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„Blutverdünnung“ - eine Begriffsklärung

Dr. Leithäuser

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© Q - Fotolia.com© Q - Fotolia.comWenn im Volksmund von „Blutverdünnung“ gesprochen wird, ist die Hemmung der Gerinnungsfähigkeit des Blutes gemeint. Der Mediziner spricht hier von Antikoagulation (griech. anti = „gegen“, lat. coagulatio = „zusammenführen, verbinden“). Man kann das Blut tatsächlich auch verdünnen (wie bei einer Suppe, der man Wasser beigibt), indem man in kurzer Zeit sehr viel trinkt oder eine wässrige Lösung mittels einer Infusion (lat. infundere = „eingießen“) in das Gefäßsystem des Körpers einlaufen lässt. Dann spricht der Mediziner von Hämodilution (griech. haema = „Blut“; lat. dilutus = „verdünnt“). Bei der Behandlung von Erkrankungen zielt die Antikoagulation also auf die Verhinderung der Bildung von Blutgerinnseln, während die Hämodilution eine Veränderung der Fließeigenschaften des Blutes bewirkt; zwei völlig verschiedene Umstände.

Schon Goethe schrieb in seinem Faust: „Das Blut ist ein ganz besonderer Saft“. Man kann es auch als flüssiges Körpergewebe bezeichnen. Die festen Bestandteile im Blut - die Blutzellen - sind nur nicht miteinander verbunden. Die Fähigkeit des Blutes, Gerinnsel zu bilden, ist eine der Grundlagen für die Existenz von Lebewesen auf diesem Planeten. Man findet die Blutgerinnung schon bei den primitivsten vielzelligen Lebensformen und ohne diese Eigenschaft hätte sich das Leben bis zur heutigen Form nicht weiterentwickelt. Wesentliche Erkenntnisse zur Funktion des Gerinnungssystems stammen beispielsweise aus Untersuchungen am Pfeilschwanzkrebs (Limulus polyphemus). Diese Tiere gehören zu den so genannten „lebenden Fossilien“. Sie haben sich in den letzten 250 Millionen Jahren nicht verändert.

Das Blutgerinnungssystem ist lebenswichtig. Es dient zur Vermeidung des Blutverlustes nach Verletzung (Blutstillung und Wundverschluss). Weiterhin schützt es den Organismus vor „schädigenden Eindringlingen“ (z. B. Bakterien oder Fremdkörper) indem diese in Blutgerinnsel eingeschlossen werden. Dabei wirken zwei verschiedene, sehr komplizierte Anteile zusammen. Der flüssige Teil des Blutes, genannt Plasma, enthält Gerinnungsfaktoren. Das sind Proteine (Eiweiße), die sich in einer Kettenreaktion gegenseitig aktivieren, ihre Struktur ändern und dadurch fest werden. Dies wird plasmatische Gerinnung genannt. Zur Veranschaulichung dient das Hühnerei: Wird es erhitzt, ändert sich die Eiweißstruktur und aus dem flüssigen Eiklar wird das feste Eiweiß. Daneben gibt es spezialisierte Blutzellen, die sogenannten Blutplättchen (Thrombozyten). Auch diese werden durch bestimmte Reize aktiviert, so dass sie sich miteinander verklumpen. Man nennt dies zelluläre Gerinnung. Meist besteht ein Blutgerinnsel also aus geronnenem Eiweiß und verklumpten Blutzellen. Es sind also beide Anteile des Blutgerinnungssystems beteiligt. Die rote Farbe kommt von den roten Blutkörperchen (Erythrozyten), die in dem Gerinnsel gefangen sind.

Leider gibt es Erkrankungen, die durch eine Aktivierung der Blutgerinnung entstehen: Thrombose, Lungenembolie, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Schutz vor diesen Erkrankungen bietet die Antikoagulation. Wie zu Beginn dieses Artikels erwähnt wird das Blut hierbei nicht wortwörtlich verdünnt, sondern es werden Medikamente gegeben, die in eines der beiden Teile des Gerinnungssystems eingreifen. Sehr bekannte Präparate unterdrücken die Bildung von bestimmten Gerinnungsfaktoren in der Leber. Andere, neuere Substanzen blockieren die Wirksamkeit einzelner Faktoren. Wieder andere Medikamente verhindern, dass die Blutplättchen miteinander verklumpen (z. B. Acetylsalicylsäure, abgekürzt ASS). Es kommt darauf an, in welchem Bereich des Herz-Kreislaufsystems die Bildung von Blutgerinnseln verhindert werden soll, um zu entscheiden welches Medikament verordnet wird.

Die Therapie zum Schutz vor Blutgerinnseln hat einen Nachteil: Ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Blutung. Dabei sind Blutungen ungefährlich, die durch kleine Verletzungen entstehen, z. B. beim Rasieren oder bei Küchen- und Gartenarbeiten. Kritisch wird es bei Blutungen in den inneren Organen, am schlimmsten im Gehirn. Im Allgemeinen ist das Risiko für eine schwere Blutung durch die Antikoagulation gering. Viel häufigere und schwerwiegendere Folgen für die Gesundheit entstehen durch das Auftreten von Blutgerinnseln. Manche Patienten haben jedoch aufgrund bestimmter Vorbedingungen und Risikofaktoren ein erhöhtes Risiko für eine Blutung, wenn gerinnungshemmende Medikamente eingenommen werden müssen (s. auch Artikel „Alternative zur Blutverdünnung bei Vorhofflimmern“). Das gilt besonders für die Präparate, die die Gerinnungsfaktoren hemmen. Hier muss das Risiko für jeden Patienten individuell eingeschätzt werden.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (5)


20.07.2019 - 19:38 Uhr

Sehr ausführlich und verständlich.

von Eiling

24.04.2017 - 13:03 Uhr

Nach sechs Jahren Chlopidogrel und trotzdem ca. 30...

von Dr. Siegl

... TIA Vorfällen zweifle ich an der Sinnhaftigkeit der medizinischen Vorgehensweise. Ich denke ein Medikament, das um 200 Euro monatlich kostet, ist ein bloßes Geschäft für die Pharmaindustrie Grüße Dr. Siegl

Dr. Leithäuser

Antwort vom Autor am 25.04.2017
Dr. med. Boris Leithäuser

Hier werden unter dem Eindruck der persönlichen Leidensgeschichte sicherlich Sachverhalte miteinander kombiniert, die einer nüchternen Betrachtungsweise nur schwer standhalten. Man könnte über einen Wechsel des Präparates nachdenken.

01.06.2014 - 17:33 Uhr

Ich nehme ASS und Marcumar ein , wie macht sich...

von Horst

... der Verzehr von Brennessel , als Tee oder Salat bemerkbar? mfG Horst

Dr. Leithäuser

Antwort vom Autor am 02.06.2014
Dr. med. Boris Leithäuser

Brennnessel enthält Vitamin K. Es kommt auf die Menge an verzehrter Brennnessel oder Brennnesselprodukten an. Je mehr davon eingenommen wird, desto niedriger ("normaler") kann der INR-Wert in der Kontrolluntersuchung sein. Geringe Mengen, wie im Salat dürften sich nicht wesentlich bemerkbar machen. Die Indikation für die Kombination aus ASS und Marcumar sollte überprüft werden. Wird eigentlich nur in Ausnahmefällen dauerhaft verordnet.

14.05.2014 - 21:42 Uhr

Sehr gut und verständlich erklärt und beschrieben...

von Horst

... ,weiter so. danke Frage: welche Lebensmittel sind günstig mein Blut dünn zu halten? (Ich nehme Marcumar und ASS)

Dr. Leithäuser

Antwort vom Autor am 15.05.2014
Dr. med. Boris Leithäuser

Grundsätzlich sollte geklärt werden, wie lange Sie die Kombination der beiden Medikamente einnehmen sollen. Das wird heute eigentlich nur in Ausnahmefällen dauerhaft so gemacht. Bei Marcumar-Einahme große Mengen Vitamin-K-haltiger Speisen vermeiden (keine üppigen oder mehrere Tage hintereinander eingenommenen Mahlzeiten mit Kohlsorten). Steht auch in Ihrem Marcumar-Ausweis beschrieben.

13.04.2014 - 06:36 Uhr

Ich habe zuviel Blut im Körper. Bin schon 2 x zur...

von Karl-Heinz

... Ader gelassen worden. Da dieses Verfahren ungewöhnlich ist, bitte um Mitteilung, ob und wo dieses Verfahren durchgeführt wird.

Dr. Leithäuser

Antwort vom Autor am 13.04.2014
Dr. med. Boris Leithäuser

Dieses Verfahren ist in der Tat ungewöhnlich und wird heutzutage nur noch sehr selten in ganz streng ausgewählten Fällen praktiziert.Ich verstehe allerdings die Frage nicht: Wenn die Behandlung bei Ihnen schon zweimal durchgeführt wurde, wissen Sie doch warum und wo. Wenn Zweifel darüber bestehen, ob die Behandlung tatsächlich angezeigt ist, dann wenden Sie sich an einen Internisten mit der Spezialisierung für Bluterkrankungen (Hämatologe).


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