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Wenn wir uns durch Schutzreflexe an Schmerz gewöhnen: So werden Sie schmerzfrei und beweglich!

Frau Muhr

von
verfasst am

© Picture-Factory - fotoliaReflexe sorgen für Muskelverspannungen, die sich häufig zu Gewohnheiten entwickeln können. (© Picture-Factory - fotolia)Stress und Muskelverspannungen sind die täglichen Begleiter vieler Menschen. Stress ist laut dem Arzt und Forscher Hans Selye (1907-1982) die unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Art von Anforderung. Diese Anforderungen sind vielfältig und werden gefühlt jeden Tag mehr. Unsere Körper müssen also ständig reagieren und sich anpassen. Wie gut oder schlecht ihnen das gelingt, zeigt sich in den Beschwerden und Schmerzen, die wir haben.


Schutzreflexe bestimmen unser Leben

Als Reaktion auf Stress schüttet unsere Nebenniere Hormone aus: Adrenalin und Noradrenalin. Gleichzeitig wird das autonome Nervensystem und dadurch die Muskulatur aktiviert.

Hans Selye unterschied zwei Formen des Stresses: positiv empfundener „Eustress“ und negativer „Distress“. Wir reagieren auf beide mit ganz typischen Reflexmustern. Thomas Hanna (1928-1990) beschrieb diese Muster ausführlich in seinem Buch „Beweglich sein - ein Leben lang“. So ist der Stopp-Reflex eine Rückzugsreaktion, die vornehmlich auf der vorderen Körperseite abläuft.

Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde reagieren Menschen auf einen unerwarteten Knall mit dem Zusammenziehen von Kiefermuskeln, Augen und Stirn. Schulter- und Nackenmuskulatur erhalten den Nervenimpuls, die Schultern anzuheben und den Kopf nach vorne zu bringen. Die Bauchmuskeln kontrahieren und bringen den Brustkorb nach unten. Der Körper wird somit zusammengezogen, als erster Schutz für seine empfindlichen Organe. Diese Reaktion läuft extrem schnell und unwillkürlich bei Schreck und Angst ab: also ohne, dass wir sie beeinflussen können.

Der Stopp-Reflex hat den Zweck, uns in gefährlichen Situationen zu schützen. Dieser eigentlich wertvolle Schutzreflex findet nun aber bei ständigem Stress, Sorgen und Ängsten permanent statt und verliert dadurch seinen Sinn. Dauerhafter Stress führt somit zu unablässig angehobenen Schultern. Im Resultat zeigen sich als erstes chronische Verspannungen in der Hals- und Nackenmuskulatur.

Später kommt dann eine gebeugte Körperhaltung hinzu, da auch der gerade Bauchmuskel dauerhaft angespannt ist. Der uns eingebläute Satz „zieh den Bauch ein“ macht es auch nicht besser, da auch das eine ständige Anspannung der Muskulatur bewirkt. Chronisch angespannte Bauchmuskeln verhindern die tiefe Bauchatmung und sie können zu Verstopfung und Blasenproblemen führen.


Gewöhnung führt zum Vergessen des normalen Zustands

Permanent ablaufende Reflexe führen zur Gewöhnung. Thomas Hanna schreibt: „Gewöhnung ist die einfachste Form des Lernens“. Sie ist die Reaktion auf eine ständige Wiederholung. Dieser Anpassungsvorgang prägt sich in die Funktionsmuster des Zentralen Nervensystems ein.

Ständiger negativ empfundener Stress, Zeitdruck und Ängste hinterlassen somit eine gewohnheitsmäßige Muskelanspannung in verschiedenen Körperregionen. Die dadurch wiederum eingeschränkte Atmung löst erneuten Stress aus, sodass ein Teufelskreis entsteht und Herzkreislauferkrankungen entstehen können.

© WavebreakMediaMicro - fotoliaDer gewöhnte Schmerz kann mit Entspannungsübungen auch wieder entlernt werden. (© WavebreakMediaMicro - fotolia)Durch diese Gewöhnung vergessen viele Patienten irgendwann das Gefühl, wie es denn anders - also normal - ist. Permanente, unbewusste Muskelanspannungen führen zu eingeschränkten Bewegungsmustern und zu Schmerzen. Denn wir verlernen in diesem Zustand langsam das Gefühl des entspannten Muskels.

Das sensorische System, das für die Verarbeitung von Sinneseindrücken zuständig ist, erhält fortwährend die Information: „Muskel ist angespannt“. Bald wird das als Regelzustand empfunden. Somit vergessen bestimmte Muskelgruppen das Gefühl vollständiger Entspannung. Das wird als „sensomotorische Amnesie“ bezeichnet.


Entspannung neu lernen und Beweglichkeit zurückerlangen

Die erfreuliche Nachricht ist, dass der Erinnerungsverlust auch wieder zurückgedreht werden kann. Genauso, wie wir uns nicht mehr an alle in der Schule gelernten Vokabeln einer Fremdsprache erinnern, fällt das Reden in dieser Sprache auf einmal leichter, wenn wir uns in einem Land befinden, in dem diese Sprache gesprochen wird. Es geht irgendwann ganz einfach und die vergessenen Wörter sind auf einmal wieder da.

So reaktiviert auch ein kleiner Input in der richtigen Form die mangelnde Erinnerung an den entspannten Muskel. Durch bestimmte Übungen können wir auch nach Jahren erreichen, dass Muskeln loslassen. Da die Amnesie „erlernt“ ist, kann sie auch wieder verlernt werden. Es geht also darum, erlernte Haltungen und Verspannungen zu verlernen und einmal Erlerntes - die Entspannung - neu zu lernen.

Steifheit und Unbeweglichkeit betrachten wir fälschlicherweise als Folge des „Alterns“. Die begrenzte Bewegungsfähigkeit ist jedoch das Ergebnis einer eingeschränkten Körperwahrnehmung. Was wir sensorisch nicht mehr erfassen, können wir motorisch auch nicht mehr ansprechen. Begrenzte Bewegungsfähigkeit entsteht. Muskeln, die wir nicht mehr bewusst anspannen können, können wir aber nicht mehr entspannen. Begrenzte Entspannungsfähigkeit führt zu Schmerzen.

Als Weiterentwicklung der neurologischen Forschungen von Moshe Feldenkrais (1904-1984) erarbeitete Thomas Hanna seine eigene Therapieform. Sie wird in Deutschland von seiner Schülerin Beate Hagen gelehrt und heute unter anderem von Heilpraktikern und Ärzten angewandt.

Diese Methode zielt darauf, die sensomotorische Amnesie einzelner Muskeln oder Muskelgruppen zu lösen. Beweglichkeit ist, wie der Buchtitel von Thomas Hanna sagt, bis ins hohe Alter möglich. Das Bewusstsein für die sensomotorischen Zusammenhänge schafft dafür eine Voraussetzung.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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