Team jameda
Die Myasthenia gravis, eine seltene Krankheit, ist sogar für Experten noch immer ein Rätsel. Lesen Sie hier, was Myasthenie ist, welche Theorien es über ihre Entstehung gibt, wie sie sich äußert und welche Therapien möglich sind.
Die Myasthenia gravis ist eine Störung der elektrochemischen Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln. Sie gehört zur Gruppe der neurologischen Leiden und ist eine Autoimmunkrankheit, weil das körpereigene Abwehrsystem fehlerhaft Antikörper produziert.
Ähnlich sind die ,kongenitalen myasthene Syndrome’’, die jedoch vererbbar sind.
Die Myasthenia gravis ist selten. Durchschnittlich sind ungefähr 100 bis 200 von einer Million Menschen betroffen. Am häufigsten erkranken die 20- bis 30-Jährigen und die 60- bis 80-Jährigen daran. Frauen leiden häufiger an der Myasthenie als Männer.
Die Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Jedes Mal, wenn sich ein Muskel bewegen soll, schickt ihm das Gehirn ein elektrisches Signal entlang der Nervenbahnen. Das elektrische verwandelt sich in ein chemisches Signal, das von Botenstoffen weitertransportiert wird. Sie binden sich an spezielle Andockstellen der Muskelzellen, was den Muskel anregt, sich zusammenzuziehen.
Bei der Myasthenia gravis bildet das Abwehrsystem Antikörper, die sich gegen die Andockstellen bestimmter Nervenbotenstoffe richten und sie zerstören, so dass die Signalübertragung eingeschränkt wird und die Präzision und Kraft der Bewegungen vermindert werden.
Es ist jedoch nicht bekannt, wieso das Abwehrsystem plötzlich die eigenen Nervenbotenandockstellen angreift.
Bei ungefähr 10 Prozent aller Patienten bildet sich ein Tumor in der Thymusdrüse, ein Organ, in dem verschiedene Zellen des Abwehrsystems gebildet werden. Darüber hinaus ist der Thymus bei 70 Prozent aller Patienten überaktiv. Deswegen vermuten Experten, dass die Erkrankung des Thymus mit der Myasthenia gravis zusammenhängt.
Weitere Faktoren beeinflussen wahrscheinlich die Schwankungen und die Ausprägungen der Symptome, wie zum Beispiel Umwelteinflüsse, Entzündungen sowie seelische und psychische Belastungen.
Das Kernsymptom der Myasthenia gravis ist die Muskelschwäche. Der Schweregrad variiert von Patient zu Patient und ändert sich auch bei ein und demselben Betroffenen im Verlauf der Erkrankung. Verschiedene Muskelgruppen können darunter leiden, die Bewegungen nun mit weniger Kraft oder Genauigkeit ausführen.
Am Anfang sind meistens kleinere Muskeln, wie zum Beispiel Augen- und Gesichtsmuskeln beeinträchtigt, insbesondere am Abend und nach körperlicher Anstrengung. Auch die ersten Symptome äußern sich im Gesicht: Die Betroffenen können das obere Augenlid nicht mehr heben und es hängt herab, sie sehen Doppelbilder oder sie können die Augen oder den Mund nicht komplett schließen. Sie haben Schwierigkeiten zu lachen, zu kauen, zu schlucken oder zu sprechen oder sie können ihren Kopf nicht aufrecht halten. Schmerzen treten jedoch keine auf.
In fortgeschrittenen Fällen sind die Schluckprobleme so schlimm, dass die Patienten künstlich ernährt werden müssen und der Speichel abgesaugt werden muss. Denn wenn Geschlucktes in die Lunge statt in die Speisröhre gerät, kann es zu einer Lungenentzündung mit Fieber kommen.
Auch die Muskeln der Hände oder Beine können betroffen sein. Die Muskelschwäche beginnt mit schneller Ermüdbarkeit und entwickelt sich ohne Behandlung hin zu Muskellähmungen. Die Finger können nicht mehr einzeln angehoben werden, das Strecken der Finger ist erschwert, das Halten von Gegenständen wird unsicher und die Handschrift wird krakelig. Der Gang wird unsicher, längeres Laufen ist nicht möglich und die Betroffenen haben Schwierigkeiten beim Treppensteigen und bei Steigungen im Allgemeinen.
Wenn die Atemmuskulatur befallen ist, dann ist eine künstliche Beatmung lebenswichtig.
Manchmal kommt es plötzlich zu einer Verschlechterung der Erkrankung, was sich mit schweren Schluck- und Atmungsstörungen äußert und stationär behandelt werden muss. Dann sprechen Experten von einer myasthenen Krise, die in 5 Prozent aller Fälle tödlich ausgeht. Solche Krisen werden von Infektionen oder Fehlern bei der Einnahme der Medikamente ausgelöst.
Die Myastenia gravis wird nach Osserman und Genkins in verschiedene Stadien unterteilt:
Stadium
Bezeichnung
befallene Körperregionen
I
nur Augensymptome
nur Augenmuskeln
II a
leichte Generalisierung
ganzer Körper
II b
mittelschwere Generalisierung
ganzer Körper
III
schwere akute Generalisierung
ganzer Körper mit Atemmuskulatur
IV
schwere chronische Generalisierung
ganzer Körper mit Atemmuskulatur
Darüber hinaus ist der Besinger-Score hilfreich für die Beurteilung des Schweregrades der Myastenia gravis, der sich aus acht Kriterien zusammensetzt.
Normal (0)
Leicht (1)
Mittel (2)
Schwer (3)
Armvorhalteversuch (90 Grad, stehend oder sitzend)
180 s
61 - 180 s
11 - 60 s
0 - 10 s
Beinhalteversuch (45 Grad, Rückenlage)
45 s
31 - 45 s
6 – 30 s
0 – 5 s
Kopfhalteversuch (45 Grad, liegend)
90 s
31 – 90 s
6 - 30 s
0 – 5 s
Vitalkapazität* (Frauen)
3,0 L
2,1 – 3,0 L
1,2 – 2,0 L
< 1,2 L
Vitalkapazität* (Männer)
4,0 L
2,6 – 4,0 L
1,5 – 2,5 L
< 1,5 L
Kauen, Schlucken
normal
leicht gestört bei festen Speisen
gestört nur bei Flüssigkeiten
nicht möglich (Magensonde)
Mimische Muskulatur (Lidschluss)
normal kräftiger Lidschluss
leichte Schwäche bei vollständigem Lidschluss
unvollständiger Lidschluss
kein mimischer Ausdruck
Doppelbilder (Blick zur Seite)
60 s
11 - 60 s
1 - 10 s
spontan
Fall des Augenlides (Blick nach oben)
60 s
11 - 60 s
1 – 10 s
spontan
Das Ergebnis berechnet sich aus der Summe der Punkte dividiert durch die Anzahl der getesteten Kriterien.
*Die Vitalkapazität ist eine Kenngröße für die Funktion der Lunge.
Bei Verdacht auf Myasthenia gravis sind zwei spezielle Untersuchungen hilfreich:
Zur weiteren Diagnostik sind Blutwerte zum Nachweis von Antikörpern, Untersuchungen von Muskelgewebe oder eine Computertomografie des Thymus notwendig.
Die Myasthenia gravis muss von anderen Muskelkrankheiten unterschieden werden.
Die Prognose, die Lebenserwartung und die Therapie richten sich nach dem Stadium und dem Grad der Behinderung, in dem die Myasthenia gravis diagnostiziert wird.
Heilbar ist die Erkrankung nicht. Das Ziel der Therapie ist daher, die Symptome zu lindern. Es gibt folgende medikamentöse Therapiemöglichkeiten:
Weitere hilfreiche Therapiemaßnahmen sind:
Bei schweren Komplikationen:
Es ist wichtig, sich mit der Erkrankung und ihren Einschränkungen zu arrangieren, Überanstrengung zu vermeiden, Pausen im Tagesablauf einzuplanen und technische und elektrische Hilfsmittel einzusetzen. In manchen Fällen ist Krankengymnastik hilfreich. Homöopathische Arzneien, die bei der Myasthenia gravis helfen, sind nicht bekannt.
Die Myasthenia gravis entsteht, wenn das körpereigene Abwehrsystem bestimmte Andockstellen an den Muskeln zerstört, die für die Übertragung der Gehirnsignale wichtig sind. Wieso das passiert, ist unklar. Wahrscheinlich spielt die Thymusdrüse eine wichtige Rolle. Die Erkrankung äußert sich mit Muskelschwäche der Gesichts-, Arm- und Beinmuskeln und kann unbehandelt zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen. Eine Heilung ist nicht möglich, dennoch lindern die unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten die Symptome deutlich.
Deutsche Myasthenie-Gesellschaft
Muskeldystrophie-Netzwerk
Deutsche Gesellschaft für Neurologie
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
Berufsverband Deutscher Nervenärzte
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