„Gefühl“ und „Emotion“: Wo liegt der Unterschied?

Geborgenheit ist ein Gefühl, das jeder Mensch von Geburt an kennt. (© drubig-photo - Fotolia.com )

Es ist hilfreich, zwischen „Gefühl“ und „Emotion“ zu unterscheiden. Gewöhnlich werden beide Begriffe als bedeutungsgleich verstanden und synonym gebraucht; dies kann jedoch für Verwirrung sorgen.

 

 

Was ist ein Gefühl?

Mit 'Gefühl' bezeichnen wir die angeborene Fähigkeit, zu fühlen. Der Vorgang ist unmittelbar und der Wahrnehmung ähnlich. Wir fühlen von Anfang an, ob wir etwas mögen oder nicht, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Wir fühlen Hunger, Wärme, Kälte, Schmerz, Lust, Verlassenheit, Geborgenheit, Zufriedenheit usw. und das bereits als Neugeborene. Diese Gefühle sind offensichtlich bei allen Menschen sehr ähnlich. Niemand mag z.B. Hunger oder Schmerz, jeder mag Geborgenheit oder Zufriedenheit. Das wird unser ganzes Leben lang so bleiben. Dieses „Seelenvermögen“ ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt eine Verständigung zwischen Menschen möglich ist, auch wenn sie sonst nichts gemeinsam haben.

 

Was sind Emotionen?

'Emotionen' hingegen sind Produkte unseres Fühlens, die durch mentale Vorgänge, d.h. Gedanken, Erwartungen, Meinungen, Einstellungen, Vorstellungen, Wünsche und Absichten, bedingt werden. Sie unterliegen damit, wie alle mentalen Vorgänge, einer gewissen Relativität. Gedanken, Meinungen, Erwartungen, Vorstellungen können falsch sein oder Täuschungen unterliegen.

In solch einem Fall sind die durch sie ausgelösten Gefühle ebenfalls falsch, d.h. dem eigentlichen Sachverhalt nicht angemessen. Unsere Fähigkeit zu fühlen, unterscheidet kaum, ob wir etwas tatsächlich erleben oder uns nur mental vorstellen. Darauf beruht die Möglichkeit, ein erwünschtes Verhalten mental zu trainieren, aber auch die verheerende Wirkung von unrealistischen Gedanken bei etwa Ängsten, Zwängen und Depressionen - dies sind die häufigsten psychischen Störungen in unserer Gesellschaft.

So kommt es vor, dass wir keinen anderen Weg mehr kennen, als äußerlich auf das Nervensystem einzuwirken, etwa durch Drogen oder Psychopharmaka, um die entgleisten Emotionen zu normalisieren bzw. zu manipulieren. So kann der Alltag weitergehen, man ist wieder funktions- bzw. arbeitsfähig. Wenn es schlimmer wird, kann man die Droge oder das Medikament erneut einnehmen. Im Kopf ändert sich mit dieser Vorgehensweise jedoch nichts!


Wie funktioniert die Kognitive Verhaltenstherapie?

Verzichten Sie auf Drogen und Pillen! (© motorlka - fotolia)
In der Kognitiven Verhaltenstherapie wird eine andere Vorgehensweise angewendet: Die problematischen gedanklichen Konzepte und Vorstellungen, die hinter den Emotionen stecken, werden zum Gegenstand der Bearbeitung.

Dies ist nicht leicht, da unsere gedanklichen Vorgänge in hohem Maße auf Gewohnheiten beruhen und dadurch sehr schnell und wenig bewusst sind. Aber es lohnt sich, sie aus der Versenkung zu holen und genauer zu betrachten. Viele mentale Konzepte stammen aus früheren Entwicklungsstadien und wurden nicht weiterentwickelt. Oder sie stammen nicht von uns selbst - im Gegensatz zu unseren Gefühlen - sondern äußeren Einflüssen, insbesondere aus der Herkunftsfamilie.

Wir haben nie gelernt, zu unterscheiden, ob ein mentaler Inhalt aus unserer eigenen Erfahrung kommt oder durch andere Personen in uns abgelegt wurde. Wir wissen aber meistens, dass wir unseren Gefühlen mehr vertrauen können als unseren Gedanken. Wenn auf einem Gegenstand „heiß, nicht anfassen!“ steht, er sich aber nicht heiß anfühlt, akzeptieren wir unser Gefühl als zuverlässigere Information.

So einfach ist es allerdings selten im Alltag, weil Menschen einander täuschen und Zweifel säen, um eigene Vorteile daraus zu schlagen. Dieses Vorgehen schadet unserem Selbstvertrauen, indem es uns an der Richtigkeit unseres Fühlens zweifeln lässt.

In der Therapie wird nun angestrebt, dieses gestörte Selbstvertrauen in die eigene Basisfähigkeit des Fühlens zu stärken und den problematischen Denkgewohnheiten entgegenzusetzen. Dazu gibt es viele Methoden, die jedoch alle dasselbe Ziel haben: Glaube nicht alles, was du denkst!

Viele unerwünschte Emotionen beruhen auf gelernten falschen Vorstellungen, die einer vernünftigen Überprüfung nicht standhalten. Die Denkmuster können mit einiger Übung realistischer und vor allem weniger leidvoll werden. Das emotionale Gleichgewicht, die psychische Stabilität und die soziale Anpassungsfähigkeit werden in der Folge besser, häufig kann sogar auf Psychopharmaka verzichtet werden oder es gelingt, diese im Gebrauch einzuschränken. Auf diese Art und Weise erreichen Sie zumeist das Therapieziel!

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare (26)

Carla K., 18.03.2021 - 00:49 Uhr

Ich definiere Emotion als Energie in Bewegung. Meistens ist eine Emotion an ein vergangenes Ereignis gekoppelt. Das heißt, um es mit einem Bild zu sagen, die Energie rotiert wie ein Rad im Inneren und wartet auf eine Gelegenheit, um sich den Weg ins Bewusstsein zu eröffnen. Wenn ich emotional werde, dann erinnere ich mich an eine Situation aus der Vergangenheit und ein Ereignis in der Gegenwart, das mich emotional werden lässt, hilft mir diese Emotion bewusst zu machen und zu fühlen. Damit ist das vergangene Ereignis noch vorhanden, jedoch ohne Emotion. Sehr befreiend.

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 28.02.2022

Gefühle sind, ähnlich wie Wahrnehmung, an die Gegenwart gebunden. Wir teilen sie mit den Tieren, die sich selten irren. Wenn hingegen Vorstellungen statt Wahrnehmung auf unserer Gefühlsklaviatur spielen, sind Irrtümer möglich. Ich kann mich irren, was links und rechts betrifft, aber wenn es mich links juckt, werde ich mich nicht rechts kratzen.

Matthias, 07.03.2021 - 07:56 Uhr

Vielen Dank, die meisten werfen diese Begriffe zusammen. Dieser Artikel war weit und breit der einzige der sie unterscheidet. Ich bezeichne sie als echte und künstlich erzeugte Gefühlsfelder.

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 28.02.2022

Na ja, künstlich... wir können sehr feinfühlig sein, uns aber auch eine Menge einbilden!

Christian O., 22.02.2021 - 21:20 Uhr

Hervorragender Text. Genial formuliert und direkt auf den Punkt gebracht. Wenn wir erst einmal Gedanken als solche identifizieren, können wir die Realität sehen.

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 28.02.2022

... wenn man die Realität überhaupt sehen kann! Vielleicht wäre das die 'Erleuchtung'.

Philip, 18.12.2020 - 08:26 Uhr

Laut allen anderen Quellen, insbesondere der Neurowissenschaft, wird es genau andersherum definiert. Wie kommen Sie zu ihrer Interpretation und was sind ihre Quellen? Ist nämlich schon ein bisschen verwirrend. Grüße

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 22.12.2020

Nach meiner Erfahrung ist es nirgends gültig festgelegt, sondern dem Verständnis des jeweiligen Autors angepasst. Ich möchte bei der allgemeinverständlichen Semantik bleiben, nach der das Fühlen ein rezeptiver, empfangene und grundlegender Vorgang ist, der die Grenzen von Art, Geschlecht, Alter und Konditionierung überschreitet, sozusagen festverdrahtet. Schmerz tut weh, Freude tut gut, Liebe heilt und tröstet, Eifersucht brennt usw., daran lässt sich wenig ändern. Unser mentales System hingegen ist plastisch und konditionierbar und produziert Emotionen, je nach Erfahrungen, Erwartungen, Vorstellungen usw., Emotion kommt von lat. e (= ex, dt. aus, hinaus) und lat. movere, (dt. bewegen). Etwas, das sich von uns hinausbewegt, während Fühlen ein Grundvermögen der Seele ist, von der die Neurowissenschaften noch nicht wirklich viel gültige Erkenntnis haben und als Quelle, wie alle Wissenschaft, immer vorläufig sind. Ich hoffe, dass ich Ihnen meine Sicht deutlicher machen und Ihre Frage ausreichend beantworten konnte. Ich habe keinen allgemeinen Gültigkeitsanspruch, sondern definiere nur die Begriffe innerhalb meines Buches. Niemand soll verwirrt werden.

Christian, 13.07.2020 - 13:10 Uhr

Ein Gefühl ist laut Ihrem Artikel der angeborene Teil, die Emotion der subjektive Teil. Dabei ist es doch genau umgekehrt. Es gibt die sechs Grundemotionen und die subjektive Komponente der Emotion das "Gefühl". Zumindest sagen dies alle anderen Quellen, die man zitieren kann: Bsp: "Der Begriff des Gefühls ist der allgemeinere Begriff, der die unterschiedlichsten psychischen Erfahrungen mit einbezieht," (Wikipedia). Können Sie mir auf die Sprünge helfen, falls ich einen Denkfehler habe?

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 28.02.2022

Das Wort Gefühl ist älter als Wikipedia und lässt unterschiedliche Definitionen zu. Deswegen habe ich es in meinem Sinne hier provisorisch, aber nicht notwendigerweise allgemeingültig festgelegt.

Mrs. B., 10.07.2020 - 18:46 Uhr

"Vielleicht eine einfache Möglichkeit den Unterschied zu charakterisieren: Bei Emotionen wird erst gedacht und dann gefühlt. Bei Gefühlen ist es umgekehrt." Dann sind Emotionen etwas rein Rationales? Eine Reaktion auf Gelerntes (ein Mensch ist traurig, wenn er etwas Geliebtes verloren hat)? Ein Psychopath kann emotional reagieren, handeln, aber ohne ein Gefühl zu empfinden? Emotion und Gefühl sind voneinander abhängig, nur die Reihenfolge unterscheidet sie? Kann ich dann fühlen, ohne Emotion (Ratio)? Oder so gefragt, besteht zwischen beiden eine kausale Abhängigkeit? Falls ja, würde das dann heissen, das man hier Ursache und Wirkung vertauschen kann, was etwas an der Natur an sich rüttelt ...? Oder falls die Fragen keinen Sinn ergeben, ist für Emotionen und Gefühle ein Bewusstsein notwendig, etwas was Emotionen detektiert, und etwas was Gefühle empfindet? Und wie würden sie mir die Frage beantworten, von was es abhängt, dass mal gefühlt und dann gedacht wird, bzw. zuerst gedacht wird und dann gefühlt? Gibt es eine "Instanz" die Gefühle erst erlaubt, wenn das Denken erlaubt, sie zu fühlen? Oder umgekehrt, welchen Sinn macht es gefühlt (und demnach gehandelt zu haben) und dann erst zu denken? Verbergen sich dahinter nur Charakterzüge, oder Strategien bzw. intellektuelles Vermögen/Nicht-Vermögen des Bewusstseins?

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 14.07.2020

Ich sage nicht, wie es ist – ich definiere, was ich meine. Ich denke, dass die Vorgänge Denken und Fühlen in unserer Kultur wenig unterschieden werden, deswegen die Verwirrung. Das Ich synchronisiert diese Vorgänge, so dass sie uns wie einer erscheinen, obwohl sie unterschiedlicher Natur sind.

Mrs. B., 10.07.2020 - 02:08 Uhr

Hallo, mir stellt sich seit ein paar "Gedankentagen" folgende Frage: Wenn Emotionen etwas unbewusstes sind, und Gefühle durch ein Bewusstsein erst "real" werden (gefühlt werden können), müsste man doch bei Problemen diesbezüglich (also therapeutisch gesehen) zuerst einmal unterscheiden, ob Emotionen (im Unbewussten) Probleme machen, oder nur Gefühle im Bewussten. Ist es unbewusste Angst, die best. Verhalten (bzw. Gefühle auch anderer Art, z.B. Hass) bedingt, oder ist Angst real gefühlt, nur in Stärke und Reaktion ausser Rand und Band, in Anbetracht des bekannten Auslösers? Weiter gedacht, können Tiere Angst haben, als Emotion? Als Gefühl? Und inwieweit spielt hier das Bewusstsein eine Rolle? Angenommen, Tiere haben kein Bewusstsein, inwieweit kann dann zw. Emotion und Gefühl unterschieden werden? Denn dann könnte Verhalten aufgrund von Emotion beliebig komplex kodiert sein, Gefühle jedoch unmöglich einem Tier zu zuschreiben? Würde mich sehr auf eine Antwort freuen, Mrs. B.

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 10.07.2020

Vielleicht eine einfache Möglichkeit den Unterschied zu charakterisieren: Bei Emotionen wird erst gedacht und dann gefühlt. Bei Gefühlen ist es umgekehrt. Was die Tiere betrifft, so sind ihre Gefühle den unseren im Kern vermutlich gleich - wir verstehen, wenn der Hund Angst hat oder die Katze erschreckt. Sie haben allerdings weniger Vorstellungskraft als wir, aber ein Gedächtnis!

Fritz K., 14.07.2019 - 09:16 Uhr

Diesen Artikel fand ich sehr interessant und lehrreich. Sehr lesenswert.

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 27.03.2020

Danke! Ich möchte hinzufügen, dass diese Unterscheidung möglicherweise nicht durchgehend so getroffen wird. Ich habe das nicht an der Uni gelernt, sondern wurde durch die spätere Erfahrung ermutigt, diese Differenzierung vorzunehmen.

Juergen B., 26.05.2019 - 09:38 Uhr

Warum bringt das niemand unseren Schulkindern bei?

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 27.03.2020

Vermutlich, weil das selten in Lehrbüchern steht, und vielleicht auch, weil es leider nicht für so wichtig gehalten wird.

h.h, 15.05.2019 - 11:22 Uhr

vielen dank, mir hat der Artikel einiges erschlossen

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 27.03.2020

Danke, das freut mich!

Rosmarie A., 24.03.2019 - 08:36 Uhr

Verlassen ist kein Gefühl, sondern eher etwas, was ein anderer mit mir getan hat: Er/sie hat mich verlassen. Das Gefühl dahinter könnte dann Einsamkeit sein oder aber auch Erleichterung.

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 27.03.2020

Vor allem vermutlich: Schmerz. sonst würden wir es nicht verlassen nennen. Wir sagen nicht: Der Schnupfen hat mich verlassen.

K.Gerdes, 14.06.2018 - 11:39 Uhr

Hallo, "Gefühl" ist ein deutsches Wort und "Emotion" ist die englische Übersetzung dafür. Was sollte es da also für Unterschiede geben? MfG

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 14.06.2018

Gefühl heißt auf englisch "feeling", Emotion hei0t 'emotion'. Der semantische Unterschied ist ähnlich. Das 'e' von emotion steht für 'ex', lat. für 'hinaus', es wird etwas von Innen nach außen ausgedrückt. Dagegen bezeichnet Gefühl und 'feeling' einen eher passiv-empfangenden Vorgang. Es ist manchmal sinnvoll, diese Begriffe zu unterscheiden.

Sabine M., 29.10.2017 - 13:23 Uhr

Also Schmerz, Verlassenheit usw sind Empfindungen und Gefühle sind Wut, Angst, Freude, Trauer. Emotionen sind Reaktionen auf die Gefühle mit der entsprechenden Wertung oder Meinungen Gegenüber dieser Gefühle gekoppelt mit einer entsprechenden Situation. So habe ich das über viele Jahre Differenziert.

Antwort von Dipl.-Psych. Rainer Poulet, verfasst am 02.11.2017

Das sehe ich ähnlich. Ich würde nur nicht sagen: "Emotionen sind Reaktionen auf die Gefühle (...)", sondern eher Reaktionen auf kognitive Inhalte (Gedanken, Vorstellungen, Meinungen, Erwartungen, Erfahrungen u. dgl.)

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