Wie nimmt man dem Patienten die Angst vorm Zahnarzt?

Dr. M.Sc. Strohkendl

© benik.at - fotoliaEntscheidend ist die Motivation des Patienten, um ihm die Zahnarztangst zu nehmen (© benik.at - fotolia)Es gibt vermutlich niemanden, der gerne zum Zahnarzt geht. Von Zahnarztangst spricht man jedoch erst, wenn der Patient wirkliche Angstzustände wegen des Zahnarztbesuchs hat. Laut Statistik meiden ca. 10% aller deutschen Einwohner unter der Begründung Angst den Zahnarztbesuch und suchen oft Jahre – oder Jahrzehnte lang keinen Zahnarzt auf. Jeder 10. Bürger unseres Landes!

Zahnarztangst führt häufig zu schmerzhafteren Behandlungen

Doch genau dieser Personenkreis beschwört durch die Vermeidungsstrategie Situationen herauf, bei welchen Therapien notwendig werden, die selbst bei faktischer Betrachtung Unbehagen auslösen. Oft kommt es zu ungeplanten Terminen oder Notdienstbehandlungen, die ausschließlich der Schmerzlinderung dienen und nicht als Langzeittherapie fungieren. Beide stellen keine angenehme Behandlungssituation dar, bei dem auf die Ängste des Patienten eingegangen werden kann.

Interessant ist, dass bei dieser "Vermeidungsstrategie" als Begründung die Angst vor Schmerz als häufigstes genannt wird. Oftmals sehe ich dann Zustände, von denen ich weiß, dass der Patient durch Behandlungsvermeidung deutlich mehr Schmerzen ertragen hat, als wenn es zu einer Behandlung gekommen wäre.

Doch logische Erklärungen helfen hier nicht weiter, denn das größte Problem ist das "Kopfkino". Dieses setzt ein, wenn ein Wort, eine Geste, ein Instrument, ein Geräusch, ein Geruch oder ähnliches, also ein Trigger, auftritt und ungebremst einen Film nach sich zieht. Der Zahnarzt kann darüber nur Vermutungen anstellen, den eigentlichen „Film“ des Patienten kennt er nicht.

Eine starke Betäubung als Lösung?

Eine beliebte Problemlösung stellt ganz nach dem Motto „Hauptsache nichts mitbekommen“ das Thema Sedierung mit Lachgas oder gar Narkosebehandlungen dar. Allerdings beeinflusst diese Behandlung in keiner Weise das eigentliche Problem, also das Kopfkino. Im Gegenteil: es wird eher verstärkt und versetzt den Patienten in eine Abhängigkeit. Zwar ist die ständige Wiederholung solcher Behandlungen möglich, aber wegen des Aufwands und der körperlichen Belastung wird die Therapie lieber hinausgezögert, bis sich wieder „ genügend“ Probleme angesammelt haben. Dass der Warteprozess nicht schmerzfrei verläuft, ist selbstredend und somit ist der Patient in einer Spirale gefangen, die sich immer weiter nach unten dreht! Daran ändert sich nichts, solange nur Reparaturen durchgeführt werden und Dritte die Verantwortung tragen. Erst wenn der Patient erkennt, dass er selbst für den Erhalt von gesunden Zähnen verantwortlich ist, treten positive Entwicklungen auf.

Der erste Schritt: eine große Motivation zur Veränderung

Im Vordergrund muss also immer die Veränderung stehen und hierzu ist ein Motivator nötig. Dies ist in den seltensten Fällen Gesundheit oder Schmerzfreiheit. Am häufigsten nennen Patienten den neuen Partner oder vielleicht die Tatsache, dass der Partner einen verlassen hat und man jetzt wieder "auf dem Markt" ist und gleichzeitig erkennt, dass der "Marktwert" gefallen ist. Es kann aber auch die Verantwortung für Kinder sein, die mit diesem Problem nicht konfrontiert werden sollen. Zum einen geht es dabei um die bakterielle Übertragung und zum anderen darum, dass sich Kinder vor ihren Freunden oder deren Eltern nicht schämen sollen. Nicht zuletzt stellt auch ein Job einen guten Motivator dar, denn manchmal muss man etwas darstellen oder möchte einen neuen Job, der aufgrund des Lächelns verwehrt wird.

Der Motivation liegt zu Grunde, dass in unserer Gesellschaft die Toleranzschwelle für schlechte Zähne deutlich gesunken ist. Dies gilt allerdings nur in Ländern, in denen Zahnheilkunde einen hohen Stellenwert genießt. Bei meiner Arbeit im brasilianischen Regenwald stellte ich fest, dass dort zerstörte oder ausgebrochene Zähne gesellschaftlich gar keine Rolle spielen, es darf eben nur nicht zur Infektion kommen. Auch in weiten Teilen Asiens z.B. in Thailand gewinnt die Formulierung "das Land des Lächelns" eine andere Bedeutung als jene, die uns hier zu Lande in Hochglanzmagazinen vorgegaukelt wird. Zahnlosigkeit oder durch Kauen der Betelnuss verfärbte und zerstörte Zähne sind hier keine Seltenheit.

Die richtige Motivation ist der Katalysator für die Behandlung. Dann fällt es vielen Patienten leichter, die Therapie über sich ergehen zu lassen. Ich darf schon vorweg nehmen, dass ich in den letzten 20 Jahren nur einen einzigen Angstpatienten mit einer Narkose behandelt habe, alle anderen Angstpatienten haben das Prinzip verstanden und es entschieden sich für eine ganz normale Therapie. Alle sind rundum zufrieden und vor allem auch stolz darauf, die Behandlung gemeistert zu haben. Viel wichtiger ist jedoch, dass alle ihre Einstellung zu ihren Zähnen geändert und somit den "Reparaturkreislauf" unterbrochen haben. Viele dieser Patienten sehe ich heute noch und manchmal schmunzeln wir zusammen über die alten Ängste, die aus heutiger Sicht nicht mehr nachzuvollziehen sind.

Der Behandlungsbeginn: Was ist jetzt und wie soll es werden?

Zuerst erstellt der Zahnarzt eine Übersicht des Status quo und präsentiert diesen dem Patienten faktisch, vollständig und unbewertet. Meist haben Angstpatienten einen viel zu schlechten Eindruck von ihren Zähnen. Nicht selten höre ich Aussagen wie "am besten sollten wir alle entfernen" o.ä. Da es in der Regel trotzdem viel zu tun gibt, sollte die Gesamtaufgabe in kleine, überschaubare Schritte eingeteilt werden.

Wichtig ist, dass der Patienten eine solide, umsetzbare und vor allem auch einfach zu pflegende Endsituation erreicht. Wenn der Angstpatient den Umfang ermessen kann und der Aufwand kein Schreckgespenst mehr darstellt, wenn er sich die Endsituation vorstellen kann und sie vor allem als Lösung seiner persönlichen Probleme sieht, dann ist die Compliance gesichert und der Pakt geschlossen.

Entscheidend ist das Vertrauen zwischen Patient und Zahnarzt

Für die Durchführung versuche ich dem Patienten anhand von bekannten Beispielen zu erläutern, was und vor allem wie lange er etwas aushalten muss. Wenn ich z.B. mit den Fingernägeln die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger zwicke, löst dies einen Schmerz aus (Äquivalent für die Anästhesie). Wenn der Patient diesen Schmerz für 5 Sekunden ertragen kann, dann ist der "Vertrag" geschlossen. Wenn daraufhin genau dies vom Patienten empfunden wird und die Zeitangabe stimmt, steigt die Glaubwürdigkeit, dass ich als Behandler weiß, was der Patient empfindet und schon sind wir mitten in der Behandlungssituation. Die Ungewissheit oder das "ausgeliefert sein" schürt die Angst, das Wissen und das Vertrauen nimmt sie! Das führt dazu, dass der Betroffene von einer Therapiesitzung zur nächsten weiter auf der Motivationswelle mitschwimmt, denn alles wird von ihm so erlebt, wie ich es ja schon einmal erwähnt hatte, meist sogar besser.

Der alte Spruch, den vor allem Eltern ängstlicher Kinder verwenden "das tut doch gar nicht weh" ist schlichtweg gelogen und für diese Lüge werden wir mit Misstrauen bestraft. Deshalb muss klar werden, dass der Behandler gar nicht der Verantwortliche für die Misere im Mund ist. Er ist vielmehr derjenige, der durch Hilfestellung aus zahnmedizinischer Sicht zu besseren Zähnen verhilft, aus Patientensicht aber zu einer neuen Partnerschaft, einem neuen Job oder mehr Selbstvertrauen. Dann ist eine Vertrauensbasis geschlossen und Zahnärzte arbeiten nicht mehr als Gegner sondern als Teamplayer. Ob die Behandlung nun zu Ende geführt wird oder nicht, hängt nicht von dem Behandler ab, sondern von der authentischen Umsetzung des Konzepts.

Die dargestellte Therapieform hilft natürlich nur Patienten, die sich vor den Schmerzen ängstigen oder andere zahnmedizinische Sorgen haben. Hat man es mit Betroffenen zu tun, die beispielsweise die hohen Kosten fürchten, ist es am Zahnarzt, ihnen diese Angst zu nehmen. Dazu suchen Arzt und Patient gemeinsam nach einer Lösung für eine möglichst kostengünstige Behandlung.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (1)


22.03.2016 - 14:44 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren, ich hätte da zwei...

von Eberhardt K.

... Fragen: Sind auch kassenpatienten erwünscht oder nur Privatversicherte? Wie lange ist die Wartezeit bei Ihnen für eine Behandlung? Vielen Dank im Voraus. Eberhardt K.

Dr. M.Sc. Strohkendl

Antwort vom Autor am 22.03.2016
Dr. med. dent. M.Sc. Paul Robert Strohkendl

... bei uns ist primär jeder willkommen der ein zahmedizinisches Anliegen hat, um welches ich mich kümmern soll. Da ich auch sehr viele internationale Patienten, mit sehr verschiedenen Versicherungssystemen betreue, fokusieren wir uns auf die gewünschte Medizin und dann wird geschaut, ob die Versicherung diese Art subventioniert. Ich habe bemerkt, dass jede Versicherung unterschiedliche Ziele verfolgt, die selten etwas mit medizinischen Zielen gemein haben. Termine werden individuell mit Ihnen telefonisch vereinbart, Sie werden sehen, dass es unter Umständen schneller geht, als Sie es sich vorstellen wollen. Wir würden uns auf Ihren Anruf freuen.


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