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Die Pfannendachplastik am Hüftgelenk: Die operative Versorgung kindlicher Hüftdysplasien

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© Mark Bowden_iStockDie Pfannendachplastik am Hüftgelenk hilft, Schmerzen und Arthrose vorzubuegen (© Mark Bowden_iStock)Heilt eine Hüftgelenksdysplasie bis zur Einschulung eines Kindes nicht aus oder liegt ein schwerer Befund vor, der zeitnah operiert werden muss, kann Ihr Orthopäde Ihnen bzw. Ihrem Kind zu einer Pfannendachplastik raten.

Näheres zur Hüftgelenksdysplasie können Sie im Expertenbeitrag „Die Hüftdysplasie- immer noch ein Thema in der Kinderorthopädie?“ nachlesen.

Was ist eine Pfannendachplastik oder Acetabuloplastik?

Eine Pfannendachplastik oder Acetabuloplastik ist eine Operation, bei der eine Hüftgelenkspfanne korrigiert wird, die nicht horizontal liegt, sondern steil nach außen absteht.

Wann diese Operation zum Einsatz kommt:

Wie oben angeführt, kann die Operation nur bei Kindern durchgeführt werden. Das liegt daran, dass die Voraussetzung dieser Operation eine offene Wachstumsfuge (die sog. Y- Fuge) der Hüftgelenkspfanne ist.

Die Wachstumsfuge schließt sich in der Regel um das achte bis zehnte Lebensjahr. Mit zunehmendem Alter wird die OP schwieriger. Eine häufige, durch eine frühere Operation vermeidbare Komplikation (siehe unten) tritt eher auf. Mit Fugenverschluss ist die OP gar nicht mehr durchzuführen. 

Die Operation sollte vor der Einschulung durchgeführt werden, damit im Rahmen der Nachbehandlung keine Schulzeit verloren geht. Im Rahmen langjähriger Untersuchungen und Erfahrungen hat sich gezeigt, dass nach dem sechsten oder siebten Lebensjahr das Wachstum der Pfanne nicht mehr ausreicht, um deutliche Dysplasien zur Ausheilung zu bringen.

Gibt es Alternativen zu dieser Operation?

Handelt es sich um eine sehr leichte Dysplasie, einen sogenannten Grenzbefund, können Eltern und Kinder mitunter bis zum achten, selten auch neunten Lebensjahr abwarten, ob es noch zu einer Ausheilung kommt.

Ist auch nach diesem Zeitraum keine Operation gewünscht, kann man weiter abwarten, aber die Pfannendachplastik lässt sich zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich die Wachstumsfuge zunehmend verschließt, nicht mehr durchführen.

In einem überdurchschnittlich hohem Prozentsatz entwickelt sich aus der Hüftdysplasie des Kindes eine Hüftdysplasie des Jugendlichen oder Erwachsenen, die mit der Zeit auch Schmerzen verursacht. Dieser Schmerz, meistens im Bereich der Leiste, ist das erste Zeichen für eine Überlastung des Hüftknorpels durch die Fehlstellung des Gelenks.

Spätestens wenn die Schmerzen regelmäßig auftreten, meist nach Belastungen wie langem Gehen oder Sport, sollte der Patient über eine operative Versorgung nachdenken. Nach Verschluss der Wachstumsfuge ist jedoch nur noch eine sogenannte 3-Fach-Beckenosteomie oder Triple-Osteotomie möglich.

Diese Operation ist schwieriger, dauert länger, hat mehr Risiken und die Nachbehandlung ist aufwendiger als bei der Pfannendachplastik. Wird trotz regelmäßiger Beschwerden keine Operation durchgeführt, entsteht bei einer starken Dysplasie im Laufe der Jahre ein Hüftgelenksverschleiß oder auch Hüftgelenksarthrose.

Im fortgeschrittenen Stadium ist oft der Einbau eines künstlichen Gelenks mit den entsprechenden Langzeitfolgen unvermeidlich (Lockerung der Prothese im jungen Alter, teilweise mit 30 Jahren und im Verlauf zahlreiche Prothesen-Wechseloperationen). So weit sollte man es bei einem starken Befund auf keinen Fall kommen lassen! Sprechen Sie diesbezüglich lieber in Ruhe mit einem Experten und lassen sich beraten!

© SippelMit dem Meißel wird die Hüftgelenkspfanne sanft nach unten gebogen. Schließlich wird ein Implantat eingesetzt (© Sippel)Wie läuft die Operation ab?

Wenn das Kind während einer tiefen Narkose schläft und nichts spürt, meißelt der Arzt oberhalb der Hüftgelenkspfanne in das Becken bis kurz vor die Wachstumsfuge. Danach wird der Meißel samt der Hüftgelenkspfanne sanft nach unten gebogen, um die Pfanne in eine horizontale Position zu bringen und sie dadurch in die richtige Form zu bringen.

Nach dem Herunterbiegen bringt der Arzt ein Implantat in den Spalt ein, der durch die Operation entstanden ist. Manche Ärzte benutzen dazu einen Knochenkeil, der aus dem Hüftkopf eines erwachsenen Menschen in der entsprechenden Größe hergestellt wird.

Selten muss der Arzt das Implantat mit einem Draht befestigen. Wenn beide Hüftgelenke betroffen sind, wird die Operation beidseitig in einem Eingriff durchgeführt. Die reine OP-Zeit dauert 45 Minuten pro Seite.

Das Implantat:

Dieser Hüftkopf ist ein biologisches Implantat. Im Gegensatz zu den teilweise genutzten, industriell gefertigten, menschlichen Implantaten oder Kunstknochen ist die Einheilung deutlich besser und schneller.

Die Spender dieser Hüftköpfe, die der Arzt beim Einbau eines künstlichen Hüftgelenkes entnimmt, werden mehrfach auf verschiedenste Erkrankungen untersucht - wie bei einer anderen Organspende auch. Außerdem wird der Knochen nach der Spende steril aufbewahrt, gekocht und später bei über -40 Grad tiefgefroren. Es handelt sich also um ein sehr sicheres Verfahren, die lebenslange Einnahme von das Immunsystem unterdrückenden Medikamenten ist nicht notwendig.

Nachbehandlung nach der OP

Direkt nach dem Verschluss der Haut legt der Arzt bei noch schlafendem Kind eine sogenannte Gipshose an. Dieser Gips reicht vom Bauchnabel bis oberhalb des Kniegelenkes und ist gut gepolstert. Nur in seltenen Fällen ist ein Gips nötig, der bis zu den Füßen reicht.

Zur Verbesserung der Stabilität des Gipses wird eine Holzstange am Gips zwischen den Beinen befestigt. Der Genitalbereich ist komplett gipsfrei, so dass Toilettengänge möglich sind.

Ein Elternteil wird prinzipiell und auf Kosten der Krankenkasse mit dem Kind stationär aufgenommen und schläft im selben Zimmer wie das Kind, um den Umgang mit dem Gips zu erlernen und dem Kind beizustehen.

Der stationäre Aufenthalt beträgt acht bis zehn Tage. Fäden müssen nicht gezogen werden, da sie sich unter der Haut von selbst auflösen. Die Gabe von Schmerzmitteln ist in den ersten Tagen nötig, später nicht mehr. Für die Eltern immer wieder erstaunlich: Die Kinder haben sehr wenig Schmerzen und kommen mit dem Gips immer sehr gut zurecht.

Die Kinder müssen den Gips für vier Wochen tragen, damit der Keil einheilen kann. Danach müssen sie noch für zwei bsi vier Wochen in einem Rollstuhl fahren, bevor sie wieder laufen dürfen. Dann ist alles überstanden!

Im Laufe der folgenden Jahre werden die Kinder bis zum Wachstumsabschluss immer wieder auf das Wiederauftreten einer erneuten Dysplasie, die sehr selten ist, untersucht.

Was sind die Risiken der OP?

Die Risiken des Eingriffes sind sehr gering und überschaubar, da der Lebenswandel der Kinder meist gesund und die Heilung in jungen Jahren exzellent ist.

In extrem seltenen Fällen treten Komplikationen auf. Neben allgemeinen Risiken wie Wundheilungsstörungen, Infektionen und Blutergüssen, die bei jedem Eingriff bestehen, ist eine Verletzung anderer Strukturen möglich, aber eine Rarität. Diese und weitere Risiken wird Ihr Operateur Ihnen ausführlich erläutern. Während zehn Jahren habe ich bislang nur zwei sehr kleine und später vollständig ausgeheilte Komplikationen bei Kindern mit einer sehr schweren Operation erlebt.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (1)


26.06.2017 - 17:39 Uhr

Wie ist es denn bei Erwachsenen? Meine 80 jährige...

von Ulla

... Mutter, deren Wachstumsfuge definitiv geschlossen ist, hat es auf die Spitze getrieben. Der vor 20 Jahren eingesetzte Kopf hat sich 6 cm in den Knochen nach oben geschoben, nun soll eine Art Sieb in Kombination mit Schrauben und Platten eingesetzt werden. Leider ist mir der Fachbegriff entfallen, aber dazu bin ich eigentlich auf der suche.


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