Knochenaufbau vor Zahnimplantaten - Welches Material ist das Richtige?

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Zahnimplantate stellen heutzutage eine elegante und sichere Möglichkeit dar, verloren gegangene Zähne sicher und dauerhaft zu ersetzen. Häufig stellt der behandelnde Zahnarzt allerdings bereits bei der ersten Untersuchung fest, dass zu wenig Kieferknochen für ein Zahnimplantat vorhanden und ein Knochenaufbau („Augmentation“) notwendig ist. Soll jetzt künstliches Knochenersatzmaterial den Defekt füllen oder ist die Verlagerung von eigenem Knochen die beste Möglichkeit den Kiefer wieder herzustellen? Die Antworten auf diese Fragen sind vielschichtig und müssen dem individuellen Patientenfall gerecht werden. Dieser Beitrag soll daher in kurzer Form einen Überblick über die aktuellen Materialien für Knochenaufbauten/Kieferaufbauten im Rahmen von implantologischen Eingriffen geben.

Wann ist ein Knochenaufbau notwendig?
Das Einsetzen von Zahnimplantaten ist (stark vereinfacht) vergleichbar mit dem Einbringen eines Dübels in eine Wand. Ist die Wand zu dünn oder der Dübel zu dick, bricht er aus der Wand heraus und das, was von dem Dübel gehalten werden sollte, fällt herunter. Ähnlich verhält es sich mit Zahnimplantaten, die in einen zu dünnen oder zu schwachen Kieferknochen eingesetzt werden. Das Implantat verliert unter der Kaubelastung seine tragenden Knochenwände und muss bereits nach kurzer Zeit wieder entfernt werden. Der gewünschte Therapieerfolg - feste eigene Zähne - stellt sich nicht ein. Die Enttäuschung für den Patienten/die Patientin ist anschließend groß.

Der dauerhafte Erfolg von Zahnimplantaten ist somit stark vom Ausmaß des vorhandenen Kieferknochens abhängig. Grundsätzlich gilt, dass ein Zahnimplantat allseitig von einer mindestens 2 mm starken Knochenschicht umgeben ist. Häufig ist dieses Knochenvolumen aber zum Zeitpunkt der Entscheidung für ein Zahnimplantat nicht gegeben, da der Körper nach dem Zahnverlust den nicht mehr benötigten Teil des Kieferknochens abbaut.

Materialien, die für Knochenaufbauten zur Verfügung stehen
Um verlorengegangenen Knochen zu ersetzen, können heutzutage folgende Materialien benutzt werden:
1. Körpereigener Knochen
2. Natürliche Knochenersatzmaterialien
3. Synthetische Knochenersatzmaterialien

Körpereigener Knochen kann in ausreichendem Maße von verschiedenen Stellen des Körpers gewonnen werden. In der Mundhöhle sind diese unter anderem: das Bohrloch des Implantats, der Unterkieferwinkel und der Kinnbereich. Außerhalb der Mundhöhle können vom vorderen Beckenknochen (Hüfte) größere Mengen an körpereigenem Knochen entnommen werden. Körpereigener Knochen eignet sich sehr gut für die Wiederherstellung von Kieferdefekten. Es besteht kein Infektionsrisiko für den Patienten und eine immunologische Transplantatabstoßung ist ausgeschlossen, da es sich ausschließlich um körpereigenes Gewebe handelt. Körpereigener Knochen ist somit allen anderen Knochenaufbaumaterialien überlegen und heute nach wie vor der „Goldstandard“ bei Knochenaufbauten. Nachteilig sind jedoch die begrenzte Verfügbarkeit und die Notwendigkeit einer weiteren Entnahmestelle. In der Regel werden entweder Knochenpartikel oder ganze Knochenblöcke verwendet. Die Fixierung erfolgt mit kleinen Titan- oder Stahlschrauben, die in der Regel nach der Einheilzeit des Knochentransplantats (ca. 3-4 Monate) entfernt werden.

Natürliche Knochenersatzmaterialien werden aus tierischem Material (Knochen und Bindegewebe) gewonnen und stehen überwiegend als Granulat (gemahlener Knochen) oder als Blöcke zur Verfügung. Als Spendertiere kommen am häufigsten Rind und Schwein infrage, da die Knochenstruktur dieser Tiere der des Menschen ähnlich ist. Es stehen allerdings auch Präparate menschlichen Ursprungs zur Verfügung. Die verwendeten Präparate müssen als Medizinprodukte den Auflagen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) genügen. Um ein Übertragungsrisiko für Infektionskrankeiten wie HIV oder Hepatitis sowie eine immunologische Abstoßungsreaktion auszuschließen, werden diese Materialien sterilisiert und konserviert. Hierdurch werden allerdings auch die biologischen Eigenschaften der Materialien verändert und es kann zu einem vermehrten Abbau nach der Operation kommen. Die Einheilphase nach dem Knochenaufbau ist länger als bei körpereigenem Knochen (ca. 4-6 Monate) Geeignet sind natürliche Knochenersatzmaterialien für die Auffüllung von kleineren Kieferdefekten, oder als Beimischung zu körpereigenem Knochen.

Synthetische (künstliche) Knochenersatzmaterialien bestehen überwiegend aus auf Kalzium basierenden Keramiken oder sog. bioaktiven Gläsern. Sie werden als Granulate angeboten und eignen sich aufgrund Ihrer geringeren Stabilität nur für die Verwendung bei kleineren Kieferdefekten. Sie sind als Medizinprodukte ebenfalls dem Medizinproduktegesetz und damit der Aufsicht des BfArM unterworfen.

Welches Material im konkreten Fall zum Einsatz kommt, sollte nach den notwendigen diagnostischen Maßnahmen (klinische und röntgenologische Untersuchung) und der entsprechenden Aufklärung durch den behandelnden Arzt festgelegt werden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der körpereigene Knochen nach wie vor die verträglichste und vorhersagbarste Methode zum Kieferknochenaufbau darstellt.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare (4)

witteveen, 17.01.2018 - 22:43 Uhr

Woher stammen die Human-Präparate für den Knochenaufbau? Woher kommen die Knochen?

Antwort von Priv.-Doz. Dr. med. Sönke Harder, verfasst am 02.04.2019

Wir verwenden die Human Produkte der Firma ARGON Medical (Osteograft) Die maximale Sicherheit wird durch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Zell- und Gewebeersatz (DIZG) in Berlin erfüllt. Im Folgenden möchte ich aus den Unternehmensinformationen zitieren, die auch im Internet frei zugänglich sind: " Osteograft-Transplantate werden vom DIZG aus dem deutschen Spenderprogramm hergestellt und sind als Arzneimittel zugelassen. Umfangreiche Kriterien zur Spenderauswahl, ein Spenderscreening, das die EU-Richtlinie übererfüllt sowie ein validiertes Sterilisationsverfahren zur Entfernung bzw. Inaktivierung von Viren, Bakterien und Pilzen bilden die Grundlage für größtmögliches Produktvertrauen bei Behandlern und Patienten." "In Deutschland sind allogene Zell- und Gewebetransplantate als Arzneimittel reguliert und zulassungspfichtig, d. h. die Herstellung, die biologische Sicherheit und die klinische Anwendung unterliegen der ständigen Kontrolle der deutschen Behörden. Die Produkte verfügen über 10 Arzneimittelzulassungen für humane Gewebetransplantate. Das System zur Gewährleistung der biologischen Sicherheit der Gewebetransplantate des DIZG besteht aus umfangreichen Kriterien zur Spenderauswahl, einem umfassenden, die Anforderungen der EU-Richtlinie 23/2004 weit übersteigenden serologischen Spenderscreening, das 4 Virus-Genom-Untersuchungen einschließt, der Anwendung eines validierten Verfahrens zur Entfernung/Inaktivierung von Viren, Bakterien und Pilzen und In-Prozess- und Endkontrollen am Transplantat.“ Ich hoffe, Ihnen mit dieser Auskunft behilflich gewesen sein zu können und verbleibe mit freundlichen Grüßen S. Harder

Heinrich B., 23.04.2016 - 23:50 Uhr

Rückfrage: Kann es sein, dass der Bedarf nach Knochenersatzmaterial erst bei der Implantation festgestellt wird? Der Ersatzzahn lässt sich im Röntgenbild auf den 1000tel mm genau vermessen. Ist Gleiches auch beim Kieferknochen möglich?

Antwort von Priv.-Doz. Dr. med. Sönke Harder, verfasst am 02.04.2019

Grundsätzlich kann es vorkommen, dass im Rahmen eines implantologischen Eingriffs eine kleine Augmentation mit der Verwendung von Knochenersatzmaterial zusätzlich notwendig sein kann. Dies wird allerdings in den meisten Fällen bereits vor dem Eingriff durch ein dreidimensionales Röntgenbild (DVT) geklärt. Eine Vermessung des Kieferknochens ist somit bereits vor dem eigentlichen Eingriff möglich. Mit freundlichen Grüßen S. Harder

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