird nicht online veröffentlicht.
Alle auf jameda.de veröffentlichten Inhalte, insbesondere medizinische Fragen und Antworten, sind informativ und dürfen keinesfalls als Ersatz für eine ärztliche Beratung angesehen werden.