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Werden wir als Alkoholiker geboren oder erst dazu gemacht?

Herr Marx

von
verfasst am

© shironosov - iStock© shironosov - iStockAus biologisch-medizinischer Sicht ist Alkoholismus die Folge genetischer Dispositionen und Stoffwechselabweichungen im Gehirn. Aus soziologisch-psychologischer Sicht ist süchtiges Trinken die Folge seelischer Verletzungen und ungünstiger sozialer Bedingungen. Die Grundfrage lautet also: Werden wir als Trinker geboren oder erst dazu gemacht?

Psychosoziale Risikofaktoren
Für viele Menschen sind schwierige Lebenssituationen, scheinbar unüberwindbare Probleme in der Familie oder im Beruf oder extreme Situationen in ihrer Vergangenheit die Auslöser, die sie in die Alkoholabhängigkeit führen. Diese bestimmten Situationen werden in der Fachsprache psychosoziale Risikofaktoren genannt. Eine Langzeitstudie der Universität Berkeley in Kalifornien brachte hierzu wichtige Erkenntnisse. Es wurden bei ca. 100 Personen von deren dritten bis zum achtzehnten Lebensjahr ganz gezielt die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsentwicklung und späterem Suchtmittelgebrauch untersucht. Die erwachsenen Personen konnten schließlich in drei etwa gleich große Gruppen unterteilt werden.

  • Ein Drittel der untersuchten Personen konnten als Gelegenheitskonsumenten bezeichnet werden. Sie nahmen hin und wieder Suchtmittel wie Alkohol zu sich, waren aber nur in geringem Maße suchtgefährdet.
  • Ein Drittel nahm häufig Suchtmittel zu sich und musste als stark gefährdet bis abhängig eingestuft werden.
  • Ein Drittel lebte fast oder sogar vollständig abstinent.

Bezüglich der Persönlichkeitsentwicklung dieser Gruppen ist Folgendes interessant:
Die Gruppe der Gelegenheitskonsumenten wies über den gesamten Beobachtungszeitraum in der Regel positive Persönlichkeitsmerkmale auf. Die Betroffenen stammten aus intakten Familien und schienen als Kinder und Jugendliche relativ glücklich gewesen zu sein. Sie waren sozial akzeptiert, wiesen ein gutes Selbstwertgefühl auf und waren lebens- und experimentierfreudig. Dazu gehörte offensichtlich auch das gelegentliche Einnehmen von Suchtmitteln.

Ganz anders geartet war dies bei den beiden anderen Gruppen. Sowohl die Suchtgefährdeten als auch die Abstinenzler fielen durch Einzelgängertum, soziale und emotionale Schwierigkeiten und geringes Selbstwertgefühl auf. Sie stammten überwiegend aus schwierigen Familienverhältnissen, in denen Sucht kein Fremdwort war und sie schienen als Kinder und Jugendliche eher unglücklich gewesen zu sein. Bezüglich der Suchtgefährdung reagierten beide Gruppen jedoch völlig gegensätzlich. Während die einen Suchtmittel benutzten, um ihre sozialen und emotionalen Probleme in den Griff zu bekommen, spürten oder erkannten die anderen anscheinend ihre potentielle Suchtgefährdung und reagierten mit äußerster Vorsicht oder sogar Abstinenz.

Wir wissen heute, dass viele Alkoholiker aus Alkoholikerfamilien kommen. Es lässt sich jedoch nicht klären, ob das Kind einer Alkoholikerfamilie beim Heranwachsen so vielen psychosozialen Risikofaktoren ausgesetzt ist, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit Alkoholiker wird, oder ob das an seiner genetischen Veranlagung liegt. Beides wirkt zusammen, beeinflussen kann man bislang nur die Risikofaktoren, bei denen die familiären Umstände offenbar die größte Rolle spielen. Nicht nur der Missbrauch von Alkohol und anderen Suchtmitteln wirkt sich ungünstig auf Kinder und Jugendliche aus. Auch fehlende Zuwendung, Unzuverlässigkeit und nicht konsequent gezogene Grenzen belasten sie emotional und fördern suchttypische Verhaltensweisen. Auf diese Weise entstehen Hemmungen, Kontaktstörungen, Ängste und geringes Selbstwertgefühl. Erfährt ein solches Kind die lindernde Wirkung von Alkohol, ist seine eigene „Trinkerkarriere“ vorprogrammiert (vgl. Dietze/Spicker 2007, S.16-55).

Menschen, die zu bestimmten Anlässen und überwiegend aus einer neutralen und positiven Stimmungslage heraus Alkohol trinken, sind in der Regel nicht alkoholgefährdet, außer sie gewöhnen sich an häufige Trinkanlässe und größere Mengen. Der Übergang vom gelegentlichen Alkoholgenuss zum Gewohnheitstrinker wird dabei regelrecht gesellschaftlich gefördert. Alkohol ist einerseits die beliebteste Alltagsdroge, die man gern gemeinsam mit Freunden beim geselligen Beisammensein oder auf Partys genießt, andererseits aber auch das allgemein akzeptierte Beruhigungsmittel, dass den Alltagsstress verjagt oder den Feierabend einläutet.

Riskant wird es, wenn sich unbewusst folgendes Muster verfestigt:
Jedes Mal, wenn durch unangenehme Situationen unangenehme Gefühle entstehen, dämpft man sie mit Alkohol und verwandelt sie in angenehmere Gefühle um. Hierbei entfällt natürlich die Möglichkeit, sich mit den Ursachen der Verstimmung auseinanderzusetzen und sie zu bewältigen. Zusätzlich gewöhnt sich auch der Stoffwechsel an das regelmäßige Trinken, die Alkoholtoleranz steigt schleichend und es kommt zur Dosissteigerung.

Besonders Männer erleben dies jedoch nicht als Warnsignal, sondern eher als Bestätigung ihrer Männlichkeit. Jemand der viel verträgt, wird für seine Standfestigkeit bewundert und nicht wegen seiner hohen Getränkerechnung oder seiner Stoffwechselüberlastung bedauert. Vom Unbewussten gesteuert und weitgehend unbemerkt kann hier eine gefährliche Dynamik entstehen: Wer mehr verträgt, trinkt immer größere Mengen und gewöhnt sich daran.

Um von starker Alkoholgefährdung oder Problemtrinken sprechen zu können muss jedoch ein entscheidender Faktor hinzukommen: Das Fehlen von Alkohol zu bestimmten Anlässen führt zu Verstimmungen oder das Ausschlagen einer Trinkgelegenheit fällt - trotz festem Vorsatz - schwer.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (6)


17.04.2017 - 20:22 Uhr

Ich habe eine Frage: Wie kann ich einer...

von Reinhold

... alkoholabhängigen Person helfen? Sie war bis Februar 2017 in der Klinik und ist jetzt schon rückfällig geworden.

16.09.2014 - 12:46 Uhr

Ich komme aus einer alkoholkranken Familie (Vater...

von Sabine

... ist Alkoholiker). Die ganze Familie ist dadurch krank geworden. Auch ich bin Alkoholikerin, meine Schwester nicht. Mit einem Absatz kann ich mich voll identifizieren. Ich hatte immer Hemmungen, Ängste und geringes Selbstwertgefühl. Habe mehrere Psychotherapien gemacht u.a. wegen Bulemie, aber nie wegen Alkoholismus. Mein Alkoholkonsum stieg stetig so ab meinem 40 Lebensjahr. Da begann ich eine neue Arbeitsstelle und hatte mit Mobbing zu tun. Ich redete mir ein, ich brauche den Alkohol zur Entspannung. Zum Schluss brauchte ich ihn immer. Jeden Abend. Wann er mir zur Entspannung half und wann ich ihn brauchte und nicht mehr ohne konnte, die Grenze war fließend, so dass ich es nicht mitbekam. Es kommt auch überhaupt nicht darauf an wie viel jemand trinkt. Es gibt Menschen, die trinken am Tag einen Piccolo oder eine Flasche Bier und sind Alkoholiker oder Menschen, die nur alle 3 Monate trinken und sind Alkoholiker. Das kann man nicht pauschalisieren. Ob jemand, der 2-3 Flaschen Bier am Tag trinkt Alkoholiker ist, kann man nicht sagen. Wenn man denjenigen bittet, über einen langen Zeitraum nicht zu trinken und er kann das ohne Probleme und ohne Wesensveränderung (wütend, zittrig, genervt, unausgeglichen etc.), dann ist er wahrscheinlich kein Alkoholiker. Wehrt er sich aber und will nicht auf seinen Alkohol verzichten, hat er ein ernsthaftes Problem. Es gibt Menschen, die können normal trinken und Menschen, die können es eben nicht. Ich kann es nicht.

03.08.2014 - 18:45 Uhr

@Uwe: Ich kann als Alkoholiker, der auch dies...

von Klaus

... immer verharmlost hat und die anderen als Spiesser betrachtet hat und ausgelacht hat, nur sagen: Durch jahrelangen Konsum gerät man schleichend in die Abhängigkeit. Ich habe das auch erst germerkt, als es schon zu spät war und ich abhängig war. Es gibt hier keinen Grund zur Verharmlosung.

25.07.2014 - 15:33 Uhr

Es ist leider ein Prozess in unserer heutigen...

von Uwe

... Welt, dass Dinge dramatisiert und kriminalisiert werden. Alkohol gehört seit langer Zeit dazu. Über die positiven Folgen von Alkohol (Entspannung und Genuss) redet kein Mensch mehr. Die willkürlich festgelegten Werte von "erlaubtem" Alkoholkonsum widersprechen jeder Lebenserfahrung. Besonders lächerlich die Angabe von einer halben (!) Flasche Bier pro Tag für Frauen. Also liebe Ilse, lassen Sie den Mann seine 2-3 Flaschen Bier trinken. Anlass zur Sorge besteht da sicherlich nicht.

10.07.2014 - 07:35 Uhr

@Ilse: Nun zumindest handelt es sich hierbei...

von Maria

... offiziell um gesundheitsschädlichen Konsum. Risikoarmer Konsum wird folgendermaßen definiert: Frauen: 12 Gramm Rheinalkohol am Tag(ca. 1/2 Flasche Bier), an max. 5 Tagen/Woche Männer: 24 Gramm Rheinalkohol am Tag (ca. 1 Flasche Bier), an max. 5 Tagen/Woche

15.05.2014 - 17:38 Uhr

Frage: Jemand, der täglich und bereits seit...

von Ilse

... vielen Jahren, abends 2-3 Flaschen Bier konsumiert, ist Derjenige gefährdet? Oder sogar schon abhängig?Tagsüber wird kein Alkohol getrunken.


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