Die 10 häufigsten Fragen zum künstlichen Hüftgelenk

Künstliches Hüftgelenk mit Pfanne aus Titan, Lauffläche aus hochvernetztem Polyethylen, Kopf aus Keramik und Schaft aus Titan (© Medacta International SA)

Vor einem geplanten künstlichen Hüftgelenk gibt es viele Fragen, die sich Patienten stellen. Diese Zusammenfassung gibt Ihnen einige Antworten, kann jedoch das Gespräch mit dem Arzt vor der Operation nicht ersetzen. Sie soll als Vorbereitung für das Gespräch dienen und dabei helfen, auf individuelle Punkte und Anliegen detaillierter eingehen zu können.

1. Wann ist der Zeitpunkt für ein künstliches Hüftgelenk gekommen?

Voraussetzung ist der Nachweis einer fortgeschrittenen Arthrose des Hüftgelenks (Coxarthrose) im Röntgenbild und dazu passende Beschwerden wie Schmerzen, Bewegungseinschränkung sowie ggf. Hinken und Beinverkürzung. Die konservative Behandlung wie Krankengymnastik, Schmerzmittel oder Spritzen ins Gelenk – um nur einige Therapiemöglichkeiten zu nennen – sollte keine bleibende Besserung mehr erbringen.

Bei vielen Patienten ist die Entscheidung allein anhand dieser Parameter nicht eindeutig. In den letzten Jahren haben sich nach unserer Erfahrung aber vier Kriterien herausgestellt, die den Patienten sehr bei der Entscheidung helfen. Falls die oben genannten Voraussetzungen erfüllt sind, ist der Zeitpunkt für die Operation gekommen, wenn zusätzlich eines dieser vier Kriterien erfüllt ist:

  • Regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln (regelmäßig mehrfach pro Woche)
  • Deutliche Einschränkungen im Alltag (Einkaufen, Haushalt, leichte bis mittelschwere körperliche Aktivitäten)
  • Überlastungsschmerzen an den angrenzenden Gelenken (Wirbelsäule und Knie)
  • Veränderungen im Röntgenbild mit Aufbrauch des Knochens und der verbundenen Gefahr, dass die Verankerung des Kunstgelenks dadurch schwierig wird

2. Welche Implantate gibt es?

Die Pfanne wird meistens zementfrei mit einem sogenannten Pressfit eingesetzt (Verklemmung wie ein Korken in einer Flasche), der Schaft zementfrei oder zementiert. Bei Patienten über 75 Jahren und auch jüngeren Patienten mit Osteoporose kann eine zementierte Verankerung sinnvoll sein. Denn zu dem Zeitpunkt ist der Knochen nicht mehr so fest und der Zement führt sofort zu einer festen Verbindung zwischen Kunstgelenk und Knochen.

Endgültig wird das bei der Operation entschieden. Die Lauffläche in der Pfanne wird in der Regel aus hochvernetztem Polyethylen gewählt. Alternativ kann gerade bei sehr jungen Patienten eine Keramiklauffläche gewählt werden, die weniger Abrieb produziert. Ein Nachteil der Keramiklauffläche ist das zwar sehr geringe, aber doch vorhandene Bruchrisiko.

Der Kopf wird aus Keramik gewählt, bei älteren Patienten gelegentlich aus Metall, weil der Unterschied zwischen beiden Materialien sehr gering ist und erst nach vielen Jahren zum Tragen kommt.

3. Wie kann ich mich auf die Operation vorbereiten?

Sinnvoll ist eine gute allgemeine körperliche Fitness sowie das Üben mit Unterarmgehstützen, optimalerweise mit einem Physiotherapeuten. Mehrere Maßnahmen sollten vor der Operation erfolgen, um die Gefahr einer Infektion der Prothese zu verhindern. Die Erfahrung zeigt, dass es hilfreich ist, mit einer Vertrauensperson zum Gespräch vor der Operation zu gehen und sie auch später im Krankenhaus präsent ist.

4. Welche Zugänge gibt es? Was sind die Vor- und Nachteile?

Es gibt vier etablierte Zugänge, um ein Hüftgelenk einzubringen: von vorne, von antero-lateral (zwischen seitlich und vorne), von der Seite und von hinten. Der hintere Zugang ist sehr etabliert und bietet eine sehr gute Übersicht.

Dabei müssen aber einige kleinere Muskeln abgelöst werden, der große Gesäßmuskel wird gespalten. Die Ergebnisse sind gut und reproduzierbar, das Risiko eines Ausrenkens des Hüftgelenks ist laut Studien aber minimal höher als bei den anderen Zugängen.

Auch der seitliche Zugang ist sehr etabliert und bietet eine gute Übersicht. Dadurch, dass man aber durch einen der großen Muskeln operiert (und diesen nachher wieder vernäht), ist die Rehaphase nach der Operation etwas länger und selten verbleibt ein leichtes Hinken. Beim antero-lateralen Zugang gibt es dieses Risiko nicht, da der Chirurg vor dem Muskel in einer natürlichen Muskellücke zum Hüftgelenk vorgeht.

Die Darstellung ist gelegentlich etwas erschwert, durch verschiedene Maßnahmen lässt sich dieses Problem aber mittlerweile meistens umgehen. Selten muss einer der kurzen seitlichen Hüftmuskeln eingekerbt werden. Der vordere Zugang (auch AMIS-Zugang genannt) geht ebenfalls in einer Muskellücke zum Hüftgelenk.

Auch bei diesem Zugang kann die Darstellung bei der Verwendung sehr langer Oberschenkelimplantate etwas schwieriger sein. Dieses Problem lässt sich durch Weiterentwicklungen der Technik aber in der Regel umgehen. Er ist außerdem der einzige Zugang, der auch in einer Lücke zwischen den Versorgungsgebieten der Nerven verläuft.

Die meisten Operateure haben eine oder zwei Zugangstechniken, die sie über die Jahre am besten beherrschen und dann so muskelschonend wie möglich anwenden.

5. Wie lange bin ich in der Klinik?

Der Aufenthalt liegt im statistischen Durschnitt bei acht Tagen. Durch muskelschonendes Operieren und gute Vorbereitung der Patienten sind in vielen Zentren die Patienten in der Regel nur vier bis fünf Tage in der Klinik. Jüngere Patienten sind teilweise noch kürzer im Krankenhaus und gehen bereits nach drei Tagen in die Reha oder nach Hause.

6. Welche Einschränkungen muss ich nach der Operation beachten?

Historisch wurde nach einer Hüftgelenkersatz-Operation eine Teilbelastung an Krücken und eine deutliche Einschränkung der Beweglichkeit für sechs Wochen empfohlen. Aufgrund der modernen Implantate kann man mittlerweile in der Regel schmerzadaptiert vollbelasten. In den ersten Wochen sollte das Hüftgelenk dennoch nicht zu stark belastet werden.

Die Einschränkungen der Beweglichkeit wurden empfohlen, damit das neue Hüftgelenk nicht ausrenkt. Mehrere Studien konnten zeigen, dass bei erhaltenem Muskelmantel eine starke Einschränkung nicht erforderlich ist. Für die ersten sechs Wochen sollte es lediglich vermieden werden, das Hüftgelenk über 90° abzuwinkeln oder extrem zu verdrehen.

Eine ausführliche Reha nach der OP ist fester Bestandteil der Behandlung. (© psdesign1 - fotolia)

7. Macht eine anschließende Reha Sinn?

Generell ist die Reha (Fachbegriff: Anschlussheilbehandlung) zu befürworten. Sie kann stationär oder ambulant erfolgen, in der Regel über drei Wochen. Bei einer ambulanten Reha übernachten die Patienten zu Hause und werden täglich von zu Hause abgeholt und nach der Reha am Nachmittag wieder nach Hause gebracht.

Die stationäre Reha bietet den Vorteil, dass man sich nicht um den Haushalt und das Essen kümmern muss. Es gibt keinen nachgewiesenen Vorteil einer der beiden Rehaformen. Etwas jüngere Patienten bevorzugen eher eine ambulante, ältere eher eine stationäre Reha.

8. Welche Aktivitäten sind nach einem Kunstgelenk-Einsatz zu empfehlen?

Schon im Rahmen der Rehaphase kann mit leichten sportlichen Aktivitäten wie Nordic Walking, Schwimmen und Fahren auf dem Hometrainer begonnen werden. Zum Ende oder im Anschluss an die Reha können Patienten mit Fahrradfahren, Langlauf, Fitnesstraining und Golf beginnen.

Sportarten mit sogenannten Stop-and-Go-Bewegungen sowie Sprungbelastungen und Maximalkraft sind zurückhaltender zu empfehlen und sollten erst nach 10-12 Wochen begonnen werden, da ab diesem Zeitpunkt das Gelenk gut eingewachsen ist.

Mit Skifahren kann nach drei bis vier Monaten begonnen werden – bei guten Wetterbedingungen durch geübte Skifahrer. Generell sollten Sportarten mit hohem Sturzrisiko vermieden werden, da Knochenbrüche um das Kunstgelenk schwieriger zu behandeln sind.

9. Wie lange hält ein Kunstgelenk?

Dies hängt von vielen Faktoren ab. Bei sehr aktiven, schweren Patienten wird das Gelenk stärkeren Belastungen ausgesetzt sein als bei leichteren und weniger aktiven Patienten. Diese vermehrten Belastungen können dazu führen, dass das Gelenk früher versagt.

Insgesamt ist die Haltbarkeit der Gelenke jedoch sehr gut. Nach 15 Jahren haben noch 90 % und nach 25 Jahren über 60 % der Patienten keine weitere Operation am Kunstgelenk benötigt. Die Verbesserungen der Materialien führen dazu, dass die heutzutage eingebauten Gelenke noch länger halten.

10. Wie oft muss ich zur Nachuntersuchung?

Kunstgelenke sind Verschleißteile und müssen entsprechend regelmäßig kontrolliert werden. Sollte das Implantat versagen, zeigen sich in der Regel Frühzeichen im Röntgenbild bevor Beschwerden wie Schmerzen entstehen. Bei der zweiten Kontrolluntersuchung nach der Reha wird eine Kontrolle mittels Röntgenbild nach einem Jahr und dann alle zwei bis drei Jahre empfohlen.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare (5)

Graziano S., 23.05.2021 - 14:49 Uhr

Hallo. Für mich war es sehr aufschlussreich. Danke für den Beitrag.

Christa W., 28.11.2020 - 14:26 Uhr

Wann muß eine Hüft OP sein, gibt es keine andere Alternative? Ich bin schon 84 Jahr alt, geht das in dem Alter überhaupt? Ich habe viel Bedenken.

Antwort von Prof. Dr. med. Patrick Weber, verfasst am 01.12.2020

Sehr geehrte Frau Christa W., die Indikation zur Hüftendoprothese sollte nur gegeben sein wenn die Alternativen wie Krankengymnastik, Schmerzmittel oder Spritzen ins Gelenk keine Besserung mehr erbringen und der Leidensdruck sehr hoch ist. Solange die konservativen Therapieverfahren ausreichend Besserung bringen, sollte keine Operation erfolgen. Falls die Operation doch erforderlich wird, ist das Alter der Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen, aber nicht allein entscheidend. Viele Patienten werden auch in Ihrem Alter noch erfolgreich operiert. Wichtig ist vor der Operation ekne sorgfältige Abklärung u.a. mit Untersuchung von Herz- und Lungenfunktion und Laborwerten. Bei gewebeschonendem Operation und minimalinvasiver Technik kombiniert mit einem schonenden Narkoseverfahren sind die Hüftendoprothesen dann auch in Ihrem Alter gut durchführbar. Ihre Bedenken sind durchaus verständlich und können nur in einem Gespräch mit einem guten Operateur geklärt werden. Ich hoffe, dass ich Ihnen so weiterhelfen konnte und wünsche Ihnen alles Gute. Herzliche Grüße, PD Dr. Patrick Weber

Bernhard H., 17.09.2020 - 02:55 Uhr

Erst während der OP wurde bei mir ein Krebsgeschwür entdeckt ( der Oberschenkel wurde 93 mit 40 Gy bestrahlt) es wurde eine TU- Prothese Li implantiert bei Va. NPL intra OP, nach der OP konnte ich mein Knie nicht mehr bewegen Verdacht auf eine sek Kniegelenkskapselfibrose vor einem Jahr tötete sich der untere Teil der Narbe gut 10 cm bis heute ist es angeschwollen lokaler überwärmung, die Schmerzen reichen über das gesamte Bein mit Taubheitsgefühl im Fuß, trotz zahlreicher Arzt und Krankenhaus besuche bis heute keine Verbesserung. Laut meines neuen Orthopäden wird eine solche Prothese Menschen im Alter von 80-90 Jahren eingesetzt, die nicht mehr viel gehen, also das krasse Gegenteil von mir, stimmt das ? Außerdem höre ich beim gehen bin wieder mit 2 Krücken unterwegs ( nach 2 Jahren) das aneinander reiben von Knochen, ist das normal, klingt nervig, wie werde ich die Schmerzattacken los , meine Nieren haben eine Leistung von 25 % , ich kann mich mit allem abfinden, auch wenn es eine große Einschränkung bedeutet, aber bitte ohne ständigen Schmerz. Ich hoffe auf eine Antwort die mich etwas weiter bringt als was sich bisher getan hat, ich gehe zum Arzt und gehe genauso dumm wie vorher wieder raus, Danke im voraus

Antwort von Prof. Dr. med. Patrick Weber, verfasst am 21.09.2020

Sehr geehrter Herr H., Ihr Fall ist komplex und im Rahmen einer generellen Aussage schwer zu beantworten. Eine Tumorprothese wird auch bei jüngeren Patienten eingebaut falls dies erforderlich und alternativlos ist. Die Aussagen in meinem Artikel treffen nicht uneingeschränkt auf Tumorprothesen zu. Bei diesen ist die Funktion generell schlechter als bei einer herkömmlichen Prothese. Aufgrund des Tumors wird Gewebe entfernt, welches bei der Funktion fehlt. Ich kann Sie gerne im Rahmen einer persönlichen Vorstellung untersuchen und beraten oder Sie stellen sich an einem Zentrum vor, an dem viele Tumorprothesen eingebaut werden. Mit freundlichen Grüßen, PD Dr. Patrick Weber

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