Zahnimplantate - Fluch oder Segen?

M.Sc. Budde

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© Nobilior -  fotoliaZahnimplantate stellen eine beliebte Behandlungsmethode in Deutschland dar. (© Nobilior - fotolia)Statistisch erhält in Deutschland jährlich fast jeder hundertste Bundesbürger ein Zahnimplantat: Mehr als 800.000 Implantate werden jährlich eingesetzt. Patienten haben dabei oftmals negative Erwartungen: nachhaltige Schmerzen, wiederauftretende Entzündungen und behandlungsintensive Beschädigungen sind nur einige der Komplikationen, die Patienten nach dem Eingriff befürchten. Die genannten Gefahren sind jedoch statistisch gesehen kaum relevant: Ein medizinischer Eingriff gilt als risikoarmer operativer Eingriff - vorausgesetzt der durchführende Arzt ist kompetent und erfahren. Probleme treten - wenn überhaupt - bei Risikogruppen wie Diabetikern oder starken Rauchern auf.

Im Folgenden informieren wir Sie zu Hintergrundinformationen rund um den Einsatz von Implantaten und was Sie vor dem Eingriff beachten sollten.

Potentielle Probleme beim operativen Einsatz

Die Operation des Implantateinsatzes stellt eine Gefahrenquelle für einwandfreie Implantate dar. Es können Nerven während des Eingriffs beschädigt werden - im Bereich des Implantatumfeldes verlaufen wichtige Nervenbahnen.

Insbesondere der Seitenzahnbereich des Nervenknochens kann in Mitleidenschaft gezogen werden. Am häufigsten werden Beschädigungen am Unterkiefer-Nerven-Ast (Nervus alveolaris inferior) erfasst. Dieser wichtige Nerv innerviert den Bereich von Kinn und Lippe und stellt somit die Versorgung im Gesichtsbereich sicher.

Bei Beschädigung sind Taubheitsgefühle um den Mund die Folge - das Gehirn wird nicht ausreichend mit Sinnessignalen von Kinn und Lippe versorgt und die Verletzungen sind oft irreparabel. Um solche Gefahren auszuschließen, werden in der Zahnarztpraxis noch vor der Operation digitale Röntgenaufnahmen angefertigt. Der Verlauf der Nerven wird damit bestmöglich erfasst und in die Planung des Eingriffs einbezogen.

Mögliche Komplikationen

Sind die anatomischen Verhältnisse des betroffenen Gebisses beengt oder einzelne Zähne zu eng positioniert, können benachbarte Zähne durch das Einsetzen des Implantats an der Wurzel beschädigt werden.

Auch der Einsatz von Wundhaken muss mit entsprechender Sorgfalt durchgeführt werden: Bei Weichteilen im Wurzelbereich können schnell durch unzureichende Handgriffe Schäden entstehen.

Blutungen hingegen sind normale Begleiterscheinung einer Operation - lediglich bei Einnahme von blutverdünnenden Mitteln oder Blutgerinnungskrankheiten ist beim behandelnden Arzt Vorsicht geboten. Bei erfahrenen behandelnden Ärzten kann eine entsprechende Komplikation weitgehend ausgeschlossen werden - es handelt sich um einen Routineeingriff.

Verletzungen des Kieferknochens und der Kieferhöhle

©fotolia-111758403-Alexandr MitiucNach dem Einsatz von Zahnimplantaten kann es zu Wundheilungsstörungen kommen. (©fotolia-111758403-Alexandr Mitiuc)Bei unklarer Kontur des Kiefers oder einer Knocheneinziehung kann der Bohrer für das Loch des Implantats ungewollt aus dem Kieferknochen durchbrechen (Perforation). Minimale Perforationen gelten als unproblematisch, größere Durchbrüche müssen gedeckt werden, da sie zungenseitig Nerven und Blutgefäße schädigen können.

Eine Voruntersuchung mit Röntgenaufnahme verhindert diese ohnehin seltene Komplikation. Beim Knochenaufbau in die Kieferhöhle (Sinuslift) kann die Verletzung der Schneider-Membran auftreten. Hierbei wird der Kiefer im Bereich der hinteren oberen Backenzähne durch Eigenknochen oder Knochenersatzmaterial aufgebaut, um das Einsetzen eines ausreichend langen Implantats zu ermöglichen.

Dazu wird die Schneider-Membran (Innenauskleidung der Kiefernhöhle) hochgeklappt, um Zugang zum Knochen zu erhalten. Die Membran kann dabei überdehnt werden, was besonders bei vorbestehender Kieferhöhlenentzündung zu Beschwerden führt. Ist das Gewebe des Kieferknochens bereits reduziert (Atrophie), schwächen die Implantate den Knochen weiter. Unter Kaubelastung ist ein Kieferbruch möglich. Genau diesem Prozess kann aber vorher durch einen Aufbau des Kieferknochens vorgebeugt werden.

 Wie kommt es zu einer Implantitis?

Nach dem Eingriff kann das Zahnimplantat sogenannte postoperative Komplikationen verursachen. Dabei handelt es sich um Wundheilungsstörungen und Entzündungen (Implantitis), Schwellungen, Blutungen oder Schmerzen. Die Entzündung eines Implantats nach der Operation tritt in weniger als 5% der Fälle auf.

Betroffen sind vor allem Raucher und Patienten mit chronischen Zahnfleischentzündungen sowie Zahnfleischschwund (Parodontitis). Schreitet die Entzündung weiter fort, wird sie als Periimplantitis bezeichnet. Rund um das Zahnimplantat entzündet sich das Zahnfleisch, was sich bis in die Tiefe zum Knochen des Kiefers ausbreiten kann. Ist nur das Zahnfleisch betroffen (periimplantäre Mukositis), führt eine antibiotische Behandlung meist zum Abklingen der Symptome. Die ausgeprägte Periimplantitis schädigt hingegen den Knochen, baut diesen ab und lockert dadurch das neue Implantat.

Wann tritt eine Periimplantitis auf?

Ursache der Periimplantitis ist das Ablagern von Belägen am Implantat (Plaqueablagerung). Werden diese Plaques nicht regelmäßig entfernt, vermehren sich Bakterien am Übergang vom Implantathals zum Zahnfleisch.

Der Bereich beginnt sich zu entzünden und zu schmerzen. Weitere Faktoren, die eine Periimplantitis am Zahnimplantat begünstigen, sind das Rauchen, Diabetes, eine vorbestehende Parodontitis, Osteoporose, lang anhaltender Stress, hormonelle Veränderungen, eine schlechte Zahnpflege sowie mangelndes Einheilen des Zahnimplantats. Dass besonders Patienten mit Diabetes, Raucher und Osteoporose-Betroffene gefährdet sind, liegt daran, dass das Zahnfleisch bei dieser Personengruppe vorgeschädigt ist.

Durch Diabetes sind kleine Blutgefäße (Kapillaren) häufig minderversorgt und die Zellen durch den erhöhten Glukosegehalt des Blutes gestört. Störungen des Zellstoffwechsels resultieren ebenso bei Durchblutungsproblemen durch Tabakkonsum und bei seelischen Belastungen, die erhöhte Entzündungswerte verursachen. Osteoporose kann den Kieferknochen schwächen und eine Bestrahlung verändert den Knochenstoffwechsel ebenso negativ.

Ratsam ist hier ein Periimplantitis-Markertest, der versteckten Knochenabbau nachweist und auf die daran beteiligten Enzyme reagiert. Dieser dient der Früherkennung des Abbaus und kann eine Behandlungsnotwendigkeit rechtzeitig anzeigen.

Bruch und Ermüdung beim Zahnimplantat

© WavebreakMediaMicro - FotoliaUm Komplikationen und Entzündungen nach der OP zu vermeiden, sollten Sie sich einer sorgfältigen Voruntersuchung unterziehen. (© WavebreakMediaMicro - Fotolia)Wurde das Implantat für die dauerhafte Belastung zu dünn gewählt, kann es abbrechen (Ermüdungsbruch). Dies gilt besonders beim nächtlichen Zähneknirschen. Patienten üben dabei nachts sehr starken Druck auf die Zähne aus und belasten das Implantat unnötig, was sich in dessen höherem Verschleiß und Kopfschmerzen äußert.

Hierdurch können sich Verbindungsschrauben eines Stegs lockern oder brechen bzw. das Implantat selbst kann Risse bekommen. Abhilfe schaffen hier spezielle Schienen oder Maßnahmen der Physiotherapie. Muss das Implantat nach einem Bruch entfernt werden oder heilt es nicht ein, ist dies zunächst enttäuschend - ein dauerhafter Schaden resultiert aber meist nicht.

Der Knochendefekt wird durch Knochenneubildung geschlossen und eine erneute Implantation ist in vielen Fällen möglich. Auch die Versorgung durch herkömmlichen Zahnersatz kann in diesem Fall eine Alternative sein.

Fazit

Implantate sollen ein Leben lang halten und wurden entsprechend konstruiert. Dennoch ergeben sich aus diesem Anspruch auch Probleme, denn die Mundhöhle ist ein Tummelplatz für Bakterien und an keiner anderen Stelle des Körpers treten so starke Hebelkräfte auf.

Viele Komplikationen lassen sich durch Voruntersuchungen und ein sorgfältiges Arbeiten vermeiden. Wünschen Sie weitere Informationen oder möchten Sie sich zum Thema Zahnimplantat professionell beraten lassen? Dann nehmen Sie Kontakt zu einem erfahrenen Implantologen in Ihrer Nähe auf.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (8)


10.06.2018 - 15:46 Uhr

Habe eine Frage. Ich habe zwei Implantate im...

von Rene

... Oberkiefer. Das Problem ist dass das eine beim einsetzen der Prothese nicht zuschnappt. In meinem Labor wurden mittlerweile schon so viele verschieden Einsätze (farbige Gummis) ausprobiert. Das geht dann vielleicht zwei Tage gut. Kann mir jemand was dazu sagen?

M.Sc. Budde

Antwort vom Autor am 21.06.2018
M.Sc. Lars Christian Budde

Hallo Rene, evtl. sind die Locatoren (die goldfarbenen Köpfe)abgenutzt. Es gibt auch Einsätze für divergierende Implantate. Beides lässt sich leicht herausfinden bei einem Termin Ort bei uns. Wir haben ein Meisterlabor in der Praxis... Alle gängigen Systeme... Mit freundlichen Grüßen Budde

15.05.2018 - 09:29 Uhr

In dem Bericht finde ich kein Wort über die...

von Lilli

... Komplikationen bei autoimmunen Erkrankungen. Z.B. bei Schilddrüsenunterfunktion.

24.03.2018 - 07:33 Uhr

Was hier nicht beschrieben wurde, ist die...

von Jürgen T.

... Entzündung und Lockerung des Implantats nach einer erfolgreichen Einheilung, nachdem die Schleimhaut über dem Implantat eröffnet und Provisorien vor dem eigentlichen Zahnersatz eingeschraubt worden waren. Was sind die möglichen Ursachen? Es wurden Implantate ohne Gewinde eingesetzt. Der Kieferknochen war nach gründlicher ärztlicher Voruntersuchung in ausgezeichnetem Zustand und es war mehr als genug an Knochenmasse vorhanden. Der behandelnde Zahnarzt sprach von einer "Abstoßungsreaktion", die vorkommen könne. Dabei waren bei den bereits an anderer Körperstelle vorhanden Titan-Implantaten (Füßen) keine Unverträglichkeitsreaktionen zu beobachten. Sie sind bereits 15 Jahre im Körper...

04.03.2018 - 01:42 Uhr

Danke... nach diesen Artikeln sage ich den Termin...

von Abcdefg

... zur Extraktion jetzt Mitte der Woche definitiv ab und nehme lieber nochmal ein Antibiotikum... Wenn der Zahn im Fronbereit 3.4er dennoch raus muss, dann habe ich eben eine Lücke. Bakterien am Zahn sind wohl die Ursache und es eitert halt und tut nach dem Essen immer mal weh...

28.02.2018 - 13:53 Uhr

Implantat schmerzen durch Virus. Ich könnte...

von Carolin

... heulen und kein Zahnarzt hilft

23.01.2018 - 19:29 Uhr

Seit meiner OP bzgl. Oberkiefer mit 6 Implantate...

von Eveline S.

... kann ich nichts mehr riechen. Die oberen Zähne wurden komplett gezogen. Leide sehr darunter. Die OP war vor einem halben Jahr. Kann mir jemand mitteilen, was passiert sein könnte? Lieben Dank vorab.

18.06.2017 - 11:31 Uhr

Meine Implantate wurden im Oktober 2016 gesetzt....

von Johannna J.

... Ich bin sehr zufrieden. Ich habe seit 2002 eine Spenderniere und seit Herbst 2016 ständig Durchfälle und einen Gewichtsverlust von 20kg. Mein Darm erholt sich sehr langsam. Alle Untersuchungen sind negativ. Können die Implantate mit meinen Darmproblemen zusammen hängen?

18.05.2017 - 16:43 Uhr

Der Artikel ist sehr gut. Leider wusste ich...

von Bernd W.

... nichts von den Risiken: Jetzt sitze ich da, mit den Fragmenten von 3 gebrochenen Implantaten, dem Loch eines nicht eingewachsenen Implantats (alle im Oberkiefer, 2008 gesetzt) und 4 Implantaten im Unterkiefer (seit 2014) und der Sorge, dass die im Artikel genannten Probleme mich bald auch im Unterkiefer treffen können. Nebenbei: 2008 habe ich für Implantate und Prothetik 7.200,- € bezahlt; jetzt sollen es schon 11.500,- € sein für die Erneuerung des Schrotts. Bernd W.


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