Hüftgelenksdysplasie: Welche Symptome auftreten und wann eine Operation notwendig ist

Dr. Maria Niki Aigyptiadou

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© S.Kobold - FotoliaVeranlagung und die Position während der Geburt können zu einer Hüftgelenksdysplasie führen (© S.Kobold - Fotolia)Hüftprobleme kommen eher bei Älteren vor, aber auch Kinder können darunter leiden. Manche Babys kommen mit einer verdrehten und verschobenen Hüfte auf die Welt, die ständig aus dem Gelenk springt und schmerzt. Lesen Sie hier, wie häufig Hüftgelenksdysplasien sind, wieso sie entstehen, wie man sie frühzeitig erkennt und wie die Medizin helfen kann.

Definition: zu wenig Dach über dem Kopf

Bei der Erkrankung handelt es sich um eine Fehlbildung des Hüftgelenks im Mutterleib, die häufig zum Auskugeln des Hüftkopfes führt, was auch „Hüftgelenkluxation“ oder „Hüftluxation“ genannt wird. Das passiert, weil die Hüftpfanne zu kurz und zu flach ist und der Gelenkkopf aus der Pfanne herausrutscht.

Ob und wie häufig eine Luxation zustande kommt, hängt vom Ausmaß der Fehlbildung und davon ab, wie lange die Behandlung ausbleibt. Wenn der Hüftgelenkkopf nur leicht aus der Hüftpfanne herausrutscht, entsteht eine Subluxation, das heißt eine Teilverrenkung des Gelenkes.

Ursachen: Gene, Mechanik und Hormone

Vermutlich wird die Stabilität der Gelenke und deren Bänder vererbt. Ihre Stellung während der Schwangerschaft und der Geburt spielen auch eine Rolle, wenn die Position des Babys eine übermäßige Dehnung begünstigt. Darüber hinaus können Hormone, die vor der Geburt ausgeschüttet werden, damit die Bänder des Beckens der Mutter gelockert werden, auch den kindlichen Bandapparat lösen und zur angeborenen Dysplasie beitragen.

Bei Erwachsenen ist eine Hüftgelenksluxation selten und meistens auf einen Autounfall zurückzuführen. Sie äußert sich mit starken Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit des verletzen Hüftgelenkes. Meistens sind auch Weichteile, Blutgefäße und Nerven verletzt. Dadurch kann es auch zu Lähmungen und inneren Blutungen kommen.

Häufige angeborene Skelettfehlbildung

Die Hüftgelenkdysplasie ist eine der häufigsten angeborenen Skelettveränderungen. In Deutschland tritt sie bei 2 bis 4 Prozent aller Neugeborenen auf. In 40 Prozent der Fälle sind beide Hüften betroffen. Mädchen leiden ungefähr 7 Mal häufiger darunter als Jungen.

Gute Prognose bei früher Behandlung

Wird die Hüftgelenkdysplasie frühzeitig erkannt und behandelt, heilt sie meistens ohne Folgen aus. Ohne Therapie deformiert sich das Gelenk und schmerzt, weil es langfristig zu schweren Fehlbelastungen kommt. Folgendes kann passieren:

  • Der Gelenkkopf wächst nicht genug.
  • Der Schenkelhals entwickelt sich in die falsche Richtung.
  • Der ausgekugelte Gelenkkopf sucht sich eine zweite Gelenkpfanne, die aus Muskeln und Bändern besteht. In diesem Fall ist das Wiedereinrenken schwierig oder unmöglich.

© Tomsickova - fotoliaUnbehandelte Kinder hinken (© Tomsickova - fotolia)Symptome: ungleich abspreizbare Beine

Babys, die mit einer Hüftgelenkdysplasie geboren wurden, versuchen sich zu schonen, indem sie eine ungewöhnliche Haltung bevorzugen. Die Muskeln an der Innenseite des betroffenen Oberschenkels sind fast ständig angespannt, damit es nicht weh tut, so dass das Bein nicht völlig abgespreizt werden kann. Das merkt man beim Wickeln: Beide Beine lassen sich nur ungleich abspreizen. Außerdem bewegt das Baby das betroffene Bein kaum, damit es Schmerzen vermeidet.

Das betroffene Bein sieht kürzer aus, weshalb der Po beim Liegen ungleiche Hautfalten zeigt. Lernt das Kind laufen, fällt es durch einen watschelnden, hinkenden Gang auf.  

Unbehandelte Kinder hinken, weil das Bein auf der kranken Seite langsamer wächst und kürzer und dünner ist. Der Beckenschiefstand führt zur Verkrümmung der Wirbelsäule, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Die Beinverkürzung zwingt die Betroffenen zu einer Spitzfußhaltung, die die Fuß- und Beinmuskeln fehlbelastet.

Die schwerwiegendste Komplikation der Hüftgelenkdysplasie ist das Absterben des Oberschenkelkopfes, wenn er während einer gewaltsamen Bewegung von der Blutversorgung abgeschnitten wird. Die Folgeschäden der unbehandelten Hüftgelenkdysplasie sind schmerzhafte Verschleißveränderungen und Versteifungen des Hüftgelenks.

Diagnose anhand Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen

Es ist wichtig, die Hüftgelenksdysplasie in den ersten Tagen nach der Geburt zu behandeln. Bleibt die Erkrankung im ersten Lebensjahr unerkannt, ist eine Heilung kaum noch möglich. Das Hüftgelenk des Neugeborenen besteht aus weichem Knorpel, der im ersten Lebensjahr zu harter Knochensubstanz wird. Ist die Stellung von Hüftgelenkkopf und -pfanne nicht richtig, verknöchert sich die Fehlstellung. Um das zu vermeiden, muss sie rechtzeitig korrigiert werden.  

In der Vergangenheit untersuchten Ärzte die Stabilität des Hüftgelenks mit der Ortolani-Technik, auch ,,Schnapp-Phänomen‘‘ genannt. Dabei legten sie das Kind auf den Rücken und beugten beide Knie und Hüftgelenke im rechten Winkel. Wenn das betroffene Bein in Richtung Hüftgelenk geschoben wurde, sprang der Hüftgelenkkopf aus der Pfanne nach oben und hinten. Beim anschließenden Spreizen des Beines sprang er wieder zurück. Die Einrenkung war wie ein ,,Schnappen‘‘ unter den Fingern zu spüren. Das Schnapp-Phänomen verschwindet nach dem ersten Lebensjahr.

Diese Untersuchungsmethode ist heute passé, weil sie den Hüftgelenkkopf schädigen könnte. Stattdessen nutzen Ärzte den Ultraschall, mit dem die Diagnose schmerzfrei gestellt wird, ohne Schäden anzurichten. Ab dem 3. bis 4. Monat ist auch eine Röntgenuntersuchung hilfreich, die darüber hinaus für die Kontrolle des Krankheitsverlaufs genutzt wird.

Welche Stadien gibt es?

Während einer Ultraschalluntersuchung des Hüftgelenks kann der Arzt den Schweregrad der Hüftdysplasie feststellen, indem den Pfannendach- und den Knorpeldachwinkel bewertet.

Klassifikation der angeborenen Hüftdysplasie nach R. Graf mittels Ultraschalluntersuchung

Typ

Beschreibung

Pfannendach
-winkel

Knorpeldach-
winkel

Therapie

Typ I

Jedes Lebensalter: normal entwickelte und ausgereifte Hüfte

- Ia

- Ib

mit spitzem knorpeligem Erker

mit stumpfem Erker

> 60°

> 60°

< 55°

> 55°

nicht nötig

kontrollieren

Typ II

Reifungsverzögerung der Hüfte (Dysplasie)

 

Bis zum 3. Lebensmonat: Verzögerung der Hüftentwicklung

- IIa (+)

- IIa (-)

ohne Reifungsdefizit der Knochen

mit Reifungsdefizit der Knochen

50° - 59°

50° - 59°

> 55°

> 55°

kontrollieren

Spreizbehandlung

 

nach dem 3. Lebensmonat

- IIb

- IIc

 

- IId

echte Reifungsverzögerung

Hüftgelenkkopf ist leicht aus der Pfanne entfernbar

Hüfte beginnt zu dezentrieren

50° - 59°

43° - 49°

 

43° - 49°

55° - 70°

70° - 77°

 

>  77°

Spreizbehandlung

dringende Spreizbehandlung

Spreizbehandlung mit Gips

Typ III

Dezentrierte Hüftgelenke (Dysplasie mit Fehstellung): nach oben verlagerter knorpeliger Erker

- IIIa

- IIIb

ohne Erkerveränderung

mit Erkerveränderung

< 43°

< 43°

 

> 77°

> 77°

Korrektur der Hüftposition und Gipsimmobilisation (stationär)

Typ IV

Vollständige Hüftluxation (Gelenkkopf außerhalb der Pfanne)

< 43°

> 77°

 

So läuft die Behandlung ab

Ist die Hüfte schon bei der Geburt ausgekugelt, muss das Gelenk mit einer Extensionsbehandlung eingerenkt werden.

Orthesen und Physiotherapie

Das Prinzip der Behandlung ist das Abspreizen der Beine. Sind sie ständig abgespreizt, kann der Hüftgelenkkopf nicht aus der Hüftpfanne herausspringen. Diese Stellung wird durch Orthesen erzielt:

  • breites Wickeln mit den Hüften im rechten Winkel
  • mit einer speziellen Spreizhose
  • mit Bandagebehandlungen nach Pavlik oder nach Bernau
  • mit einem Gipsverband

Nach dem 2. Lebensjahr ist das Kind meistens geheilt. Während der Behandlung finden engmaschige Kontrollen beim Kinderarzt statt.

Darüber hinaus ist das Musekeltraining während einer gezielten Physiotherapie wichtig, das mit einfachen Übungen die Muskeln stärkt, die das Hüftgelenk stabilisieren. Begleitend können Methoden der Chiropraktik, wie Haltungsschulungen oder Stand- und Ganganalysen eingesetzt werden.

© fotolia-95321446-Viacheslav IakobchukNach der OP muss die Hüfte mit Bandagen stabilisiert werden (© fotolia-95321446-Viacheslav Iakobchuk)Operationen

In schweren Fällen wird operiert und der Chirurg versucht die natürliche Anatomie des Gelenkes wiederherzustellen, was mit folgenden Methoden möglich ist:

  • Beckenosteotomie nach Salter: Das Darmbeinwird oberhalb der Hüftpfanne horizontal durchtrennt. Das freie untere Fragment wird daraufhin nach unten und vorn verschoben und befestigt, sodass ein größeres Pfannendach entsteht.
  • Pfannendachplastik: ein Knochenkeil wird eingebaut, so dass sich das Pfannendach nach außen und unten vergrößert.
  • Triple-Osteotomie: Das Sitzbein, das Darmbein und das Schambein werden durchtrennt und verschoben, so dass sich die Hüftgelenkspfanne über dem Hüftgelenkkopf fixiert.
  • Hüftgelenkersatz

Nach der OP ist eine Nachbehandlung nötig: Die Kinder werden mit Schienen, Bandagen oder einem Haltegeschirr wochenlang in einer Sitz-Hock-Stellung stabilisiert.

Ist die Hüftdysplasie geheilt, können die Kinder später sanften Sport treiben. Dabei sollte das Hüftgelenk jedoch nicht zu sehr belastet werden.

Fazit

Die Hüftgelenkdysplasie des Menschen muss so früh wie möglich behandelt werden, um schwerwiegende Spätfolgen zu vermeiden. Die Erkrankung ist an der gehemmten Abspreizung des betroffenen Beines zu erkennen und kann je nach Schweregrad mit Orthesen und Physiotherapie geheilt werden. Hilft das alles nicht oder wird die Hüftgelenkdysplasie zu spät erkannt, ist eine OP nötig.

Links

www.orthinform.de - Patienteninformationsportal des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie
Berufsverband der Deutschen Chirurgen
Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie
www.endoportal.de - Informationen über künstlichen Gelenkersatz

Literatur

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  • R. Graf: Das Hüftgelenk. Vom Säugling bis zur Endoprothese. In: Journal für Mineralstoffwechsel. Band 11, Heft 1, 2004, S. 12–21.
  • M. Nelitz, H. Reichel: Konservative Therapie der Hüftreifungsstörung. Orthopade. 2008 Jun; 37(6), S. 550, 552–555.
  • Nikoletta Panagiotopoulou, Khladoun Bitar, William J. Hart: The association between mode of delivery and developmental dysplasia of the hip in breeth infants: a systemic review of 9 cohort studies. In: Acta Orthopædica Belgica. 2012, Band 78, S. 697–702.
  • R. T. Loder, E. N. Skopelja: The Epidemiology and Demographics of Hip Dysplasia. In: ISRN Orthopedics. (2011), Article ID 238607.
  • F. H. Moore: Examining infants' hips - can it do harm? In: Journal of Bone and Joint Surgery. (Britische Ausgabe) 1989, Band 71-B, S. 4–5
  • Fritz U. Niethard, Klaus-Peter Günther, Rüdiger von Kries, Peter Allhoff, Lutz Altenhofen. Klinisches und sonographisches Screening der Säuglingshüfte. Dt Ärztebl 2000; 97: A-1593–1599 [Heft 23]
  • Leitlinie für das hüftsonographische Screening im Rahmen des Programms „Krankheitsfrüherkennung im Kindesalter“. Deutsches Ärzteblatt 93, Heft 1–2, 8. Januar 1996 (61) A-57.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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