Unbekannte Volkskrankheit CMD: Warum eine interdisziplinäre Diagnostik und Therapie notwendig ist

Dr. Panitz

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© Daisy DaisyCMD kann für Schmerzen am Kiefer, jedoch auch an anderen Körperteilen, verantwortlich sein (© Daisy Daisy)CMD-Erkrankungen sind Funktionsstörungen des Kiefers, die Schmerzen im Kopfbereich, aber auch in anderen Körperregionen wie im Hals-Schulterbereich auslösen können. Die Skala der Beschwerden erstreckt sich von einer fast schmerzlosen Beeinträchtigung der Beweglichkeit des Unterkiefers bis hin zu heftigen Schmerzattacken.

Wie macht sich eine CMD bemerkbar?

Typisch sind einseitige Schmerzen, die in folgende Regionen ausstrahlen können

  • Ober- und Unterkiefer
  • Ohr
  • Zähne
  • Zunge
  • Augenhöhle
  • Schläfen- und Stirnregion
  • Hals- und Schultermuskulatur

Sie werden als wechselnd stechend, dumpf oder einschießend beschrieben.

Die Abgrenzung zu anderen Schmerzen wie Spannungskopfschmerz, Clusterkopfschmerz oder Migräne ist schwierig. Die häufigste Fehldiagnose lautet "Trigeminusneuralgie".

Neben den Schmerzen ermüdet und verhärtet sich die Muskulatur beim intensiven Kauen. Dadurch wird die Unterkieferbeweglichkeit eingeschränkt. Teilweise entstehen schmerzhafte Knack- oder Reibegeräusche bei der Kieferbewegung.

Häufig sind auch Symptome, die man nicht gleich mit den Zähnen in Zusammenhang bringt, z.B. Ohrgeräusche oder ein Gefühl, als ob Watte in den Ohren sei.

Bei einer CMD werden aber auch viele andere orthopädische Beschwerden genannt, z.B. Rücken- und Hüftschmerzen. Sogar internistische Erkrankungen im Darmbereich oder im Zusammenhang mit dem Herzen werden diskutiert.

Man schätzt, dass etwa 30 % der Bevölkerung Symptome einer CMD-Erkrankung haben. Etwa jeder Zehnte ist therapiebedürftig. In Deutschland wären das etwa drei Millionen CMD-Patienten.

Frauen sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Männer. Die CMD wird üblicherweise im zweiten bis fünften Lebensjahrzehnt diagnostiziert. Durch den zunehmenden Stress, dem wir alle in Schule und Beruf ausgesetzt sind, nimmt die Anzahl der CMD-Patienten derzeit stark zu.

© fotolia - Igor MojzesIhr Zahnarzt ist der richtige Ansprechpartner für Schmerzen am Kiefer (© fotolia - Igor Mojzes)Was ist eine CMD?

CMD ist die Abkürzung für Craniomandibuläre Dysfunktion. Cranium ist der Schädel, Mandibula ist der Unterkiefer. Und wenn dieses Zusammenspiel zwischen Ober- und Unterkiefer nicht richtig funktioniert, dann kann eine Craniomandibuläre Dysfunktion mit allen ihren vielfältigen Symptomen auftreten.

Das Zusammenspiel zwischen Ober- und Unterkiefer entsteht vor allem durch den Biss. Jetzt erklärt sich auch, warum Zahnärzte die Hauptbehandler bei CMD-Erkrankungen sind.

Die CMD ist wie ein Chamäleon. Die Symptome sind vielfältig, zahlreich und haben oft scheinbar gar nichts mit dem Biss zu tun. Dadurch ist die CMD-Erkrankung sehr komplex, schwer zu diagnostizieren und aufwendig zu behandeln. Wegen dieser vielfältigen Symptomatik wird die CMD in den USA auch "the big imposter", also " der große Betrüger" genannt.

Wie kann eine CMD erkannt werden?

Viele Symptome, die auf eine CMD-Erkrankung hinweisen, finden wir auch bei anderen Krankheitsbildern.

In erster Linie sind es Schmerzen, die regelmäßig oder gar chronisch im Kiefer-Gesichtsbereich oder im Kopfbereich bestehen. Insbesondere Kopfschmerzen, die bereits morgens beim Aufstehen auftreten, sind hier verdächtig. Sie weisen auf eine starke nächtliche Knirscher-Aktivität hin.

Dieses Zähneknirschen ist ebenfalls ein starker Hinweis auf eine CMD-Erkrankung. Beim Blick in den Spiegel kann man oft selbst feststellen, dass die oberen und die unteren Zähne durch das Knirschen kürzer werden. Die Zahnkanten passen nach einiger Zeit beim Knirschen so exakt aufeinander wie ein Schlüssel ins Schloss.

Die großen Kräfte, mit denen geknirscht wird, machen im Laufe der Zeit nicht nur die Zähne kaputt, sondern belasten auch die Kopfmuskeln, was zu Kopfschmerzen führt. Sie lösen auf Dauer an den Kiefergelenken auch eine oft schmerzhafte Arthrose aus.

Wer behandelt eine CMD?

Die Behandlung der CMD ist eine multidisziplinäre Aufgabe. Das bedeutet, dass mehrere medizinische Fachrichtungen an der Therapie beteiligt sind. Die CMD-Behandlung ist also fast immer Teamarbeit.

In erster Linie sind die Behandler Zahnärzte oder Kieferorthopäden, die sich meist auf die CMD-Therapie spezialisiert haben. Zahnärzte, die zentrale Ursachen der CMD behandeln könnten, sind allerdings aufgrund fehlender Lehrinhalte im Rahmen der schulmedizinischen Ausbildung oft mit CMD-Patienten überfordert.

Behandlungsmittel sind in erster Linie Aufbissschienen, mit denen der Zahnarzt nach einer ausführlichen Diagnostik den neu geplanten Biss ausprobieren kann.

© fotolia - KurhanCMD kann mit verschiedenen Therapien behandelt werden. (© fotolia - Kurhan)Weitere Möglichkeiten sind kieferorthopädische Behandlungen wie Zahnspangen oder auch Zahnersatzmaßnahmen, also Zahnkronen, Brücken oder Zahnprothesen, die in der neuen therapeutischen Bisssituation hergestellt werden.

Zum Team der Behandler gehören sehr häufig auch Physiotherapeuten, die mithilfe manueller Therapien die Stellung des Kiefers verbessern und die Fehlhaltungen ausgleichen.

Oftmals müssen auch Orthopäden in das Behandlungskonzept einbezogen sein, weil Haltungsprobleme bestehen, die z.B. durch Ganganalysen, Rückendiagnostik oder Einsatz orthopädischer Einlagen diagnostiziert und im Rahmen einer gemeinsamen Therapie behandelt werden müssen.

Weitere Behandler anderer Fachdisziplinen sind HNO-Ärzte, Logopäden, Schmerztherapeuten und Psychotherapeuten. Eine langjährige Karriere als nicht erkannter CMD-Patient hat schon so manche Psyche belastet.

Der Psychotherapeut steht dann oft am Ende einer längeren Überweisungskette. Weil aber die Ursache der CMD eine organische Komponente hat, ist der Psychotherapeut als alleiniger Behandler ebenfalls überfordert.

Wird eine CMD-Therapie von den Krankenkassen bezahlt?

Private Krankenversicherungen oder Beihilfestellen erstatten in der Regel einen Großteil der Behandlungskosten, wenn eine medizinische Notwendigkeit festgestellt wird.

Gesetzliche Krankenversicherungen zahlen ebenfalls bestimmte Kosten der Behandlung, zum Beispiel im Bereich der Therapie mit zahnärztlichen Aufbissschienen und der begleitenden Physiotherapie.

Allerdings werden durch Bestimmungen des Sozialgesetzbuches bestimmte funktionsdiagnostische oder funktionstherapeutische Leistungen ausdrücklich von der Erstattung ausgenommen. Hier haben die gesetzlichen Krankenversicherungen also aufgrund einer gesetzlichen Vorgabe keine Möglichkeit, ihren Versicherten einen Zuschuss zu diesen Behandlungskosten zu gewähren.

Bei privaten Zahn-Zusatzversicherungen empfiehlt es sich zu prüfen, ob die Kosten für Funktionsanalyse oder Funktionstherapie im Rahmen der gewünschten Tarife erstattet werden.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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