Artikel 19/03/2016

Das jameda-Interview: 10 Fragen an Herrn Prof. Dr. Bleif

Team jameda
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Ärzte haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellt jameda Herrn Prof. Dr. Bleif interessante Fragen zu seinen Erfahrungen als Strahlentherapeut.

jameda: Herr Prof. Dr. Bleif, was hat Sie motiviert, Strahlentherapeut zu werden?
Herr Prof. Dr. Bleif: Als ich Mitte der 90er Jahre mein Studium beendet hatte, faszinierte mich die Krebstherapie, eine der größten Herausforderung in der Medizin und gleichzeitig befand sich diese damals gerade in einer Umbruchzeit. Plötzlich zeigten neue technische Entwicklungen, wie die Integration von Computern und Computer-Tomographen in die Bestrahlungsplanung, ganz neue Perspektiven auf. Ich war der Meinung, dass dieses Fach sehr dynamische Möglichkeiten bietet, die Behandlung von Krebspatienten in der Folge zu verbessern. Der Verlauf der letzten 20 Jahre hat mir insofern Recht gegeben, dass ich jetzt mit der CyberKnife-System-Behandlung am vorläufigen technologischen Endpunkt dieser rasanten Entwicklung angekommen bin.

jameda: Was macht Ihnen im Praxisalltag am meisten Freude? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Herr Prof. Dr. Bleif: Am meisten Freude macht mir ohne Zweifel das Wiedersehen mit Patienten. Monate oder Jahre nach der Therapie, wenn ich feststellen kann, dass die Patienten gesund sind und die Therapie mit minimalen oder gar keinen Nebenwirkungen weggesteckt wurde. Die größten Herausforderungen sehe ich in der Radiochirurgie, insbesondere in der Behandlung von Patienten mit metastasierten Krebsleiden. Wir wissen, dass ausgewählte Patienten hier von einer lokalen hoch dosierten Bestrahlung profitieren, haben aber immer noch Schwierigkeiten im Einzelfall geeignete Patienten für solche Behandlungen auszuwählen. Trotz guter Verträglichkeit der Therapie und hoher lokaler Effektivität macht uns manchmal die Natur der Erkrankung einen Strich durch die Rechnung.

jameda: Welchen Vorurteilen begegnen Sie häufig in Ihrer Praxis?
Herr Prof. Dr. Bleif: Ich muss gestehen, dass von Seiten der Patienten selten Vorurteile bestehen. Allerdings kommt es durchaus vor, dass auch ungerechtfertigte Hoffnungen in die Möglichkeiten der Radiochirurgie gesetzt werden. Insbesondere dann, wenn es sich um weit fortgeschrittene, lokal eben nicht begrenzte, Tumorerkrankungen handelt.

jameda: Manche Krankheiten und Therapien sind unangenehm und verlangen viel Durchhaltevermögen vom Patienten. Was raten Sie Patienten in solchen Situationen?
Herr Prof. Dr. Bleif: In der Tat ist vor allem die Therapie von Krebserkrankungen oft ein vielstufiger Prozess bei dem medikamentöse Therapie, chirurgische Tumortherapie und Strahlentherapie zusammen arbeiten, sodass Patienten über Monate manchmal sogar über Jahre in Behandlung sind. Ich rate Patienten dabei, sich Etappenziele zu setzen und durch deren Erreichen dann auch entsprechende Erfolgserlebnisse zu übermitteln und sich motivieren weiterzumachen. Ich rate ihnen außerdem, in engem Kontakt mit dem behandelnden Arzt zu bleiben und insbesondere die persönlichen Schwierigkeiten und auch die Nebenwirkungen, die durch solche Therapien manchmal auftreten, deutlich zu kommunizieren. Oft ist es wichtig, die Behandlung im zeitlichen Verlauf immer wieder nach zu justieren.

jameda: Wie reagieren Sie, wenn Sie merken, dass ein Patient Ihren Therapieplan nicht befolgt?
Herr Prof. Dr. Bleif: Was die Radiochirurgie angeht, ist es in der Regel ein untergeordnetes Problem, da es sich hier um eine einmalige Entscheidung handelt, die entweder getroffen wird oder eben nicht. Es kommt aber auch durchaus vor, dass ein Patient eine Entscheidung trifft, die von meiner Therapieentscheidung abweicht. In solchen Fällen ist natürlich die Meinung des Patienten zu respektieren, er ist die letzte Instanz. Es ist nur wichtig, ihn mit so viel Information auszustatten, dass er seine Entscheidung mündig treffen kann.

jameda: Wenn Sie das Gesundheitssystem ändern könnten, was würden Sie als Erstes tun?
Herr Prof. Dr. Bleif: Oh je, da weiß ich überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Für uns ist die sehr strikte Trennung vom ambulanten und stationären Versorgungsbereich oft ein organisatorisches Problem und stellt natürlich die Bürokratie dar. Hier könnte sicher einiges zur Verschlankung getan werden, damit sich ein Arzt wieder auf seine Kernkompetenzen konzentrieren kann.

jameda: Kein Mensch ist perfekt. In welchen Bereichen haben Ärzte Ihrer Meinung nach Verbesserungspotential?
Herr Prof. Dr. Bleif: Verbesserungspotenzial besteht immer und in allen Bereichen, ganz grundsätzlich - was das medizinische Know-how angeht, aber auch was die Fähigkeiten Kommunikation und Einfühlung in den Patienten angeht. Die Krebstherapie ist ein extrem dynamisches Fach, die Behandlungsstandards werden laufend überarbeitet und optimiert und das auf der Basis neu publizierter Studien. Daher muss sich ein Onkologe ständig weiterbilden. Stagnation bedeutet Durchschnitt.

jameda: Die Welt der Medizin verändert sich ständig. Gibt es neue Therapieverfahren oder Gerätschaften, die Sie in Ihrer Praxis anwenden?
Herr Prof. Dr. Bleif: Die Kernkompetenz unserer Praxis ist ja, die derzeit modernste Form der robotergeführten Bestrahlung. Wir haben uns vor knapp 3 Jahren dazu entschieden, diese Technik bei uns in Südwestdeutschland zu etablieren, auch wenn der Weg steinig war. Ich habe es bisher nicht bereut. Eine Herausforderung für die Zukunft wird es sicher sein, diese Behandlung mit neuen medikamentösen Therapieverfahren zu verzahnen.

jameda: Gibt es einen Patienten oder ein Erlebnis in Ihrer Praxis, das Sie nie vergessen werden?
Herr Prof. Dr. Bleif: Oh ja, das gibt es unzählige. Die schönsten Erlebnisse sind die, bei denen mich ein Patient positiv überrascht hat. Manchmal - bei verzweifelten Grenzfällen – geschieht dies durchaus mit der Frage, ob die Entscheidung zur Behandlung richtig war. Wenn ich dann Monate später den Patienten gesund und munter treffe, entschädigt das Vieles.

jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?
Herr Prof. Dr. Bleif: Nun ich möchte sagen, dass die Patienten selber durchaus einiges von sich aus tun können, um ihr Risiko an Krebs zu erkranken, zu reduzieren. Dazu gehört vor allem: nicht rauchen, nicht zu viel Alkohol trinken, allzu ausgeprägtes Übergewicht vermeiden, eine vielseitige Ernährung und Sport.

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