Psychischer Stress und Blutgefäßalterung

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Definition von "Stress"

Der Begriff "Stress" ist nicht eindeutig definiert. Nach einem Model von Hans Seyle (1976) unterscheidet sich negativer (engl. "distress") von positivem Stress ("Eustress"). Negativer Stress bezeichnet den Zustand einer Überlastung oder Überforderung, wie z. B. schwerwiegende widrige Lebensereignisse oder ökonomische, familiäre und Arbeitsplatzbelastungen. Inwieweit diese Situationen tatsächlich zu negativem Stress werden, hängt in erster Linie von individuellen Voraussetzungen ab.

Möglichkeiten zur Bewältigung von Belastungssituation ergeben sich durch Persönlichkeitsmerkmale und Erfahrungsschatz eines jeden einzelnen. Ein weiterer wesentlicher Faktor für negativen Stress ist die Dauer der Belastungssituation. Positiver Stress ergibt sich nach Seyle durch eine erfolgreiche Meisterung von Anforderungen. Es muss also klar unterschieden werden zwischen einer herausfordernden Umweltsituation ("Stressor"), der individuellen Empfindung dieser Situation als "distress" und der entsprechenden "Stressreaktion".

Stressreaktion

Die Stressreaktion ist eine Form der Anpassung des Organismus mit sehr komplexen körperlichen und geistigen Aktivierungsmustern, die dazu führt, dass eine Herausforderung bewältigt und anschließend wieder ein Gleichgewicht hergestellt wird (positiver Stress).

Der heutige Mensch ist, was seine Stressreaktion betrifft, auf dem Stand seiner Vorfahren vor vielen zigtausend Jahren. Damals gab es Stress bei Angriffen (Raubtiere, rivalisierende Gruppen) oder bei der Nahrungsbeschaffung (Jagd, Nahrungsmangel). Die Stressreaktion erhöht den Stoffwechsel, mobilisiert geistige und körperliche Reserven und versetzte den damaligen Menschen in die Lage zu Angriff, Abwehr und Flucht. Die Stresssituation war meist kurzfristig und darauf folgte eine Phase der Entspannung und Erholung.

Der heutige Mensch hat andere Probleme als seine Vorfahren: Nahrungsmangel übersetzt in die heutige Sprache der westlichen Welt bedeutet Arbeitsplatzverlust und für Angriff steht nicht selten der Begriff "Mobbing". Zu den Arbeitsplatzfaktoren zählt auch das Ungleichgewicht zwischen erbrachter Leistung und der wahrgenommenen "Belohnung". Dauerhaft bestehende Zustände, die mit Angst verknüpft sind, das anhaltende Gefühl einer vitalen Erschöpfung ("Burn-out") oder Depressionen unterhalten eine chronische Stressreaktion. Dies bedeutet das Fehlen von Erholung.

Wie funktioniert Stress?

Die Alarmierung des Körpers erfolgt durch Stresshormone aus der Nebenniere, lateinisch Glandula adrenalis. Eines zumindest ist weit bekannt, das Adrenalin. Manche Zeitgenossen stürzen sich von hohen Brücken und verhindern den Aufschlag am Boden durch lange Gummibänder an den Füßen. Sie wollen den Adrenalinstoß, den "Kick". Cortisol ist ein weiteres Stresshormon aus der Nebenniere. Es wirkt nicht so schnell wie Adrenalin, dafür nachhaltiger. Die Hormone werden an die Blutbahn abgegeben und erreichen so in kürzester Zeit alle Organe, die zum "Kampf" beitragen können. Energiespeicher werden zur Verfügung gestellt. Der Blutdruck steigt und die Muskeln werden vermehrt durchblutet, die Sinne "geschärft".

Die Reaktion beginnt im Gehirn im Hypothalamus (griechisch "das Unterzimmer"). Dieser Hirnteil steuert das vegetative oder autonome (das unbewusste) Nervensystem. Bei einer Stressreaktion wird die Hypophyse (griechisch "das unten anhaftende Gewächs") stimuliert und die wiederum setzt ein Hormon frei, was die Nebenniere zur Ausschüttung von Cortisol anregt. Adrenalin kann auf direkten Nervenreiz hin kurzfristig freigesetzt werden, Cortisol hilft dabei, die Adrenalinkonzentration langfristig zu erhöhen.
Dauerhafte Belastungen führen zu anhaltend erhöhten Konzentrationen von Stresshormonen im Blut. Hierdurch wird eine weitere, langfristig wirkende Abwehrreaktion in Gang gesetzt: die Entzündung.

Blutgefäßschäden durch chronische Entzündung

Die durch negative psychische Dauerbelastungen entstehende Entzündung tritt nicht durch Symptome wie bei einer Grippe oder einer Magenschleimhautentzündung in Erscheinung. Sie läuft unbemerkt und schleichend im gesamten Körper ab. Mit sensiblen Labormethoden kann sie diagnostiziert werden. Die Entzündung greift das Endothel an. Dies ist eine hauchdünne Zellschicht, die das Innere der Blutgefäße auskleidet. Die Gesamtfläche des Endothels aus allen Blutgefäßen des menschlichen Körpers beträgt 4.000 bis 7.000 Quadratmeter.

Das Endothel reguliert den Durchmesser der Gefäße und damit den Blutdruck. Es aktiviert oder hemmt die Blutgerinnung und bestimmt daher ganz entscheidend die Fließeigenschaften des Blutes. Wird das Endothel durch eine stressbedingte chronische Entzündung angegriffen, gehen diese Fähigkeiten zur Regulation verloren. Die Gefäße werden steif, der Blutdruck steigt, das Blut wird dicker und klebriger. Diesen Zustand bezeichnet die Wissenschaft als endotheliale Dys-(Fehl)-funktion. Es ist der erste Schritt auf dem Wege zur Gefäßverkalkung mit ihren Komplikationen wie z. B. Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Die endotheliale Dysfunktion lässt sich schon bei Teenagern nachweisen, die dauerhaften ungünstigen psychischen Belastungen ausgesetzt sind.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare (8)

Rike, 03.07.2017 - 13:27 Uhr

Kann eine solche hier beschriebene Belastung auch in Zuge einer Bipolaren Störung entstehen und Risikofaktor für Stenosen in den Beckenarterien sein? Patientin 33 Jahre , Leistungssportler

Antwort von Dr. med. Boris Leithäuser, verfasst am 03.07.2017

Ja. Uni- und bipolare Störungen, aber auch Angststörungen sind prinzipiell Risikofaktoren für Herzerkrankungen. Bei Frauen vor dem 50sten Lebensjahr aber sehr selten.

Gerald, 23.09.2014 - 15:51 Uhr

Ich habe einen Schlaganfall erlitten.In dem Zusammenhang wurde ein erhöhter Blutdruck festgestellt (145/95).Ursache war offensichlich permanenter Dauerstress.Ich treibe Ausdauersport, habe nie geraucht, habe kein Übergewicht. Kann ich eine Versteifung der Blutgefäße aufhalten bzw.rückgängig machten?

Antwort von Dr. med. Boris Leithäuser, verfasst am 24.09.2014

Ja! Eine Veränderung der Lebensbedingungen die zu dem permanenten Dauerstress geführt haben und die Fortführung der regelmäßigen sportlichen Aktivität tragen dazu bei die Versteifung der Arterien aufzuhalten, ggf. sogar ein kleines bisschen zu verbessern.

Barbara, 08.09.2014 - 17:48 Uhr

Ich habe mich im vergangenen Jahr an der Schilddrüse operieren lassen, obwohl ich keine Beschwerden hatte. Aber beim Ultraschall wurden Knoten festgestellt, die bei Nichtbehandlung zu Herzrhythmusstörungen und Atemnot hätten führen könnten. Darum ließ ich mich auf Anraten der Hausärztin prophylaktisch operieren. Leider wurde bei der Operation versehentlich die Nebenschilddrüse entfernt oder verletzt. Aber es wurde nicht darüber gesprochen. Weil es mir nach der Operation so schlecht ging, suchte ich Rat und Hilfe beim Endokrinologen, der extremen Calciummangel feststellte. Darum wurden mir Calciumkautabletten verschrieben, und danach ging es mir etwas besser. Aber mein Allgemeinzustand ist noch immer deprimierend, und keiner kann mir helfen. Inzwischen hatte ich zudem noch eine Augenoperation wegen des grauen Stars, der sich nach der OP auch noch einstellte. Aber ich bin trotz der Behandlung nicht mehr der Mensch, der ich vorher war. Ich bin ständig müde und nicht mehr so leistungsfähig wie vorher. Was können Sie mir raten?

Antwort von Dr. med. Boris Leithäuser, verfasst am 09.09.2014

Einen wirklich gut begründeten Rat kann ich Ihnen aufgrund Ihrer Angaben und ohne weiteres Gespräch und Untersuchung nicht geben. Vielleicht ist Ihr Zustand in der Tat deprimierend, d.h. es könnte auch eine Depression dahinter stecken. Es wäre im Gesamtzusammenhang nicht verwunderlich. Fragen Sie Ihre Hausärztin und lassen Sie sich ggf. auch dahingehend fachärztlich untersuchen.

Marlies, 07.07.2014 - 21:36 Uhr

Ich hatte vor 1 Jahr einen Gehirnschlag mit großer Blutung (Aneurisma ) Nichts ist zu sehen körperlich Etwas anstrengender alles und leide unter Kurzzeitgedächtnis ,Vergesslichkeit ,konzentrationsschwäsche. Was oder wie sollte man nun leben ? Vielleicht bekomme ich eine Antwort darauf was ich beachten muss künftig

Antwort von Dr. med. Boris Leithäuser, verfasst am 08.07.2014

Es ist wirklich kein gutes Zeichen, dass Sie ein Jahr nach diesem Ereignis noch keine Antwort auf diese Frage bekommen haben. Nur Ihr behandelnder Arzt kann Ihnen hier weiterhelfen, denn nur er kennt alle Einzelheiten und Befunde. Wenden Sie sich persönlich an ihn und wenn Sie das Gefühl haben nicht weiter zu kommen, dann scheuen Sie nicht vor einer zweiten Meinung durch einen weiteren Arzt zurück. Wichtig ist, dass Sie alle Ihre medizinischen Befunde zur Beurteilung zur Verfügung stellen. Das geht über das Internet nicht und daher ist dies hier nicht der richtige Platz für eine persönliche Beratung.

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