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Ketamintherapie & Depressionen: 11 Fragen zur Behandlung

Dr. Mathers

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© benik.at - fotoliaDie Ketamin-Therapie bietet sich vor allem bei Betroffenen an, bei denen herkömmliche Behandlungsmethoden keinen Erfolg brachten. (© benik.at - fotolia)Nach mehreren Jahren der Ketamin-Infusionstherapie gegen Depression und verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Thema, möchten wir hier in 10 Fragen zum Thema eine kurze Zusammenfassung unserer bisherigen Erkenntnisse und Erfahrung geben.


1. Was ist Ketamin?

Ketamin wird seit vielen Jahrzehnten als intravenöses Narkosemittel eingesetzt. Die Anwendung bei Menschen mit schwer zu behandelnder Depression findet erst seit wenigen Jahren statt und wirft ein neues Licht auf die Ursachen dieser Erkrankung. Ketamin wird in Deutschland ausschließlich intravenös verabreicht, in den USA ist es mittlerweile auch zur intranasalen Anwendung zugelassen.

Erste Berichte sprechen von einer geringeren Wirkung des Nasensprays gegenüber der intravenösen Gabe. Allerdings ist es zu früh, um ein abschließendes Urteil zu fällen. In Deutschland ist Ketamin noch nicht als Nasenspray erhältlich.


2. Wer ist als Patient geeignet?

Die Ketamintherapie ist Patienten vorbehalten, die eine sogenannte „Therapieresistente Depression“ haben. D. h. mehrere unterschiedliche Medikamente plus Gesprächstherapien haben nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt. Ketamin kann auch eine laufende Behandlung mit Tabletten positiv verstärken. Den Patienten wird empfohlen, ihre laufende Medikation zunächst beizubehalten.


3. Wer behandelt mit Ketamin?

Die Behandlung wird von Fachärzten und Fachkrankenschwestern für Anästhesiologie und Intensivmedizin durchgeführt. Sie kennen Ketamin seit vielen Jahrzehnten aus der Tätigkeit bei Narkosen.

Da Ketamin auch narkosetypische Komplikationen verursachen kann, sind sie entsprechend mit allem ausgerüstet. Glücklicherweise müssten sie die erweiterten Notfallkenntnisse bisher selten zur Anwendung bringen. Sie sind selbst jedoch keine Fachärzte für Psychiatrie und deshalb ist es wichtig, dass die Patienten weiterhin in regelmäßiger Behandlung bei ihrem eigenen Psychiater bleiben.


4. Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Nebenwirkungen treten nur während der laufenden Infusion auf und ebben ab, sobald die Infusion beendet ist. Viele Patienten berichten von einem Gefühl, außerhalb des Körpers zu sein. Manche haben leichten Schwindel, selten wird auch schon mal über Übelkeit geklagt.

Während der Infusion können Blutdruck und Herzfrequenz kurzfristig ansteigen. Die Patienten werde mit einem Narkosemonitor überwacht, um seltene Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen oder Atemprobleme frühzeitig zu erkennen.


5. Wie läuft die Infusion praktisch ab?

Nachdem eingereichte Unterlagen der Patienten vorab gesichtet wurden, findet ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt statt. Erst die Kombination aus den Dokumenten und dem persönlichen Austausch mit dem Arzt kann sicherstellen, dass man ein geeigneter Kandidat für diese Therapieform ist. Falls ja, werden sechs Infusionen über einen Zeitraum von maximal vier Wochen verabreicht.

Hierzu legt eine Fachkrankenschwester für Anästhesie eine Kanüle in die Vene und lässt dann das Ketamin über eine elektronische Pumpe einlaufen. Die Infusion selber dauert ca. 40 Minuten. Die meisten Patienten bleiben danach noch ca. 20 Minuten oder länger in der Praxis. Neben der Überwachung von Atmung und Kreislauf werden alle Patienten während der Infusion videoüberwacht.

So ist gewährleistet, dass die Patienten die nötige ruhige Umgebung haben, aber dennoch stets unter Beobachtung sind. Auch wenn sich oft schon recht schnell erste Verbesserungen im Alltag der Betroffenen zeigen, lässt sich der Erfahrung nach erst ca. zwei bis vier Wochen nach der sechsten Infusion realistisch beurteilen, welche Wirkung die Therapie hat.


6. Werden weitere Infusionen nach der Sechser-Serie benötigt?

Die meisten Patienten, bei denen die Behandlung erfolgreich verlaufen ist, kommen ca. 4-6 Wochen für eine Auffrischungsinfusion. Bei manchen Patienten hält die antidepressive Wirkung auch länger an. Viele Praxen halten sich immer für diese Auffrischungsinfusionen bereit, so dass Betroffene, wenn sie merken, dass der positive Effekt nachlässt, in der Regel innerhalb von 1-2 Wochen einen Termin für die Auffrischung bekommen.


© stux - pixabayDa Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen werden können, kann die Behandlung nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden. (© stux - pixabay)7. Gibt es Ausschlusskriterien?

Patienten, die noch nicht alle Möglichkeiten der oralen Therapie und der Gesprächstherapie ausgeschöpft haben, sollten kein Ketamin erhalten. Es sollte immer erst versucht werden, mit den herkömmlichen Methoden eine Stabilisierung zu erreichen. Patienten, die eine Psychose oder psychotische Phasen hatten, sind nicht geeignet.

Gewisse Medikamente vertragen sich nicht mit Ketamin, was gegebenenfalls besprochen werden muss. Einige körperliche Erkrankungen, wie z. B. unkontrollierter Bluthochdruck oder nicht eingestellte Herzrhythmusstörungen sind Kontraindikationen für Ketamin. Auch Patienten, die stark übergewichtig sind oder im Alter von über 70 Jahren liegen, müssen im Einzelfall vom Arzt beraten werden.


8. Wie sind die Erfolgsaussichten?

Die wissenschaftlichen Untersuchungen und viele Erfahrung zeigen, dass ca. 60 % der Patienten, die bisher keine Linderung durch Tabletten erfahren haben, von der Ketamintherapie profitieren. Im Vorfeld lässt es sich leider nicht genau sagen, wer Hilfe erwarten kann und wer vermutlich keinen Erfolg haben wird.

Die Ergebnisse sind dennoch zufriedenstellend, wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte der Patienten, die teilweise jahrelange Leidenswege hinter sich haben, doch deutlich von dieser Behandlung profitieren.


9. Wird die Behandlung von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt?

In den USA ist Ketamin zur Behandlung von Depression durch die Zulassungsbehörde FDA zugelassen. In Deutschland ist Ketamin nur zur Narkose zugelassen, so dass die gesetzlichen Kassen nur in seltenen Fällen die Kosten übernehmen. Patienten erhalten eine Rechnung, die sie selbst zahlen müssen.


10. Kann man das Nasenspray aus Amerika in Deutschland bekommen?

Das Nasenspray kann importiert werden, wird aber ebenfalls nicht von den Krankenkassen bezahlt.

Allerdings wird auch das Nasenspray dem Patienten nicht zur selbstständigen Anwendung mitgegeben, sondern ausschließlich unter einer insgesamt mindestens zweistündigen Überwachung einmal wöchentlich in der Arztpraxis verabreicht.


11. Wie wirkt Ketamin?

Wie bei den anderen Antidepressiva ist vieles noch unbekannt. Viele Wissenschaftler glauben, dass Depressionen langsam die Nervenbahnen zerstören, die für unsere Gefühle und das Wohlbefinden verantwortlich sind.

Die Erforschung von Ketamin lässt jedoch neue Hoffnung aufkommen. Sie besteht darin, dass das depressive Gehirn wiederhergestellt werden kann, indem die neuralen Schaltkreise, welche die Stimmung regulieren, repariert und gestärkt werden.

Ketamin wirkt auch auf das Glutamat, das Arbeitstier des Gehirns. Es leitet Gedanken und Gefühle weiter und ermöglicht die Bildung von Erinnerungen, indem Nervenverbindungen gestärkt werden. Glutamat ist zum Beispiel der Grund dafür, warum man Fahrradfahren nicht verlernt. 

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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