Was ist die "Schaufensterkrankheit"? Symptome, Diagnose und Therapie

Dr. Maria Niki Aigyptiadou

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© gbh007_iStockBei der Schaufensterkrankheit die Beinarterie stark verengt, was zu Durchblutungsstörungen führt (© gbh007_iStock)Nein, es geht hier nicht um Shopping-Wahn, sondern um eine Erkrankung der Beingefäße mit gefährlichen Folgen. Lesen Sie hier, was die Schaufensterkrankheit ist, wie sie entsteht und sich äußert, welcher Arzt Ihnen helfen kann und was Sie selbst tun können.

Definition: Gefäßverengung im Bein

Die ,,Schaufensterkrankheit’’, auch periphere arterielle Verschlusskrankheit genannt, ist die starke Verengung einer Beinarterie, die durch Arteriosklerose verursacht wird. Die Schaufensterkrankheit signalisiert eine erhöhte arteriosklerotische Belastung aller Arterien des Körpers. Sie ist selbst ein Risikofaktor für Herzinfarkt oder Schlaganfall, weil alle 3 Erkrankungen dieselbe Ursache haben. 

In Deutschland sind 4,5 Millionen Menschen von der Schaufensterkrankheit betroffen. Die Patienten haben ein 4-fach erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden und ein 2- bis 3-fach erhöhtes Schlaganfall-Risiko.

Die periphere arterielle Verschlusskrankheit kommt besonders bei älteren Menschen über 65 Jahre vor. Männer haben in der Regel ein höheres Risiko als Frauen.

Ursachen und Risikofaktoren: Wenn sich Fette in den Arterien anlagern

Die Schaufensterkrankheit entsteht, wenn sich Blutfette und andere Subtanzen an der inneren Arterienwandschicht einer Beinarterie anlagern. Wird so eine Fettablagerung groß genug, wölbt sie sich in das Gefäßinnere, das sich verengt, und eine sogenannte Stenose hervorruft. Dadurch wird die Durchblutung des Beines behindert, das auf diese Arterie angewiesen ist.

Die Durchblutungsstörungen führen zur mangelhaften Versorgung der betroffenen Beinmuskeln mit Sauerstoff, so dass ihre Funktion beeinträchtigt wird und Beschwerden entstehen.

Die Risikofaktoren sind:

  • Bluthochdruck
  • Zuckerkrankheit
  • hohe Cholesterinwerte
  • Rauchen
  • fortgeschrittenes Alter
  • früherer Herzinfarkt oder Schlaganfall

Nur selten wird die Arteriosklerose vererbt.

© blas - fotoliaDie Schaufensterkrankheit äußert sich durch einseitige Schmerzen im Bein (© blas - fotolia)Symptome: Beinschmerzen und Bewegungseinschränkung 

Die Schaufensterkrankheit äußert sich mit einseitigen Schmerzen in Unter- oder Oberschenkeln oder dem Gesäß. Manche Betroffene hinken auch, nachdem sie eine bestimmte Strecke gelaufen sind. Legen sie eine kurze Pause ein, vergehen die Schmerzen. Viele halten vor einem Schaufenster an, damit es nicht auffällt. Daher kommt der Name ,,Schaufensterkrankheit‘‘. Das Symptom wird „Claudicatio intermittens“ genannt, was bedeutet, dass der Betroffene für eine Weile nicht gehen kann. Während der Pause fließt wieder ausreichend Blut nach, was die Fortbewegung wieder möglich macht.

Darüber hinaus ist das betroffene Bein kälter und blässer und der Puls unterhalb der verengten Arterie ist schwach oder fehlt ganz.

Die Länge der zurückgelegten Strecke, nach der die Schmerzen auftreten, hängt von dem Schweregrad der Arterienstenose und dem Stadium der Erkrankung ab, das auch den Grad der Behinderung bestimmt. Die Schaufensterkrankheit wird in 4 Stadien unterteilt:

  • Stadium 1 - Eine Beinarterie ist verengt, verursacht aber noch keine Symptome.
  • Stadium 2 - Claudicatio intermittens: Die Arterienstenose ist fortgeschritten. Beinschmerzen treten nach körperlicher Anstrengung auf.
  • Stadium 3: Die Arterienstenose ist kritisch und verursacht ständig Beinschmerzen, auch in Ruhe.
  • Stadium 4 - Endstadium: Die Arterie verschließt sich komplett, die Blutversorgung wird abgeriegelt, Beingewebe stirbt ab und es entsteht ein Raucherbein.

Die Schaufensterkrankheit ist mit einer kürzeren Lebenserwartung verbunden, weil ungefähr 75 Prozent der Betroffenen unter weiteren Gefäßbeschwerden leiden und an Herzinfarkt oder Schlaganfall erkranken. Je eher die Schaufensterkrankheit diagnostiziert und behandelt wird, desto günstiger ist die Prognose.

Diagnose mittels Abhören und ABI (Ankle-Branchial-Index)

Zur Diagnostik der Schaufensterkrankheit hört der Angiologe die Arterien an Ihren Beinen ab. Ist eine Beinarterie verengt, hört er an dieser Stelle ein typisches Geräusch, das es sonst nicht gibt. Danach kontrolliert er die Folgen der Verengung auf den Blutfluss mit der sogenannten ,,Doppler’’- Untersuchung, die auf Ultraschall basiert.

Mit speziellen Blutdruckmessgeräten stellt der Arzt den Druck an Beinen und Armen fest und kalkuliert auf jeder Seite den sogenannten ,,Ankle-Branchial-Index‘‘, kurz ABI genannt:

ABI = Druck auf Fußgelenkebene / Druck auf Oberarmebene

Interpretation der ABI-Werte:

ABI-Werte

Interpretation

0.91 bis 1.30

normal

0.41 bis 0.90

mäßige periphere arterielle Verschlusskrankheit

0.00 bis 0.40

schwere periphere arterielle Verschlusskrankheit

 
Vor einer OP ist zusätzlich eine Angiographie nötig. Es handelt sich um Röntgenaufnahmen, nachdem ein spezieller Farbstoff gespritzt wird, der die Arterien auf den Röntgenbildern sichtbar macht.

Therapie: Gehtraining und Risikofaktoren bekämpfen


Hausmittel und Medikamente gegen Risikofaktoren

Obwohl man Arteriosklerose nicht heilen, sondern nur hinauszögern kann, kann die Behandlung der Risikofaktoren bei der Schaufensterkrankheit Wunder wirken und das Auftreten von Herzinfarkt und Schlaganfall verhindern. Folgende Maßnahmen sind hilfreich:

  • Rauchen Sie nicht.
  • Wählen Sie eine ausgewogene Ernährung, die Bluthochdruck, Zuckerkrankheit und hohe Cholesterinwerte in Grenzen hält - essen Sie viel Obst und Gemüse und wenig Fett und Kohlehydrate.
  • Lassen Sie sich vom Arzt beraten und nehmen Sie Ihre Medikamente gegen Bluthochdruck, Zuckerkrankheit oder hohe Cholesterinwerte regelmäßig ein.

© Fotosmurf03 - iStockDurch regelmäßiges Gehen werden die verengten Arterien wieder gelöst (© Fotosmurf03 - iStock)Gehtraining

Das Gehtraining ist der ,,Sport’’ der Patienten mit Schaufensterkrankheit. Es beginnt langsam und steigert sich auf 30 Minuten Gehen 3 Mal pro Woche oder mehr, wobei Pausen eingelegt werden, wenn Schmerzen auftreten. Diese einfache Maßnahme, die an die Grundsätze der Homöopathie erinnert, ist äußerst wirksam und wissenschaftlich belegt.

Das Geheimnis des Erfolges liegt in der Tendenz des Körpers begründet, neue Gefäße zu bilden, wenn Leistung gefragt ist. Die neuen Gefäße überbrücken die Arterienstenose wie Bypass-Gefäße - und das kostenlos und ohne OP.

Medikamentöse Therapie

Je nach Schweregrad der Erkrankung können folgende Medikamente hilfreich sein:

  • Plättchenhemmer zur Vorbeugung einer Thrombose
  • durchblutungsfördernde Medikamente

Eingriffe und Operationen

Ist die Schaufensterkrankheit fortgeschritten und helfen andere Maßnahmen nicht mehr, kann die Arterienstenose mit einem Ballonkatheter erweitert werden. Die Risiken: Der innere Teil der Gefäßwand kann einreißen oder es kommt zu einer Blutung. Eine alternative operative Behandlung ist die Bypass-OP, wobei die verengte Stelle der Arterie mit zusätzlichen Gefäßstücken überbrückt wird.

Im Endstadium der Schaufensterkrankheit, wenn Beingewebe abgestorben ist, ist eine Amputation unumgänglich.

Fazit

Die Schaufensterkrankheit ist eine Folge ausgeprägter Arteriensklerose, genau wie ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall. Sie äußert sich mit Schmerzen beim Gehen oder auch in Ruhe und führt ohne  Behandlung zum Absterben des Beingewebes, das von der verengten Arterie abhängig ist. Die Bekämpfung der Risikofaktoren ist die wichtigste Maßnahme gegen die Schaufensterkrankheit und beugt Herzinfarkt und Schlaganfall vor.

Links

Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, Herz-Kreislauf-Forschung
Deutsche Liga zur Bekämpfung von Gefäßerkrankungen
Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz- und Kreislauferkrankungen
Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin
Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie
Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie
Deutsche Gesellschaft für Angiologie - Gesellschaft für Gefäßmedizin

Quellen

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Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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