Effektive Hilfe bei Entzündungen: Zahn ziehen lassen oder mit einer Wurzelbehandlung retten?

Dr. Schreck

von
verfasst am

© fotolia-140559512-Africa StudioKaries verursacht Zahnschmerzen (© fotolia-140559512-Africa Studio)

Akute Zahnschmerzen können unterschiedliche Gründe haben, meistens ist die Ursache jedoch eine Zahnfleischentzündung oder eine Folgeerscheinung von Karies. Nicht selten rühren Zahnschmerzen aber auch von einer Entzündung des Zahnmarks und der Nerven her. Dabei kann eine kariöse Zersetzung des Zahns durchaus für die unangenehmen Schmerzen verantwortlich sein.
 

 

Wie kommt es überhaupt zu einer Zahnentzündung?

Durch diese Angriffsfläche gelangen Keime wie z.B. Bakterien ins Innere des Zahns und treffen dort auf das sich in einem Hohlraum befindliche Zahnmark, auch Pulpa genannt. Dieses erstreckt sich innerhalb des Zahnes von der Zahnkrone bis hinunter in die äußerste Wurzelspitze. An dieser Stelle ist sie mit der Nerven- und Blutversorgung aus dem umgebenden Kieferknochen verbunden.

Bildlich dargestellt, ist die Wurzelspitze eines Zahnes durchaus vergleichbar mit einer Baumwurzel: Wie beim Baum zweigen sich der Zahnnerv und die Wurzelkanäle mannigfaltig auf und bilden kleine Verästelungen und Seitenkanälchen, die vom Hauptnerv abzweigen. Im Inneren eines durchaus erhaltungswürdigen Zahnes entstehen so irreversible Entzündungen des Zahnnervs, die im Einzelfall auch zum Absterben der Pulpa führen können.

Diese Entzündungen und die damit verbundenen Schmerzen können durch bakterielle, chemische oder physikalische Reize hervorgerufen werden. In den meisten Fällen jedoch ist ein bakterieller Reiz durch eine fortgeschrittene Karies ausschlaggebend, die teilweise mit erheblichen Beschwerden einhergehen kann, da durch die entzündlichen und nekrotischen Prozesse im Körper automatisch eine Immunantwort ausgelöst wird, aber auch saure Gase (Kohlenstoffdioxid, Ammoniak oder Schwefelwasserstoff) gebildet werden, die den Druck in den Kanälen erhöhen und gleichzeitig den pH-Wert des umgebenden Gewebes senken. Ist der Zahn ansonsten intakt, können die Gase nicht entweichen und führen so teilweise zu intensiven Schmerzsituationen.

Spätestens jetzt ist eine Wurzelbehandlung unausweichlich, um die Bakterien zu entfernen und die Funktion des Zahnes wiederherzustellen. Viele Patienten beschleicht jedoch bereits beim Gedanken an den Eingriff ein mulmiges Gefühl. Ist die Behandlung unangenehm? Wie lange dauert sie? Werde ich danach schmerzfrei sein?
 

Ist die Wurzelkanalbehandlung immer der beste Weg?

Der eigene Zahn bietet immer noch die beste Option, denn nichts ist besser als das Original! Daher sollte immer der Erhalt des ursprünglichen Zahns mit der optimalen Behandlungstechnik das oberste Ziel darstellen. Einige Zahnärzte bevorzugen anstelle einer Wurzelbehandlung ein Implantat als Zahnersatz.

Durchaus ein probater Ansatz, wir empfehlen das jedoch erst als letztes Mittel. Natürlich stellen Zahnimplantate heutzutage eine ausgezeichnete Behandlungsmöglichkeit nach Zahnverlust dar, jedoch ist diese Maßnahme bei einem sonst rettungswürdigen Zahn nicht ideal - unser eigener Zahn hat zumindest einen Rettungsversuch verdient! Die Chancen stehen zudem gar nicht so schlecht, denn aktuelle Studien belegen, dass die Erfolgschancen einer Wurzelkanalbehandlung bei über 90 % liegen.
 

Wie läuft die Wurzelbehandlung in einer spezialisierten Zahnarztpraxis ab?

Eine Wurzelkanalbehandlung ist ein komplexer und schwieriger Eingriff. Er verlangt vom Zahnarzt nicht nur höchste Konzentration, sondern auch Genauigkeit. Eine der großen Herausforderungen für den Endodontologen ist dabei die variantenreiche Formenvielfalt der Wurzelkanalsysteme; selbst bei ein und demselben Zahntyp.

Ein guter Behandler muss also ganz genau wissen, mit welchen Varianten er zu rechnen hat und wo er diese finden kann. Neben den entsprechenden Kenntnissen aus Berufsausbildung und Fachliteratur sollte er eine spezielle Fortbildung zum Endontologen absolviert haben, sowie zudem über Erfahrung auf diesem Gebiet verfügen. Der Zahnarzt sollte außerdem in seiner Praxis Zugriff auf modernste, spezielle Instrumente haben, denn diese sind für ein optimales Behandlungsergebnis sehr wichtig.

Bereits unter besten Behandlungsbedingungen ist es fast unmöglich, bei einer Wurzelkanalbehandlung alle Seitenkanäle vollständig zu erfassen - verbleiben jedoch während der Behandlung Bakterien im Gewebe, kommt es zu einer bakteriellen Reinfektion.

Verwendet der Zahnarzt z.B. nur herkömmliche zweidimensionale Röntgenbilder, kann es vorkommen, dass er zusätzliche Wurzelkanäle nicht erkennt und infolgedessen nicht behandelt. ©fotolia-69440227-pathdocAngstpatienten können beruhigt sein - denn die Wurzelbehandlung verläuft heutzutage schmerzfrei! (©fotolia-69440227-pathdoc)Eine dreidimensionale Untersuchung im DVT hingegen kann die Ursachen für ein Wiederkehren der Entzündung in den Wurzelkanälen bereits bei der Anfangsdiagnostik erfassen und so die richtige Vorgehensweise für die optimale Therapie ermöglichen.

Bedauerlicherweise sind Wurzelbehandlungen bei vielen Patienten sehr negativ belegt. Ursachen dafür liegen meines Erachtens nach in weniger effektiven Behandlungstechniken und Instrumenten, die in früheren Jahren zum Einsatz kamen und nicht selten mit erheblichen Schmerzen während oder nach einer Behandlung verbunden waren. Die moderne, zeitgemäße Wurzelbehandlung wird jedoch unter minimaler lokaler Betäubung durchgeführt und verursacht in aller Regel keine Schmerzen. Lediglich ca. 10 % aller Patienten geben an, etwas von der eigentlichen Behandlung zu spüren, wobei das in den häufigsten Fällen keine eigentlichen Schmerzen sind, sondern eher eine Art „undefiniertes, negatives Empfinden“.

Die überwiegende Mehrheit aller Behandelten hat während und nach der Behandlung keine Schmerzen, sondern fühlt sich wohl, weil der Entzündungsschmerz nicht mehr wiederkehrt und der ursprünglich defekte Zahn zur Ruhe gekommen ist.

Nach einer ausführlichen Diagnostik und einer örtlichen Betäubung wird der Wurzelkanal vom Endontologen zunächst vorsichtig von der Kaufläche her geöffnet, damit einerseits sämtliche drucksteigernden und somit schmerzauslösenden Gase entweichen können und damit die Strukturen des Wurzelkanalsystems der Reinigung zugänglich gemacht werden. Anschließend entfernt der Zahnarzt sehr vorsichtig mit speziellen Bohrern und grazilen Feilen ggf. das betroffene Pulpengewebe und alle infizierten Teile des Zahninneren. Nachfolgend werden die Wurzelkanäle mit desinfizierenden Lösungen, Ultraschall und ggf. Laser von eingedrungenen Keimen, wie z.B. Bakterien, gereinigt und desinfiziert. 

Durch den Einsatz moderner Ultraschall- und Lasertechnik lässt sich die intensive Reinigung der Zahnwurzel sehr gewebeschonend und minimalinvasiv durchführen. Zudem wird die gesunde Zahnhartsubstanz geschont. Im letzten Behandlungsschritt bringt der Behandler ein basisches, antibakterielles Medikament in Form einer Paste in den offenen Wurzelkanal ein und verschließt den Zahn abschließend provisorisch.

In den meisten Fällen bleibt der Zahn in den darauffolgenden Tagen komplett beschwerdefrei, weshalb in der nächsten Sitzung die endgültige Wurzelkanalfüllung durchgeführt werden kann. Dabei wird in der finalen Sitzung der betroffene Wurzelkanal bis zur Wurzelspitze z.B. mit Guttapercha, einem tropischen Harz, und einem Sealer, einem fließfähigen Wurzelfüllungs-Composite, gefüllt. Mit Hilfe eines erwärmten Instrumentes bringt der Zahnarzt die Füllung dicht an die Wurzelkanalwand, lässt sie dort erstarren und versiegelt im Anschluss die Haupt- und Seitenkanäle hermetisch, was eine wiederholte Ausbreitung der Bakterien in der betroffenen Wurzel für lange Zeit verhindern soll.
 

Wie lange dauert eine erfolgreiche Wurzelkanalbehandlung?

In der Regel ist bei der ersten Sitzung mit einer Behandlungsdauer von 60 Minuten zu rechnen, in der zweiten Behandlungsstufe sind 30-40 Minuten ausreichend. Dafür können die wurzelkanalbehandelten Zähne während und nach der Wurzelbehandlung ganz normal belastet werden, sofern die erfolgreiche Restauration im Bereich der Zahnkrone abgeschlossen werden konnte. Das gilt auch für die Verweildauer des Provisoriums im Mund des Patienten. Die Heilung ist aber erst dann abgeschlossen, wenn keine Entzündung mehr vorliegt - das Ergebnis sollte vom Zahnarzt deshalb in bestimmten Abständen kontrolliert werden.

Im Hinblick auf die Langlebigkeit des behandelten Zahnes sind die Erfolgsaussichten einer Wurzelkanalbehandlung bei ordnungsgemäßer, komplikationsloser Durchführung und umfassender Desinfektion hervorragend. Da der Zahn durch die Infektion und die darauffolgende Behandlung durchaus destabilisiert sein kann, ist eine Bruchgefahr jedoch nicht auszuschließen. Deshalb sollte der verantwortungsbewusste Zahnarzt prüfen, ob der wurzelkanalbehandelte Zahn nach 3-6 Monaten mit einer Krone versorgt werden sollte.
 

Kosten und alternative Behandlungsmethoden

© fotolia-52499016-beawolfZahnimplantate stellen eine Alternative zur Wurzelbehandlung dar (© fotolia-52499016-beawolf)Der Zahnarzt erstellt vor der Behandlung einen detaillierten schriftlichen Heil- und Kostenplan und stimmt diesen mit seinem Patienten ab.

Grundsätzlich ist die Wurzelkanalbehandlung fester Teil des GKV-Leistungskataloges, die Kosten werden also von der gesetzlichen Krankenkasse vollumfänglich übernommen. Eine umfassend diagnostizierte Wurzelkanalbehandlung, die vollständig unter dem Mikroskop und bei einem erfahrenen Experten für Endodontologie durchgeführt wird, ist in der Regel eine reine Privatleistung. Daher wird der Zahnarzt vor der Behandlung einen detaillierten schriftlichen Heil- und Kostenplan erstellen und mit seinem Patienten abstimmen. 

Sollte die endodontologische Behandlung aus medizinischen oder emotionalen Gründen nicht in Frage kommen, bleibt nur noch die Extraktion, also das Entfernen des sonst intakten Zahns. Für die Schließung der entstandenen Zahnlücke kann der Patient aus vier Alternativen auswählen: Herausnehmbare Teilprothese, Zahnimplantat, Brücke oder kieferorthopädischer Lückenschluss. Basierend auf der Gebührenordnung für Zahnärzte ist lediglich die Teilprothese preislich unterhalb der Wurzelkanalbehandlung zu finden, sodass sich unter normalen Voraussetzungen die endodontologische Therapie – die Wurzelkanalbehandlung – aktuell als kostengünstige und medizinisch komfortable Lösung empfiehlt.

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Kommentare zum Artikel (1)


29.06.2017 - 15:44 Uhr

Achtung! Die Wurzelkanalbehandlung wird in den...

von Tobias U.

... meisten Fällen vollumfänglich von der GKV getragen. Es gibt jedoch Einschränken. Vorallem bei der Behandlung eines Backenzahns und die Revision einer bereits erbrachten Wurzelkanalbehandlung sollte vorher geprüft werden, ob dies mit den Richtlinien der GKV vereinbart ist. Ansonsten ein guter Artikel!


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