Wie die Psyche Übergewicht und Adipositas beeinflusst

jameda

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© MaleWitchi_StockPsychosynamsiche Faktoren wie Stress und Depressionen können Übergewicht begünstigen (© MaleWitchi_Stock)Die Psyche bestimmt mit, ob ein Mensch mit der entsprechenden Veranlagung Übergewicht entwickelt oder nicht. Sie leidet, wenn die Gewichtsreduktion fehlschlägt, und kann zum Gelingen einer Diät beitragen. Wie eng Psychologie und Adipositas verwoben sind, wollte jameda von Prof. Dr. Hilbert, Leiterin des IFB Adipositaserkrankungen, wissen. 

Ursachen für Adipositas
Problem "Diätfrust"
Essstörungen
Psychotherapeutische Hilfe
Hilfe zur Selbsthilfe

jameda: Ob ein Mensch Übergewicht hat oder nicht, bestimmen nicht nur die Gene, sondern auch Psyche und Erziehung. Wie groß ist der Einfluss der Psyche tatsächlich?
Prof. Dr. Hilbert: Das ist schwer zu sagen. Zwillings-, Adoptions- und Familienstudien haben ergeben, dass der Einfluss der Gene und auch der Umwelt - einschließlich Psyche - auf das Körpergewicht 30 bis 70 Prozent beträgt. Wir sind aber noch weit davon entfernt, zu verstehen, wie sich Adipositas genau entwickelt. Stress, Bewegungsmangel, familiäre Einflüsse, Konflikte und Schlafmangel spielen neben genetischer Veranlagung eine wichtige Rolle. Wer negative Gefühle mit Essen dämpft, sich schon als Kind daran gewöhnt hat, unkontrolliert zu viel zu essen oder ständig vor dem Bildschirm sitzt und sich wenig bewegt, entwickelt eher Übergewicht. Übergewicht und Adipositas gehen aber auch besonders häufig mit  geringer Bildung einher, vermutlich weil es dann an Gesundheitswissen fehlt.     

jameda: Kann Übergewicht auch ein Zeichen einer überlasteten Psyche oder sogar einer psychischen Störung sein?
Prof. Dr. Hilbert: Ja. Nicht nur Stress ist wichtig, auch Depression ist erwiesenermaßen ein Risikofaktor für Übergewicht. Dasselbe gilt für die Binge-Eating-Störung, die durch wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust gekennzeichnet ist.  

jameda: „Mach doch einfach Sport und ernähr dich gesünder!“ – So oder so ähnlich lauten die Ratschläge, die Übergewichtige von allen Seiten zu hören bekommen. Manche bemühen sich zwar täglich, diesen Anforderungen gerecht zu werden, verlieren aber trotzdem kein einziges Gramm. Wie gehen die Patienten am besten mit dieser frustrierenden Situation um?
Prof. Dr. Hilbert: Die Patienten sollten sich klarmachen, dass Adipositas eine chronische Gesundheitsstörung ist. „Einfach mal schnell abnehmen“ geht nicht. Eine Gewichtsreduktion sollte langfristig angelegt sein. Und dies setzt eine dauerhafte, häufig sogar lebenslange Veränderung der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten voraus.

jameda: Das deutsche Schönheitsideal lässt nicht mit sich reden: Jung, braungebrannt und vor allem schlank soll man aussehen, um neidische Blicke zu ernten. Doch über die Hälfte der Deutschen ist zu dick, jeder fünfte leidet unter Adipositas, hat also einen BMI über 30. Wie wirkt sich das Wissen, dem Schönheitsideal nicht entsprechen zu können, von anderen vielleicht sogar gehänselt zu werden, auf die Psyche der Betroffenen aus?
Prof. Dr. Hilbert: Viele Betroffene haben starke Gewichts- und Figursorgen. Übergewichtige und adipöse Menschen werden ja in unserer Gesellschaft häufig abgewertet. Laut einer Studie fühlen sich adipöse Menschen etwa dreimal am Tag auf Grund ihres Gewichts stigmatisiert. Das dämpft die Stimmung und schwächt das Selbstwertgefühl. Rund 25 Prozent der Patienten übernehmen das negative Bild, das die Gesellschaft von Adipositas hat. Das kann bis hin zu Selbsthass oder Ekel vor sich selbst führen. Aber es gibt natürlich auch adipöse Menschen, vor allem Männer im mittleren Lebensalter, die sich sehr wohl in ihrem Körper fühlen. Für sie ist der Bauch ein Statussymbol. 

© Prof. HilbertProf. Dr. Hilbert erforscht die psychodynamischen Hintergründe der Adipositas (© Prof. Hilbert)jameda: Wie häufig leiden Übergewichtige unter psychischen Störungen, die durch Stigmatisierung ausgelöst wurden?
Prof. Dr. Hilbert: Adipöse Menschen haben im Vergleich zu normalgewichtigen Menschen ein leicht erhöhtes 1,4-faches Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln. Vor allem extrem adipöse Patienten sind gefährdet: Menschen, die einen Body-Mass-Index über 40 kg/m2 haben, haben beispielsweise ein zehnfach erhöhtes Risiko, eine Binge-Eating-Störung zu entwickeln. Im Durchschnitt leiden 2% der Bevölkerung unter dieser Essstörung. Dennoch möchte ich betonen, dass die Mehrheit der Menschen mit Adipositas (ca. 70%) nicht unter psychischen Störungen leidet.

jameda: Welche psychotherapeutischen Ansätze haben sich als nützlich erwiesen, um Betroffene bei der Gewichtsreduktion zu unterstützen und psychischen Begleiterkrankungen besser zu begegnen?
Prof. Dr. Hilbert: Standardmäßig wird die sogenannte Multimodale Therapie der Adipositas angewandt. Dabei lernen die Patienten, ihr Verhalten zu ändern: Sie üben, ihr Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu beobachten, sich realistische Ziele für eine Gewichtsreduktion zu setzen, ihre Kalorienaufnahme zu verringern, Bewegung zu steigern und individuelle Auslöser für Überessen zu identifizieren und zu bewältigen. Dadurch können Patienten über ein halbes Jahr hinweg rund fünf bis zehn Prozent ihres Gewichts verlieren, was zu einer Senkung von Blutzucker- und Blutfettwerten führt, also gesundheitliche Vorteile mit sich bringt. Allerdings wäre eine langfristige Nachbetreuung wichtig, um das reduzierte Gewicht zu halten. Aus Kostengründen wird eine solch umfangreiche Therapie allerdings kaum angeboten.

jameda: Gibt es neben der Standardtherapie weitere Verfahren, die adipösen Menschen helfen können?
Prof. Dr. Hilbert: Ein neuerer Ansatz rückt die Emotionsregulation in den Fokus: Die Patienten lernen dabei, ihre Gefühle besser wahrzunehmen und besser mit ihnen umzugehen. Ein anderer Ansatz unterstützt Betroffene vor allem dabei, neue Denkweisen zu erlernen, um effektiv abnehmen zu können, z. B. ihre Handlungen besser zu steuern, ausgewogene Entscheidungen zu treffen und Impulse zu regulieren. Selbstwirksamkeit und Motivation entwickeln sich. Dieser neue Ansatz, dessen Wirksamkeit gerade untersucht wird, wird Kognitive Remediationstherapie genannt.   

jameda: Welche psychologischen Tricks helfen Patienten, die Kraft und das Durchhaltevermögen aufzubringen, um langfristig Gewicht zu verlieren?
Prof. Dr. Hilbert: Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass Schwierigkeiten dazugehören. Allerdings sind die Probleme bei der Gewichtsreduktion sehr individuell: Der eine überisst sich beim Sonntagessen, der andere beim Grillabend. Deshalb gilt es, individuelle Lösungen zu finden. Mit Freunden zu sprechen, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen oder den Partner einzubeziehen, kann auch hilfreich sein. Außerdem lohnt es sich, möglichst frühzeitig professionelle Hilfe aufzusuchen, bevor Begleiterkrankungen der Adipositas wie Diabetes mellitus Typ 2 oder Herzkreislaufprobleme auftreten.

jameda: Was können Betroffene tun, um ein positiveres Selbstbild zu erreichen?
Prof. Dr. Hilbert: Nicht jeder schafft es, sein Wunschgewicht zu erreichen oder zu halten. Deshalb ist es sehr wichtig zu lernen, sich selbst anzunehmen und sich in seiner Haut wohl zu fühlen - unabhängig vom Gewicht. Das gelingt Patienten zum Beispiel, indem sie das gängige Schlankheitsideal hinterfragen, sich vom Vorurteil, adipöse Menschen seien „faul, dumm, hässlich“ zu distanzieren und sich gegen Stigmatisierung wehren. Wertschätzung für den eigenen Körper oder zumindest für bestimmte Körperbereiche aufzubauen, verschiebt den Fokus und verbessert ebenfalls das Körper- und Selbstbild. Ein weiterer Effekt: Menschen mit einem positiven Selbstbild sind erfolgreicher darin, Gewicht zu verlieren.  

jameda: Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (1)


19.01.2018 - 00:27 Uhr

Ich werde in Kürze 56 Jahre alt, bin weiblich,...

von Birgit S.

... Angestellte, habe 3 abgeschlossene Berufsausbildungen, in 3. Ehe verheiratet und konnte leider keine Kinder bekommen. Seit ich denken kann war ich viel zu dick. Im Alter von 14 Jahren wog ich bereits 90 kg, bei einer Größe von 1,68 m. Aus meiner Sicht sind hier zu allererst die Hausärzte gefragt, um dem Patienten den Weg zu weisen. Mein Hausarzt verabschiedete sich vor ca. 8 Jahren als er in seinen verdienten Ruhestand ging mit den Worten: So Mädchen jetzt reden wird mal Klartext. Sie versprechen mir das heute nicht eine ihrer 1000 Diäten mehr zu machen, denn diese haben Ihnen nur den Jo-jo Effekt beschwert. Versprechen sie mir, kein einziges Gramm mehr zuzunehmen“. Wumm das hatte gesessen! Ich möchte meinen Doc und dachte er hat recht, keine der zig Diäten mehr. Ich achtete wie versprochen darauf kein Gramm mehr zuzunehmen. Besser noch, dachte ich vor 3 Jahren: Du bist eh viel zu dick, die gesellschaftlichen Vorurteile habe ich mein Leben lang „kassiert“, jetzt stellst Du Deine Ernährung um. Ich habe entgegen vieler Vorurteile von fast allen Ärzten und der Gesellschaft noch nie gefuttert wie eine Kuh. Aber ich habe seit zig Jahrzehnten geackert wie ein Pferd, Stress ohne Ende erlebt und viel zu wenig geschlafen. Dazu kam eine sporadische ungesunde Ernährung. Irgendwann vor fast 3 Jahren bekam ich Bedenken bzgl. Bluthochdruck, meiner Diabetes etc. Ich dachte mir, es muss funktionieren, wenn ich mich völlig anders ernähre. Kein Weizenmehl mehr, keine Brötchen am Wochenende, wenig Süßkram und vor allem nur die Hälfte der Portion, dafür aber langsam essen. Doch ich wollte keinen Diätstress mehr und mir auch nicht ständig alles verbieten. Daher überlegte ich völlig neu, was kann ich essen? Softdrinks habe ich nie getrunken, auch keine Sahnetorten verzehrt, aber die falschen Lebensmittel zu mir genommen. Ich habe in zwei Jahren 20 kg abgenommen, bin dennoch zu dick mit 113 kg bei 1,68 m, aber mein Blutzucker liegt jetzt bei 5,7, mein Blutdruck bei 120 zu 75 zwar noch mit Unterstützung (Tabletten) aber ich ich fühle mich bedeutend wohler!!! Jedoch noch nicht ganz am Ziel. Ich möchte Step by Step nochmal bis max. 10 kg abnehmen. Alles andere wäre Quatsch, denn wie würde mein Körper aussehen (Fettlappen) wenn ich noch mehr abnehmen würde? Aus meiner Sicht mit 56 Jahren, denke ich haben wir 6. Grundprobleme: 1. falsches Essverhalten bereits im Kindesalter (Mißachtung des Sättigungsgefühls), 2. Ärzte die den Patienten als „Fresssack“ abtun, 3. eine verlogene Gesellschaft welche nur schlanke Menschen als gute Arbeitnehmer respektiert, 4. Erbanlagen, 5. zu wenig Bewegung. Nichts ist vernichtender als wenn ein Mensch von einem Arbeitgeber als zu dick für den Job abgetan wird. Die Ärzte tun ihr übriges, denn sie denken bei jedem dicken Patienten: Der futtert zu viel. 6. Stress. Immer wenn ich extrem viel Stress im Job hatte, stellte sich das Gefühl ein, dass ich endlich Ruhe möchte. Ein Schokoriegel half, für‘s Erste. Heute weiß ich: Fertigfutter, Zucker, Stress also viel Arbeit sind die schlimmsten Dickmacher. Hilfreich ist eine liebevolle Partnerschaft, kein Fertigfrass, so wenig wie möglich Zucker und mindestens 7,5 Stunden Schlaf und natürlich gesundes Essen und am besten noch Sport. Leider lässt unser Gesundheitssystem den Hausärzten kaum Spielraum. Denn diese müssten sich wie mein Doc damals die Zeit nehmen (können und wollen) um wirklich mit ihren Patienten ernsthaft zu sprechen. Der Drohfinger allein genügt einfach nicht. Dicke wie ich, die seit 41 Jahren in die deutsche Rentenversicherung artig eingezahlt haben, werden dennoch von sämtlichen Institutionen stigmatisiert. Daher wäre es längst an der Zeit bereits in Grundschulen über Ernährung als Pflichtfach zu sprechen und Ärzten eine Lupe aufzusetzen und nicht dekadent mit dem Drohfinger zu drohen.


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