
Bei einem Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule wird oft eine Versteifung durchgeführt. Dank einer neuen Prothese ist es heute aber möglich, die Beweglichkeit zu erhalten.
Warum Halswirbelsäulen heute noch versteift werden
Als Ralph Cloward 1958 auf einer Tagung in Washington seine Erfahrung mit dem vorderen Zugang zur Halswirbelsäule vorstellte, stieß er auf starken Widerspruch. Dabei lagen die Argumente auf der Hand. Der Zugang über den Nacken war für die Patienten schmerzhafter und man kam von hinten nur schwer an die Bandscheibe. Um das Rückenmark nicht zu verletzen, musste man Teile vom Wirbelbogen und dem Gelenk entfernen. Der Zugang von vorne war viel eleganter. Nach dem Hautschnitt konnte man dem natürlichen Spalt zwischen dem Kopfnickermuskel und der Schlundmuskulatur folgen und erreichte ohne weiteren Schnitt die Halswirbelsäule.
Verzweifelt wegen dem sturen Unverständnis rief Cloward in die Zuhörermenge: 'Man kann alten Hunden keine neuen Tricks beibringen!' Inzwischen werden Halswirbelsäulen zwar fast nur noch von vorne operiert, aber sie werden auch alle versteift.
Warum geht die Mobilität verloren?
Zunächst setzte man Knochendübel anstelle der entfernten Bandscheibe ein. Weil die Entnahme eine zweite Wunde darstellt und auch nicht alle Knochendübel einheilten, verwendete man dann Knochenzement. Er hat sich jedoch nicht bewährt, weil er brechen kann und nicht einwächst.
Heutzutage nutzt man kleine Käfige aus Titan oder Plastik (PEEK), die als Platzhalter dienen, bis der Knochen durch den Käfig hindurch gewachsen ist. Der Nachteil ist, dass die zweite wichtige Funktion der Halswirbelsäule, die Mobilität, nicht erhalten werden kann.
Beweglichkeit dank neuer alternativer Technik
Fast 50 Jahre nach Cloward kam es zu einem neuen Paradigmenwechsel. Auf dem 1. Kongress für Spinearthroplastie (2001) wurde eine neue Technik vorgestellt: die bewegliche Bandscheibenprothese. Mit ihr bleibt sowohl die Stabilität als auch die Mobilität erhalten.
Viele Studien zeigten, dass die Bandscheibenprothese keine Nachteile gegenüber der Versteifung aufweist. Diese Erfahrung können wir nach mehreren tausend Implantationen nur bestätigen.
Warum wird die bewegliche Prothese nicht flächendeckend eingesetzt?
Die Prothesen werden nur an wenigen Zentren routiniert implantiert. Das liegt vor allem an den höheren Materialkosten im Vergleich zur Versteifung. Diese höheren Kosten müssen vorwiegend die Krankenhäuser tragen. Im Zeitalter des globalen Sparwahns nicht gerade förderlich.
Oft wird deswegen argumentiert, dass die Prothesen irgendwann knöchern überwachsen sind und dadurch keinen Sinn machen. Das ist zwar richtig, bei den meisten Patienten passiert das aber erst nach vielen Jahren und es geht ihnen trotzdem gut.
Verschwiegen wird den Patienten, dass es auch Käfige gibt, die nicht einwachsen, und es dann zu einer schmerzhaften Pseudarthrose kommen kann.
Wann ist eine bewegliche Prothese sinnvoll?
Kann man die Beweglichkeit erhalten, sollte man eine Prothese einsetzen. Dafür werden vor der Operation spezielle Untersuchungen durchgeführt. Sind die Gelenke bereits knöchern überwachsen (Arthrose) oder besteht eine hochgradige Knochenerweichung (Osteoporose), sollte man wie früher versteifen. In über 95 % ist es aber möglich, eine Prothese zu implantieren und auf eine Versteifung zu verzichten. So bleiben Stabilität und Mobilität erhalten.



