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Bin ich hochsensibel? Hochsensibilität erkennen und damit leben

Frau Cremasco

von
verfasst am

© Dirima - fotoliaBei Hochsensiblen können bereits alltägliche Reize zu Überforderung führen. (© Dirima - fotolia)Hochsensibilität ist heute immer noch ein sehr junges Phänomen und noch nicht allumfassend erforscht. Die Wissenschaft ist dabei, sich eine Meinung zu bilden. Gern verweise ich hier auf die Forschung von Elaine Aaron (USA) und der Helmut-Schmidt-Universität.

In den Reihen der Mediziner und vieler Therapeuten ist das Konstrukt „Hochsensibilität“ allerdings noch nicht komplett angekommen. Das macht es den Betroffenen nicht leicht. Zu schnell landen sie in einer Schublade, in die sie nicht gehören. Welche Schubladen das sein können, lesen Sie weiter unten im Artikel.


1. Hochsensibilität – ein reales Beispiel eines HSP (Highly Sensitive Person) 

Lassen Sie mich aus meinem Leben kurz berichten, denn ich zähle zu den ca. 15-20 % Hochsensiblen. Anhand der Beispiele wird es anschaulicher, was Hochsensibilität u. a. beinhaltet. 

Ich war schon immer ein Mensch, der sehr geräuschempfindlich war. Lautstärke erschöpft mich schnell und Lärm kann mir körperliche Schmerzen bescheren. Unterhaltungen in einem Raum, in dem mehrere reden, sind für mich schwierig bis unmöglich: Ich nehme zeitgleich alle Gespräche wahr. Wenn ich Musik höre, dann nie als zusätzliche Berieselung im Hintergrund. Besuche von Messen oder Großveranstaltungen wie Festivals oder Jahrmärkten sind für mich herausfordernd: Auf allen Sinneskanälen werde ich gefühlt „befeuert“.

Das erlebe ich aber nicht nur negativ. Das Neue, das Kennenlernen von bisher unbekannten Themen und Menschen ist im positiven Sinne besonders reizvoll, auch für meinen Geist. Nach solch einer Veranstaltung fühle ich mich jedoch häufig erschöpft und benötige Stille. TV-Berieselung wirkt bei mir wie eine Droge: Nach mehreren Stunden habe ich das Gefühl, ich stehe unter Strom. Mein Temperatur-Wohlfühlkorridor ist sehr eng: Alles unter 22 Grad fühlt sich frostig-kalt an, über 26 Grad schwitze ich enorm. Gerüche inspirieren mich im besonderen Maße (oder bescheren mir Übelkeit – auch im besonderen Maße).

Wahrgenommene Kleinigkeiten zementieren sich geradezu ein in mein Erinnerungsvermögen. Farben – nicht alle, aber einige – verbinde ich mit Emotionen und zum Teil sogar mit einem Geschmacks- oder Geruchserleben. Und apropos Emotionen: Ich spüre die Emotion in einem Raum, ohne dass ein Anwesender etwas sagen muss. Letzteres ist für meine Arbeit in Coaching und Therapie sehr wertvoll und hilfreich.

Das soll nur einen kleinen Blick auf die konkreten Auswirkungen der Hochsensibilität bieten. Wichtig für Ihr Verständnis ist, dass die Phänomene „schon immer“ da gewesen sein müssen, wenn Sie sich fragen, ob Sie selbst betroffen sind. Genauso ist Hochsensibilität nicht auf einen bestimmten Lebensbereich begrenzt.


2. Typische Merkmale von Hochsensibilität

Brechen wir auf zu einem Adlerflug über das Konstrukt HSP (engl.: Highly Sensitive Person):
Wie aus den Beispielen zum Teil bereits hervorgeht, gehören zu den typischen Merkmalen der Hochsensibilität

  • intensive Informationsverarbeitung
  • Übererregung bzw. Übererregbarkeit
  • emotionale Intensität
  • sensorische Empfindlichkeit

Die „Symptom“-Phänomene im Einzelnen

Werfen wir zuerst einen Blick auf die Informationsverarbeitung. Ein HSP denkt viel und gern über den Gang der Welt und den Sinn hinter den Dingen nach. Nicht einfach Dinge hinzunehmen, sondern vielmehr zu hinterfragen, ist Normalität. Können Sie sich vorstellen, dass ich mit 11 Jahren den Blutkreislauf eines Blutegels erforschen wollte und sogar von daheim noch mit meinem Biologielehrer deswegen telefoniert habe?

Doch nicht nur das Denken ist betroffen: Genauso verspürt der HPS tiefere Gefühle und Empathie für andere Lebewesen. Ein hochsensibler Mensch kann in tiefe Trauer verfallen, wenn er von einem tragischen Schicksalsschlag eines ihm Fremden erfährt. Das ist nicht ungewöhnlich.

© stokkete - fotoliaAuch der Arbeitsalltag oder Beziehungen können sich für Hochsensible oft zu einer Belastungsprobe entwickeln. (© stokkete - fotolia)Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an einen Radiobericht vor vielen Jahren über das Sterben einer Hummel. Dieser Bericht hat mich zutiefst bewegt, wenngleich jeder Verstand sagt „Na und? Ist doch nur eine Hummel – wen kümmert‘s?“.

Entsprechend der vielen Bewegungen auf mentaler Ebene fallen die Träume eines HSP häufig sehr lebhaft aus. Die mentale Agilität führt dazu, dass ein Hochsensibler sehr differenziert und reflektiert durch den Alltag geht. Deshalb wirkt ein von Hochsensibilität Betroffener auf andere eher zurückhaltend und vorsichtig. 

Die Übererregung oder Übererregbarkeit führt in vielen Fällen

  • zu Nervosität
  • einem chronischen Stresserleben
  • grundsätzlich zu einem hohen Stresslevel

Der Stress entsteht aus dem Zuviel an Sinneseindrücken. Es ist in erster Linie nicht die Aufgabe an sich, die Stress erzeugt. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade bei den sogenannten High Sensation Seekern – dazu weiter unten mehr – ist der Grat zwischen Übererregung und Untererregung sehr schmal. Die Folge des chronischen Stresserlebens ist auf rein organischer Ebene logisch: Die Nebennieren sind tendenziell erschöpft mit entsprechenden Auswirkungen auf den Schlaf. Die Betroffenen leiden unter Schlafproblemen und chronischer Müdigkeit. 

Die emotionale Intensität führt beim HSP dazu, dass er die gesamte Bandbreite aller Gefühle kennt und auslebt. Genauso sind seine Reaktionen auf Gefühle anderer sehr stark ausgeprägt. Der Betroffene macht jedoch häufig die Erfahrung, dass andere mit seiner intensiven Emotionalität nicht gut umgehen können. Aus diesem Grund macht sich ein Hochsensibler oft Sorgen wegen seines eigenen Verhaltens und seiner Wirkung auf andere.

Oft fragt sich ein Betroffener, ob er nicht sein Gegenüber mit Gefühlen überrennt. Und es ist einfach nicht angenehm, als „Dramaqueen“ von anderen abgestempelt zu werden. Hochsensible Menschen sollten aufgrund ihrer Emotionalität auch ihren medialen Konsum kritisch hinterfragen: Horrorfilme, Krimis, Reportagen aus Kriegsgebieten o. Ä. können den Betroffenen nachhaltig mitnehmen. Die Gefahr, zu sehr mitgerissen zu werden, ist gegeben. 

Schließlich ist die sensorische Empfindlichkeit typisch für einen HSP. Diese ist jedoch sehr individuell ausgeprägt: aufmerksames Umschauen, ein enger Wohlfühltemperatur-Korridor, Schmerzempfindlichkeit und auch die Neigung zu Allergien aufgrund der Überempfindlichkeit des Immunsystems sind lediglich einige Beispiele.


3. Klassische Zusatzmerkmale

Der Vollständigkeit halber will ich auch die nachfolgenden typischen Zusatzmerkmale aufführen. Sie allein weisen nicht auf Hochsensibilität hin. In Kombination mit den zuvor genannten Phänomenen können sie den Verdacht auf Hochsensibilität jedoch unterstützen: 

Bei hochsensiblen Menschen ist insgesamt die Entwicklung eher verlangsamt, tendenziell werden auch erste sexuelle Erfahrungen später gemacht als im Durchschnitt. „Spätentwickler“ sagt man im Allgemeinen gern. Es besteht oft eine Therapie-Historie, da die spürbaren und beobachtbaren Phänomene gern als Erschöpfung, Stressbelastung oder Depression gedeutet werden. Meist werden die Therapien jedoch abgebrochen, da diese eben nicht auf die eigentliche Ursache ausgerichtet sind.

Berufliche Schwierigkeiten sind nicht ungewöhnlich: Sei es, weil mehr Pausenzeiten benötigt werden, weil die Konzentration wegen der Übererregung dauerstrapaziert ist oder weil im menschlichen Miteinander Probleme entstehen. Überarbeitung und Unbefriedigung am Arbeitsplatz sind nicht ungewöhnlich.

Ein problematisches Miteinander ist auch in Beziehungen zu beobachten: Manch Hochsensibler empfindet übermäßigen Druck durch den Partner und erlebt subjektiv zu wenige Freiräume in der Beziehung.

Mit Blick auf die High Sensation Seeker kann auch der drängende Wunsch nach Ablenkung mit anderen, zusätzlichen Partnern relevant werden. Es ist typisch, dass der HSP wenig Selbstfürsorge betreibt, sich zu wenige Auszeiten nimmt und mehr beim jeweils anderen und dessen Bedürfnissen ist (sowohl privat als auch beruflich). Die Empfindlichkeit gegenüber Genussmitteln wird gern ignoriert. Dieser Umstand wird gegebenenfalls durch ein schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl gefördert.


4. Sonderfall „High Sensation Seeker“ (HSS)

Nachdem ich sie bereits mehrfach erwähnt habe, lassen Sie uns nun einen Blick auf die High Sensation Seeker (HSS) werfen: Während die meisten Hochsensiblen eher zurückhaltend und still sind, lieben die HSS die Bühne – sowohl im realen als auch im übertragenen Sinn. Bitte übersetzen Sie den englischen Begriff „Sensation“ nicht mit dem deutschen Wort „Sensation“. Passender ist der Begriff „Reiz“. Ein großer Reizhunger ist bei dieser Untergruppe der HSP zu beobachten. Sie brauchen das Neue und Unbekannte und zeigen sich und das, was sie geschaffen haben, gerne.

Es ist egal, ob es sich um die Präsentation eines kreativen Ausdrucks handelt (Musik, Schauspiel, Malerei etc.) oder um Wissenspräsentation (Redner, Dozenten etc.). Die HSS lieben die Interaktion mit dem Publikum, gehen dabei aber auch teilweise über ihre Grenzen und erschöpfen sich mit der Konsequenz, dass sie sich außerhalb des Berufes eher zurückziehen.

Ein HSS muss übrigens nicht extrovertiert sein: Als Beispiel erzähle ich Ihnen von einem männlichen HSS: Er ist von Beruf Feuerwehrmann, ist also permanent neuen Reizen ausgesetzt, und hat sich eine Auszeit genommen, um alleine für sechs Monate auf einen Abenteuertrip nach Neuseeland zu gehen.


5. Keine Krankheit, sondern eine Gabe

Wenn Sie all die beschriebenen Phänomene vor Ihrem inneren Auge Revue passieren lassen, dann vergessen Sie bitte nicht, dass jeder Hochsensible ein Individuum ist und das Phänomen Hochsensibilität immer individuell ausgeprägt ist. Genauso wichtig ist das Verständnis dafür, dass Hochsensibilität keine Krankheit, sondern eher als Gabe zu verstehen ist.

Das Phänomen lässt sich nicht behandeln, sodass es irgendwann verschwindet. Vielmehr gilt es zu lernen, mit dem Phänomen gut zu leben und wohlmöglich die Lebensumstände und/oder den Alltag anzupassen.

© WavebreakMediaMicro - fotoliaSie können viel in Ihrem Alltag tun, um besser mit der Hochsensibilität umzugehen. (© WavebreakMediaMicro - fotolia)6. Abgrenzung zu Krankheiten oder anderen Persönlichkeitszuständen

Bevor wir auf Ideen schauen, um mit Hochsensibilität besser zurecht zu kommen, lassen Sie uns in die Abgrenzung gehen: 

Hochsensibilität ist nicht gleichzusetzen mit:

  • Schüchternheit: Diese ist antrainiert.
  • Depression: Bei einem depressiven Menschen gab es auch eine andere Zeit ohne Symptome.
  • Erschöpfung: Auch hier gilt, dass es eine andere, erschöpfungsfreie Zeit gab.
  • Traumatisierung: Ein Trauma bedingt eine schlagartige Verhaltens- und Wesensveränderung, wofür ein Auslöser identifizierbar ist.
  • ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom): Einem Hochsensiblen geht es gut, solange das Reizniveau auf einem angenehmen Level ist.
  • Angststörung, Soziophobie: Hochsensibilität bezieht sich nicht auf eingeschränkte Lebensbereiche. Es gibt kein „Vorher war es anders.“ Ein Hochsensibler verspürt keine unpassenden Ängste.

7. Wunsch-„Diagnose“ Hochsensibilität

Und wieder vergessen Sie bitte nicht: Das Phänomen „Hochsensibilität“ ist keine Krankheit. Manch einer wünscht sich dennoch die „Diagnose“. Das Symptombild ist Stand heute in gewissen Kreisen „in“. Andererseits gibt es aber auch Menschen, die Hochsensibilität grundsätzlich negativ sehen, denn heute zählen Kompetenzen wie Kraft, Schnelligkeit, Stärke und Multitasking.

Wie wir gesehen haben, kann ein HSP hier nur begrenzt mithalten. Seine Fähigkeit zum tieferen Wahrnehmen, Erkennen hochkomplexer Kausalketten, zur Intimität und zum intensiven Zuhören wird in vielen (leistungs-)gesellschaftlichen Zusammenhängen, egal ob privat oder beruflich, nicht gefordert oder sogar abgelehnt.


8. Was tun, wenn man betroffen ist?

Sollten Sie das Gefühl haben, hochsensibel zu sein, gebe ich Ihnen als erstes eines mit auf den Weg: Sie sind nicht verrückt. Genau das ist es, was oft in Coachings oder in Therapiestunden von einem hochsensiblen Menschen auf den Tisch kommt: Die Vermutung, selbst verrückt zu sein, weil man sich als anders erlebt. Wenn ich mit HSP arbeite, gibt es nie den einen Lösungsweg. So unterschiedlich die Menschen, so vielfältig die Werkzeuge.

Generell gilt es, passende Coping-Strategien zu entwickeln unter der Fragestellung: Wie bewältige ich das, was mich belastet? Die Betroffenen sollten

  • lernen, Lärm durch sich durchfließen zu lassen
  • den Alltag passend(er) gestalten
  • bewusst Auszeiten suchen (im Alltag für einige Minuten oder auch durch Kurzurlaube)
  • trainieren, sich selbst aktiv zu beruhigen
  • den Wert von Selbstfürsorge erkennen und den eigenen Selbstwert stärken
  • Achtsamkeit üben
  • das Arbeitsfeld hinterfragen
  • ihre Potenziale ausleben im Beruflichen (hierzu zählen: Kreativität, Gewissenhaftigkeit, Erspüren emotionaler Zustände bei Einzelnen / Gruppen etc.)
  • berufliche Strukturprobleme lösen (raus aus dem Großraumbüro, Stillarbeitsmöglichkeiten gestalten, Leistungsdruck minimieren, Stundenreduktion etc.)
  • die Möglichkeit zur beruflichen Selbständigkeit prüfen

Für jeden von Hochsensibilität Betroffenen ist es entscheidend, das anzunehmen, was er an sich an besonderen Phänomenen erlebt. Das ist die größte Herausforderung überhaupt und zugleich enorm wichtig. Sie können durch die Hochsensibilität viel gewinnen und zugleich heißt es auch, sich auf das gelassener einzulassen, wo es stressig oder erschöpfend wird.

Häufig verändert ein HSP, mit dem ich arbeite, am Ende doch in großen Teilen oder grundlegend seinen Alltag. Es braucht Zeit, passende Alternativen zu entwickeln und auszuprobieren.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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