
Viele Eltern wissen erst gar nicht, dass ihr Kind hochbegabt ist. Sie wundern sich, mit welcher Kontinuität sich ihr Kind mit einem Problem (häufig nicht altersentsprechend) beschäftigt, oder welch originellen Lösungsmöglichkeiten es dafür hat. Dann wiederum zeigt es im emotionalen Bereich altersentsprechende Verhaltensweisen, die zum Teil im krassen Gegensatz zu seinen kognitiven Fähigkeiten stehen (asynchrone Entwicklung).
Häufig fällt bei diesen Kindern auch auf, dass sie über ein sehr ausgeprägtes Kommunikationsverhalten verfügen, und ihr Wortschatz deutlich den ihrer Altersgenossen übertrifft. Fälschlicherweise werden diese Kinder dann häufig als altklug bezeichnet. Es fällt auf, dass diese Kinder nur sehr wenige Freunde haben, und diese meist auch schon älter als das Kind selber sind.
Des Weiteren ist auffällig, dass hochbegabte Kinder nur sehr wenig Schlaf benötigen, und sie ständig aktiv sind. Daher werden sie oft, fälschlicherweise, als hyperaktiv identifiziert, und medikamentös behandelt, Dies hat dann fatale Auswirkungen auf die kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes. Diesen Irrtum kann man aber leicht durch differenziertes Beobachten der Aktivitäten des Kindes vermeiden. Ein hochbegabtes Kind kann sich über einen längeren Zeitraum konzentrierter und zielgerichteter mit einer Sache beschäftigen, als ein hyperaktives Kind, welches über eine geringere Aufmerksamkeitsspanne verfügt (vgl. Webb, James T. , Meckstroth, Elizabeth A. , Tolan, Stephanie S. , 2002, S. 31- 32) .
Die nun folgende Liste ist nicht wissenschaftlich überprüft, und dient somit nur als Anhaltspunkt. Ebenso erfüllen hochbegabte Kinder nicht immer alle in der Liste aufgeführten Kriterien. Diese Liste ermöglicht uns aber erste Hinweise einer Hochbegabung festzustellen.
1. Merkmale des Lernens und des Denkens
- Hochbegabte haben in einzelnen Bereichen ein sehr hohes Detailwissen.
- Ihr Wortschatz ist für ihr Alter ungewöhnlich.
- Ihre Sprache ist ausdrucksvoll, ausgearbeitet und flüssig.
- Sie können sich Fakten schnell merken.
- Sie durchschauen sehr genau Ursache- Wirkung- Beziehungen.
- Sie suchen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden.
- Sie erkennen bei schwierigen Aufgaben zugrundeliegende Prinzipien.
- Sie können leicht gültige Verallgemeinerungen herstellen.
- Sie können außergewöhnlich gut beobachten.
- Sie lesen sehr viel von sich aus und bevorzugen Bücher, die über ihre Altersstufe deutlich hinausgehen.
- Sie geben in ihren Ausführungen zu erkennen, dass sie kritisch, unabhängig und wertend denken.
2. Arbeitshaltung und Interessen
- Motivierte Hochbegabte gehen in bestimmten Problemen völlig auf.
- Sie sind bemüht, Aufgaben stets vollständig zu lösen.
- Sie sind bei Routineaufgaben leicht gelangweilt.
- Sie streben nach Perfektion.
- Sie sind selbstkritisch.
- Sie geben sich mit ihrem Arbeitstempo oder -ergebnis nicht schnell zufrieden.
- Sie arbeiten gerne unabhängig, um hinreichend Zeit für das Durchdenken eines Problems zu haben.
- Sie setzen sich hohe Leistungsziele und lösen (selbst-) gestellte Aufgaben mit einem Minimum an Anleitung und Hilfe durch Erwachsene.
- Sie interessieren sich für viele „Erwachsenenthemen“ wie Religion, Philosophie, Politik, Umweltfragen, Sexualität, Gerechtigkeit in der Welt.
3. Merkmale des sozialen Verhaltens
- Hochbegabte beschäftigen sich viel mit Begriffen wie Recht- Unrecht sowie Gut- Böse und sind bereit, sich gegen „Autoritäten“ zu engagieren.
- Sie gehen nicht um jeden Preis mit der Mehrheit.
- Sie sind individualistisch.
- Sie akzeptieren keine Meinung von Autoritäten, ohne sie kritisch zu prüfen.
- Sie können gut Verantwortung übernehmen und erweisen sich in Planung und Organisation als zuverlässig.
- Sie suchen ihre Freunde bevorzugt unter Gleichbefähigten, häufig Älteren.
- Sie neigen schnell dazu, über Situationen zu bestimmen.
- Sie können sich in andere einfühlen und sind daher für politische und soziale Probleme aufgeschlossen.
Diese Liste ist sehr ausführlich gestaltet, und kann zur ersten Diagnosesicherung der Hochbegabung herangezogen werden. Sicherlich treffen nicht immer alle der obengenannten Merkmale zu, d. h. aber nicht, dass ein Kind nicht trotzdem hochbegabt ist. Gerade Mädchen, die auch heute noch sehr häufig zur Anpassung erzogen werden, fallen bei diesem Raster unter Umständen durch. Deshalb sollte im weiteren Verlauf die Diagnose Hochbegabung mit Hilfe eines wissenschaftlichen Intelligenztests gesichert werden.



