Artikel 22/10/2017

Mukoviszidose ist nicht heilbar! Alles über Ursachen, Symptome und Folgen der Lungenkrankheit

Team jameda
Team jameda
mukoviszidose-ist-nicht-heilbar-alles-ueber-ursachen-symptome-und-folgen

,Das Kind stirbt bald wieder, dessen Stirne beim Küssen salzig schmeckt‘‘, schrieb der Historiker Ernst Ludwig Rochholz im Jahr 1850. Salziger Schweiß ist ein Anzeichen einer Mukoviszidose, die in der Vergangenheit die häufigste erblich bedingte Todesursache bei Kindern war. Lesen Sie hier, was eine Mukoviszidose ist, wie sie entsteht, mit welchen Symptomen sie sich äußert und was Forscher dagegen tun.

Definition: Was ist Mukoviszidose?

Die Mukoviszidose, auch zystische Fibrose genannt, ist eine genetische Stoffwechselkrankheit. Ein gestörtes Genpaar ist dafür verantwortlich, dass es Probleme mit bestimmten Körperflüssigkeiten gibt. Zum Beispiel ist das Sekret der Lunge und der Bauchspeicheldrüse zähflüssiger als normal. Die Lunge verschleimt, kleine Bronchien verstopfen und es kommt zu Atmungsstörungen. Wenn der Ausgang der Bauchspeicheldrüse verstopft, entstehen darüber hinaus Verdauungsstörungen.

Ungefähr 8.000 Deutsche leiden an Mukoviszidose. Eines von 1.000 bis 2.000 Neugeborenen kommt mit Mukoviszidose zur Welt, d.h. in Deutschland werden pro Jahr ungefähr 300 Kinder mit Mukoviszidose geboren. Das Durchschnittsalter bei der Diagnose ist jedoch 4.8 Jahre.

Gendefekt als Ursache

Die Ursache ist ein Fehler im Erbgut, der von beiden Eltern übertragen wird. Je nach Mutation entstehen Sonderformen des Erbfehlers.

Es gibt fast 2.000 Mutationen, die Mukoviszidose verursachen. Sie lassen sich in 6 Klassen einteilen, je nachdem, wie sie sich auswirken und welche Funktionen sie einschränken. Die verschiedenen Genmutationen verursachen viele Krankheitsbilder mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen, Schweregraden und Lebenserwartungen.

Bei Mukoviszidose liegt die ,delta-F508-Mutation‘‘ vor,  die häufigste dieser Mutationen. Die fehlerhaft gebauten Chloridionenkanäle stören den Salztransport in einigen Körperzellen, so dass Drüsen einen zähen Schleim bilden. Die betroffenen Organe sind Lungen, Nasennebenhöhlen, Bauchspeicheldrüse, Darm, Gallenwege und Keimdrüsen.

Symptome der Lunge und des Verdauungssystems

Wann die Krankheit auftritt und wie schwer sie ausfällt, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Manchmal ist das Krankheitsbild der Mukoviszidose schon bei der Geburt auffällig und in anderen Fällen dauert es Jahre, bis die Diagnose gestellt wird.

Ein Hinweis auf Mukoviszidose bei Kindern ist ein über längere Zeit aufgeblähter Bauch. Die Nasennebenhöhlen können äußerdem chronisch entzündet sein und in manchen Fällen entstehen Nasenpolypen. Auch trommelschlegelförmige Finger mit breiten, uhrglasförmig gewölbten Nägeln sind verdächtig, wie sie bei Patienten mit angeborenen Herzfehlern mit Dauersauerstoffmangel vorkommen.

Symptome der Lunge

Wenn sich kleine Bronchien in der Lunge verstopfen, bekommen die Kinder chronischen, keuchhustenähnlichen Husten, Lungenentzündungen, Lungenblutungen und sogar Atemnot. In Extremfällen führt die Lungenkrankheit ohne Behandlung zum Ersticken.

Symptome des Verdauungssystems

Die Bauchspeicheldrüse entzündet sich und wird mit der Zeit zerstört, so dass sie nicht mehr ihre normalen Aufgaben erledigt, was zur Fettunverträglichkeit und Zuckerkrankheit führt. Die Gallenblase entzündet sich auch und es bilden sich Gallensteine. Der Fettabbau ist außerdem stark beeinträchtigt und verursacht starke Durchfälle. Kinder wachsen nicht genug und wirken unterernährt, obwohl sie viel essen.

Komplikationen

  • Analprolaps: Die Darmschleimhaut wölbt sich aus dem After vor.
  • Darmeinstülpung oder -verschluss: Eine Einstülpung des Darmes oder ein Darmverschluss äußert sich mit starken, krampfartigen Bauchschmerzen, die meistens nach dem Essen in Schüben auftreten.
  • Fettleber und Leberzirrhose: Oft entwickelt sich eine Fettleber, die sich mit Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Blähungen und Schmerzen im Oberbauch äußert. Eine Leberzirrhose, die typischerweise eine Gelbsucht verursacht, ist auch möglich.
  • Unfruchtbarkeit: Die meisten Männer mit Mukoviszidose sind unfruchtbar und auch Frauen haben Probleme, Kinder zu bekommen.
  • Osteoporose: Ungefähr 33 Prozent der Erwachsenen mit Mukoviszidose haben Osteoporse und erleiden öfter Knochenbrüche.

Diagnose: Salziger Schweiß und DNA-Analyse

Typisch für Mukoviszidose ist stark salzhaltiger Schweiß, was zu ungewöhnlich schnellem Elektrolytenverlust durch Schwitzen führt. Bei Verdacht ist der Nachweis erhöhter Natrium- und Chloridsalze möglich.

Natriumchloridwerte über 80 mmol/l deuten auf eine Mukoviszidose hin, wobei Normalwerte zwischen 5 und 55 mmol/l liegen. Ein erhöhter Wert des Enzyms Trypsin im Blut über 80 ng/ml ist auch ein Hinweis auf die Erkrankung.

Sind die Natriumchlorid- und Trypsin-Werte erhöht, folgt eine DNA-Analyse, die in den meisten Fällen die entgültige Diagnose bestätigt. Danach sind weitere Untersuchungen nötig, wie zum Beispiel Röntgenbilder der Lungen oder Ultraschalluntersuchungen des Bauches.

Elternpaare, in deren Familien Mukoviszidose vorkommt, können eine Präimplantationsdiagnostik durchführen lassen. Dabei werden die Eizellen künstlich im Reagenzglas befruchtet. Bei den so entstandenen Embryos prüft der Arzt, ob sie den Gendefekt haben oder nicht. Einen Embryo ohne Gendefekt pflanzt er dann in die Gebärmutter ein.

Allerdings kann auch während der Schwangerschaft mit einem Screening geprüft werden, ob das Kind den Gendefekt trägt.

Frühzeitige Behandlung wichtig

Die Mukoviszidose ist nicht heilbar. Mit Therapieansätzen wie Krankengymnastik, Medikamente und Inhalationen jedoch können Betroffene ein ziemlich gutes Leben haben. Eine frühzeitige Behandlung verlangsamt den Verlauf der Erkrankung, aber die Lebenserwartung ist dennoch eingeschränkt und beträgt im Durchschnitt 40 Jahre.

Medikamentöse Therapie

  • Die Inhalation von Mukolytika löst den zähen Schleim, der anschließend leichter abgehustet wird und Beta-2-Sympathomimetika erweitern die Bronchien, so dass sich die Atemnot vermindert.

  • Bei fortgeschrittener Lungenerkrankung werden Kortikosteroide und Sauerstoff verabreicht.

  • Bei Kindern mit Gedeihverzögerung sind Wachstumshormone hilfreich.

  • Bei Entzündungen ist eine Antibiotikatherapie nötig.

  • Bei Diabetes wird eine Insulintherapie empfohlen.

  • Gegen die Bauchspeicheldrüseninsuffizienz hilft die Einnahme von Verdauungsenzymen.

  • Bei Osteoporose helfen Calcitonin oder Bisphosphonate und Hormonersatztherapie.

Darmverschlüsse, Gallensteine oder ein  Analprolaps müssen operiert werden. Bei Extremfällen ist eine Lungen-, Leber- oder Bauchspeicheldrüsentransplantation möglich.

Was Sie selbst tun können

  • Menschen mit Mukoviszidose sind viel anfälliger für ansteckende Krankheiten, deshalb sind Impfungen um so wichtiger, besonders gegen Masern, Pneumokokken und Grippe.

  • Speziell entwickelte Atemtechniken ermöglichen dem Patienten, das zähflüssige Lungensekret aus den tief gelegenen Atemwegen hochzubewegen und abzuhusten - und das ohne fremde Hilfe. Die Methode wird „autogene Drainage“ genannt.

  • Die Auswirkungen der Erkrankung auf die Verdauung können mit einer Ernährung gelindert werden, die reich an Kohlehydraten, Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen ist.

  • Wenn möglich, stärkt Ausdauersport wie Radfahren, Joggen, Laufen, Tanzen oder Skilanglauf das Abwehrsystem.

Neue spannende Therapiemöglichkeiten

Aktuell werden sehr interessante Forschungsprojekte durchgeführt, die eine ursächliche Therapie ermöglichen sollen. Forscher versuchen, die für die Erkrankung verantwortlichen Mutationen zu beeinflussen.

Im Jahr 2012 wurde das Medikament Ivacaftor für Patienten über 6 Jahre mit der Mutation G551D zugelassen, die 4 bis 5 Prozent aller Mukoviszidosen verursacht. So verbessert sich die Lungenfunktion innerhalb weniger Wochen und die Patienten nehmen an Gewicht zu. Mittlerweile wurde das Medikament für 8 weitere Mutationen zugelassen.

Darüber hinaus sind neue Substanzen in Entwicklung, die weitere defekte Gene korrigieren, wie zum Beispiel das Ataluren und das Lumacaftor. Auch Kombinationstherapien werden erforscht, wie zum Beispiel Lumacaftor plus Ivacaftor.

Fazit

Die Mukoviszidose ist zwar noch nicht heilbar, kostet aber nicht mehr so vielen Kindern das Leben. Die Betroffenen können sich auf eine deutlich höhere Lebenserwartung und auf eine verbesserte Lebensqualität freuen. Allerdings ist ein früher Therapiebeginn sehr wichtig für die Linderung der Symptome und die Verzögerung oder Vermeidung der Komplikationen. Neue Forschungsprojekte könnten die Zukunftsvision der ursächlichen Therapie der Mukoviszidose verwirklichen und lassen uns hoffen.

Links

Mukoviszidose - Bundesverband Selbsthilfe bei Cystischer Fibrose
Christiane Herzog Stiftung für Mukoviszidose-Kranke
Deutsche Lungenstiftung
Bundesverband der Pneumologen
Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin
Deutsche Atemwegsliga
[Patientenliga Atemwegserkrankungen

](http://www.patientenliga-atemwegserkrankungen.de/)

Quellen

  • S2-Konsensus-Leitlinie „Diagnose der Mukoviszidose“ (AWMF 026-023) unter Federführung der Gesellschaft für Pädiatrischen Pneumologie , Stand 06/2013
  • S1-LeitlinieMukoviszidose (Cystische Fibrose): Ernährung und exokrine Pankreasinsuffizienz der Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE). In: AWMF online (Stand 2011)
  • S1-LeitlinieDiagnose der Mukoviszidose der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). In: AWMF online (Stand 2013)
  • P. Boyle, K. De Boeck:A new era in the treatment of cystic fibrosis: correction of the underlying CFTR defect. In: The Lancet. Respiratory medicine. Band 1, Nummer 2, April 2013, S. 158–163.
  • S. Gelman, R. R. Kopito:Cystic fibrosis: premature degradation of mutant proteins as a molecular disease mechanism. In: Methods in molecular biology. Band 232, 2003, S. 27–37.
  • Daniel Merk, Manfred Schubert-Zsilavecz:Personalisierte Medizin: Neue Ansätze bei   In: pharmazeutische-zeitung.de. 2011.
  • C. Bell, K. De Boeck, M. D. Amaral:New pharmacological approaches for cystic fibrosis: promises, progress, pitfalls. In: Pharmacology & therapeutics. Band 145, Januar 2015, S. 19–34.
  • Hergersberg, J. Balakrishnan u. a.:A new mutation, 3905insT, accounts for 4.8% of 1173 CF chromosomes in Switzerland and causes a severe phenotype. In: Human genetics. Band 100, Nummer 2, August 1997, S. 220–223.
  • Romeo, M. Devoto, L. J. Galietta:Why is the cystic fibrosis gene so frequent? In: Human genetics. Band 84, Nummer 1, Dezember 1989, S. 1–5.
  • Lucotte, S. Hazout, M. De Braekeleer:Complete map of cystic fibrosis mutation DF508 frequencies in Western Europe and correlation between mutation frequencies and incidence of disease. In: Human biology. Band 67, Nummer 5, Oktober 1995, S. 797–803.
  • L. Bobadilla, M. Macek u. a.:Cystic fibrosis: a worldwide analysis of CFTR mutations–correlation with incidence data and application to screening. In: Human mutation. Band 19, Nummer 6, Juni 2002, S. 575–606.
  • Castellani, H. Cuppens u. a.: Consensus on the use and interpretation of cystic fibrosis mutation analysis in clinical practice.In: Journal of cystic fibrosis. Band 7, Nummer 3, Mai 2008, S. 179–196.
  • Morral, J. Bertranpetit u. a.: The origin of the major cystic fibrosis mutation (delta F508) in European populations.In: Nature genetics. Band 7, Nummer 2, Juni 1994, S. 169–175.
  • Mateu, F. Calafell u. a.: Can a place of origin of the main cystic fibrosis mutations be identified?In: American journal of human genetics. Band 70, Nummer 1, Januar 2002, S. 257–264.
  • U. Lowe, C. D. May, S. C. Reed:Fibrosis of the pancreas in infants and children; a statistical study of clinical and hereditary features. In: American journal of diseases of children. Band 78, Nummer 3, September 1949, S. 349–374.
  • Darling, P. A. di Sant’Agnese u. a.:Electrolyte abnormalities of the sweat in fibrocystic disease of the pancreas. In: The American journal of the medical sciences. Band 225, Nummer 1, Januar 1953, S. 67–70.
  • E. Gibson, R. E. Cooke:A test for concentration of electrolytes in sweat in cystic fibrosis of the pancreas utilizing pilocarpine by iontophoresis. In: Pediatrics. Band 23, Nummer 3, März 1959, S. 545–549.
  • M. Quinton:Chloride impermeability in cystic fibrosis. In: Nature. Band 301, Nummer 5899, Februar 1983, S. 421–422.
  • G. Knowlton, O. Cohen-Haguenauer u. a.:A polymorphic DNA marker linked to cystic fibrosis is located on chromosome 7. In: Nature. Band 318, Nummer 6044, 1985, S. 380–382.
  • M. Rommens, M. C. Iannuzzi u. a.:Identification of the cystic fibrosis gene: chromosome walking and jumping. In: Science. Band 245, Nummer 4922, September 1989, S. 1059–1065.
  • K. Lemna, G. L. Feldman u. a.:Mutation analysis for heterozygote detection and the prenatal diagnosis of cystic fibrosis. In: The New England journal of medicine. Band 322, Nummer 5, Februar 1990, S. 291–296.

Die Veröffentlichung dieser Inhalte durch jameda GmbH erfolgt mit ausdrücklicher Genehmigung der Autoren. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der jeweiligen Autoren.

Die Inhalte der Experten Ratgeber ersetzen nicht die Konsultation von medizinischen Spezialisten. Wir empfehlen Ihnen dringend, bei Fragen zu Ihrer Gesundheit oder medizinischen Behandlung stets eine qualifizierte medizinische Fachperson zu konsultieren. Der Inhalt dieser Seite sowie die Texte, Grafiken, Bilder und sonstigen Materialien dienen ausschließlich Informationszwecken und ersetzen keine gesundheitlichen Diagnosen oder Behandlungen. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Meinungen, Schlussfolgerungen oder sonstige Informationen in den von Dritten verfassten Inhalten ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors darstellen und nicht notwendigerweise von jameda GmbH gebilligt werden. Wenn die jameda GmbH feststellt oder von anderen darauf hingewiesen wird, dass ein konkreter Inhalt eine zivil- oder strafrechtliche Verantwortlichkeit auslöst, wird sie die Inhalte prüfen und behält sich das Recht vor, diese zu entfernen. Eigene Inhalte auf unserer Website werden regelmäßig sorgfältig geprüft. Wir bemühen uns stets, unser Informationsangebot vollständig, inhaltlich richtig und aktuell anzubieten. Das Auftreten von Fehlern ist dennoch möglich, daher kann eine Garantie für die Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität nicht übernommen werden. Korrekturen oder Hinweise senden Sie bitte an experten-ratgeber@jameda.de.


www.jameda.de © 2023 - Wunscharzt finden und Termin online buchen.

Diese Webseite verwendet Cookies.
Surfen Sie weiter, wenn Sie unserer Cookie-Richtlinie zustimmen.