
Viele Menschen finden im heutigen Gesundheitswesen trotz des stetigen technischen Fortschritts keine Lösung für ihre Gesundheits- und Schmerzprobleme. Eine Odyssee von Facharzt Konsultationen und teuren Apparateuntersuchungen kann vielfach keine Aufklärung und keine Therapie der Schmerzursachen leisten. Sind die Beschwerden deshalb psychischer Natur, oder nur nicht aufwendig genug untersucht? Ich meine, ganz im Gegenteil, das vorwiegende Vertrauen auf moderne Technik verhindert eine zielgerichtete ärztliche Befragung, Untersuchung und Behandlung, ja lässt sogar ärztliche Kunst verkümmern.
Dazu ein typisches Beispiel aus der ärztlichen Praxis:
Patient im mittleren Lebensalter, seit Jahren einseitige tiefe Kreuzschmerzen, mehrfach Röntgen, MRT, alles mit altersentsprechenden, als Verschleiß titulierten Befunden, dann wiederholte Spritzentherapien, Schmerzmedikamente, Physiotherapie, Kur usw., alle Maßnahmen ohne nachhaltige Beschwerdebefreiung, kommt mit der Frage, dem Selbstzweifel und auch dem Vorwurf: „Herr/Frau Doktor ich bilde mir den Schmerz doch nicht ein“, zum mittlerweile x-ten Arzt, der sich seiner Beschwerden annehmen solle.
Die zielgerichtete Befragung weist keine besonderen körperlichen oder psychischen Belastungen auf, eine tiefergehende Anamnese bringt allerdings noch weitere ständige Begleiter des Patienten ans Licht, die da wären, Nachenkopfschmerzen, immer wieder Schwindelgefühle, Knieschmerzen beim Treppab gehen, und auch Fersenschmerz (die Aufzählung ist verlängerbar).
Die funktionelle körperlich Untersuchung ergibt eine geringe Beinlängendifferenz, eine Beckenverwringung und eine lokale Schmerzprovokation als wesentliche lokale Auffälligkeiten, die dann zur Diagnose Iliosakralgelenks-Syndrom führen. Dies hat der Patient schon mehrfach gehört, es habe sich an seinem Zustand aber nichts dauerhaft bessern lassen. Die weiteren manuellen Tests zeigen eine erhebliche Fehlfunktion der Kiefergelenke, einen schlechten Zahnstatus, eine Fehlfunktion der Kopfgelenke, eine Fehlposition des Atlas (1. Halswirbel) und weitere Wirbelblockaden, Kniescheibenschmerz und Fersendruckschmerz, alles zusammen gesehen als Ausdruck einer muskulären Dysbalance.
Was ist nun das Besondere an diesem Untersuchungsvorgang? Zunächst einmal, das Befunde aus eigentlich unterschiedlichen Fachdisziplinen der Medizin zu einem Gesamtkomplex zusammengeführt werden, und dass vorher gezielt und ausführlich danach gefragt wurde. Ungewöhnlich in unserem technischen Zeitalter ist auch, dass bisher noch kein Blick auf ein MRT Bild oder einen Laborzettel geworfen wurde.
Bislang hörte der Patient von Radiologen, dass die geringe Beinlängendifferenz keine krankmachende Bedeutung habe, dass er an der Wirbelsäule Verschleißzeichen aufweise und er eben damit leben müsse. Vom Zahnarzt erfährt er, dass sein Fehlbiss mit Kreuzschmerzen in keiner messbaren Verbindung stünde. Vom Rheumatologen erfährt er, dass seine Laborwerte keine spezifische Diagnose ermöglichen.
Anders ist also, dass scheinbar bedeutungslose Befunde im Zusammenhang gesehen und gewertet werden, dass sich daraus eine neue, präzise funktionelle Diagnose ableiten lässt, in unserem Beispiel: Fehlfunktion der Kiefergelenke und Beckenfehlhaltung als Ursache für Kreuzschmerzen punktuell im Kreuz-Darmbein-Gelenk (ISG), weiterhin ein Atlas-Syndrom als Auslöser von Kopfschmerzen und Schwindel, und dass muskuläre Dysbalancen zu Kniescheiben-Reizung und auch zu Fersenschmerzen führen. Anders ist auch, dass die eingeleitete Therapie nicht am empfundenen Schmerzort ansetzt, sondern aus einem speziellen Aktiv-Einlagenkonzept zum Beckenausgleich besteht und überraschenderweise durch Zahnbehandlung wesentlich ergänzt wird. So nebenbei werden sich auch die anderen Beschwerden hierdurch beseitigen lassen, eventuell unterstützt durch Maßnahmen wie Atlas-Therapie, Manueller Therapie und Osteopathie.
Funktionelle Diagnostik als Basis einer nachhaltigen Therapie erfordert demnach zuallererst fundiertes ärztliches Wissen, geübte Fähigkeiten in der manuellen Untersuchung, transdisziplinäres Arbeiten (relevante Anteile der Zahnmedizin, Psychologie und Physiotherapie zu wissen und selbst zu beherrschen) und daraus sich ergebend, aufmerksames Zuhören und zielgerichtetes Nachfragen im Gespräch mit dem Patienten. So lassen sich nutzlose Alibi-Diagnosen beiseiteschieben, die durch die Beschränkung auf apparative Diagnostik und einen fachspezifischen Tunnelblick entstehen, und wir finden eine Gesundheitsstörung, die verblüffend einfach behandelbar ist.


